Kurzstrecke verlängern!

Die Berliner Taxi-Kurzstrecke soll abgeschafft werden. Das ist falsch und traurig. Denn sie passt so gut zum Leben in der Hauptstadt - und schützt vor schlechtem Gewissen.
christian-helten



Taxifahren, das funktioniert in Deutschland so: Man steigt ein, nennt sein Ziel, der Fahrer schmeißt Motor und Taxameter an und wenn man angekommen ist, zahlt man den angezeigten Preis. In Berlin gibt es eine weitere Variante: Man steigt ein, und lässt sich für vier Euro so weit in Richtung seines Ziels chauffieren, wie das Geld reicht. Dieses Prinzip, genannt „Kurzstrecke“, ist jetzt nach 16 Jahren Existenz bedroht. Die Kurzstrecke soll demnächst abgeschafft werden.

Das ist traurig. Denn die Kurzstrecke passt so schön ins Berliner Nachtleben. Man steigt ins Taxi und steigt wieder aus, wenn kein Geld mehr da ist. Man landet also fast nie genau dort, wo man eigentlich hin möchte. Man muss noch ein Stück laufen und wird unterwegs manchmal vom eigentlich geplanten Weg abgelenkt, sei es durch eine neue Bar, die man auf seinen Umwegen entdeckt oder ein Gespräch, in das man bei der Einkehr in einen am Weg gelegenen Spätkauf verwickelt wird. Man gerät in einen Modus des Sich-Treiben-Lassens, und das Gefühl, dass in Berlin und vor allem im Berliner Nachtleben alles möglich ist, wird dadurch verstärkt.

Darüber hinaus ist die Kurzstrecke aber für junge Menschen generell wie geschaffen. Eine normale Taxifahrt fällt für die meisten von uns schließlich in den Bereich der Luxusgüter. Standardmäßig bewegen wir uns mit dem Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt. Das Taxi ist die Notlösung. Wenn man sich nach dem Bar-Besuch trennt und auslotet, wer wie in welche Richtung muss, gerät jeder, dessen Heimkehrplan das Wort "Taxi" beinhaltet, in einen Rechtfertigungszwang. Man muss schon riesige Geschenkeberge dabei haben oder am nächsten Morgen früh zum Vorstellungsgespräch müssen, so dass wirklich jede Minute Schlaf zählt, die man ausnahmsweise mit einer Taxifahrt hereinholt.

Und selbst wenn das Rad zu Hause steht oder die U-Bahn-Eingänge spät nachts verriegelt sind, gehen wir manchmal am Taxistand vorüber und marschieren zu Fuß nach Hause. Zu solch später Stunde ist die Nacht ohnehin schon zeitlos. Das Taxigeld wäre Verschwendung. Die Kurzstrecke ist der perfekte Kompromiss in diesem System. Sie ermöglicht uns ein bisschen Komfort und schützt uns gleichzeitig vor schlechtem Gewissen wegen Verschwenderei. Sie spiegelt gewissermaßen wider, dass auch unser Umgang mit der eigentlich so banalen Tätigkeit der Taxi-Nutzung dem Prozess des Erwachsenwerdens unterworfen ist. Zu Schulzeiten ist ein Taxi etwas, das immer nur die Eltern zahlen. Während des Studiums gönnt man es sich nur ausnahmsweise. Mit dem Eintritt in die Welt der Berufstätigen gönnt man es sich immer öfter. Die Kurzstrecke erleichtert den Übergang, sie ist quasi der Studenten-Tarif der Taxiunternehmen.

Man sollte sie nicht abschaffen, sondern im Gegenteil am besten deutschlandweit einführen.

Update: Wir haben das angekündigte Ende der Berliner Kurzstrecke zum Anlass genommen, mal bei den Münchner Taxlern nachzufragen, wie die Chancen stehen, dass das System in München eingeführt wird. Das Interview liest du hier.

Text: christian-helten - Foto: Reuters

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