Lasst mich doch bitte in Ruhe wohnen!

Skepsis, wenn es München ist, Ehrfurcht vor Berlin ist und Mitleid für Bonner: Der Wohnort spielt für die Außenwirkung mittlerweile eine genauso wichtige Rolle wie die Kleidung oder der Musikgeschmack. Das nervt!
nadja-schlueter

„Ach, du kommst aus München, der saubersten Stadt Deutschlands", sagt der Dresdner zu mir und fragt dann: „Findest du es hier sehr schlimm?" „Nein", sage ich und „aber dich finde ich schlimm", denke ich. Denn mein Gegenüber geht ganz offensichtlich davon aus, dass ich es in Dresden nicht aushalte, weil ich andere Standards gewöhnt bin. Dass ich in einem langwierigen Auswahlprozess durchs Land gereist bin und jede Stadt unter die Lupe genommen habe, um mich dann für diejenige zu entscheiden, die meinem Wesen am meisten entspricht. Er glaubt, dass jeder genau in der Stadt lebt, die sein Innerstes widerspiegelt. Als könnten Städte das.

Die Stadt, in der man lebt, wird in das erste Urteil oft genauso stark einbezogen wie die Klamotten, die man trägt, oder die Musik, die man hört. Für viele sind Städte wie Marken. Oft präsentieren sie sich ja auch so und geben sich ein bestimmtes Image. Daher gehen die meisten davon aus, dass man sich bewusst für eine dieser Städte-Marken entschieden hat, so als habe man ein bestimmtes Produkt gekauft. Ich habe schon viel Zeit damit verbracht, mich darüber zu ärgern, dass ich mit meinem Wohnort identifiziert werde. Ich habe in Bonn studiert. Eine Tatsache, die andere oft zu der Frage „Warum denn ausgerechnet Bonn?" verleitet hat, weil alles, das kleiner als 500.000 Einwohner ist, als provinzieller Miefort ohne Lebenswert gilt. Dann zog ich nach München und sehe mich seitdem massenweise schlechten Meinungen ausgesetzt, die wahrscheinlich nur dann keine Wunden ins Selbstwertgefühl schlagen, wenn man die Stadt wirklich sehr liebt und darum aus voller Brust verteidigen kann. Ich war schon mit Menschen in einem Raum, die zutiefst beleidigt waren, als jemand versehentlich annahm, sie kämen aus München. Währenddessen daneben zu sitzen ist sehr ermüdend. Sogar im Ausland war ich nicht sicher vor dem Stigma der Stadt: Ich musste mir wiederholt anhören, Amman sei die langweiligste Stadt im Nahen Osten, warum ich denn nicht in Beirut oder Tel Aviv sei. Wer dort lebt oder in Berlin, der kennt den umgekehrten Effekt und kann vom guten Ruf der Städte profitieren. Eine Kollegin erzählte neulich, während ihrer Berlinzeit habe die Nennung ihres Wohnorts ihr oft Pluspunkte eingebracht. Dabei habe sie doch nur da gewohnt, das allein sei doch noch keine Leistung!



Das ist es eben. Meistens wohnt man eben einfach nur in einer Stadt. Man sollte endlich einmal in Ruhe wohnen dürfen, ohne dauernd begründen zu müssen, warum man es ausgerechnet dort tut. Ohne gleich in einem bestimmten Licht dazustehen, egal, ob es einen besonders schön oder besonders hässlich aussehen lässt. Denn es lässt einen erstmal nicht so aussehen wie einen selbst, sondern wie ein Wappentier. Man ist aber kein Wappentier. Man hat die Stadt nicht gebaut, man hat nicht dafür gesorgt, dass dort besonders viel oder besonders wenig gekehrt wird, man hat sich nicht einen dieser anstrengenden Mottosprüche für die Stadt ausgedacht. Vielleicht wohnt man dort, weil man die Stadt besonders mag. Aber vielleicht auch, weil es dort den besten oder einzigen Studienplatz gab oder einen Job oder den Menschen, den man liebt. Das Leben hat einen eben einfach an diesen Ort gespült. Wenn man sich dort nicht Zuhause fühlt, dann arrangiert man sich oder zieht wieder weg, wenn das möglich ist. Wenn man es dort schön findet, dann umso besser. Aber in keinem Fall einen die Menschen, die München oder Berlin oder Hamburg oder Fulda oder Bonn mögen oder nicht mögen, bestimmte Charaktereigenschaften. Städte sind schließlich keine Mäntel, die man sich überzieht. Viel eher sind sie große Kartons mit ziemlich vielen verschiedenen Mänteln drin.

Ich möchte nicht mehr über meine Stadt reden. Ich möchte mich nicht rechtfertigen müssen für einen Ort, an dem ich lebe. Ich möchte auch keine Anerkennung für den Ort, an dem ich lebe. Ich möchte gefragt werden, wie es mir geht und was ich so mache, unabhängig von meinem Standort. Denn Mitleid, Skepsis oder Ehrfurcht, wenn man seinen Wohnort nennt, und schon vorher zu wissen, was von beidem einem entgegenschlagen wird, das macht Wohnen anstrengend. Und wenn irgendwas auf dieser Welt eigentlich nicht anstrengend sein sollte, dann doch wohl Wohnen. 

Text: nadja-schlueter - Foto: Susann Städter / photocase.com

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