Last Days: Die letzten Tage Cobains kommen ins Kino

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Last Days ist inspiriert von Kurt Cobains Todesumständen und der Film ist ihm gewidmet. Van Sants Cobain heißt Blake und wird gespielt von Michael Pitt (Die Träumer). Blake trägt seine Haare lang und strähnig, seine Sonnenbrille ist aus den 70ern, seine Kleidung Grunge-zerschlissen. Wäre Cobain 2005, als Last Days gedreht wurde, nicht schon elf Jahre tot gewesen, man könnte denken, er würde seinen langsamen Abschied selbst nachspielen. So ähnlich sieht Pitt dem Nirvana Sänger.

Last Days steht nicht in der Reihe von Good Will Hunting oder Finding Forrester, Van Sants konventionelleren, dem Mainstream näheren Filmen, sondern besitzt die Low-Fi Ästhetik von My Private Idaho oder Elephant. Wie bei der Darstellung eines Schulmassakers in Elephant verzichtet Van Sant auf eine klare Storyline, Szenen werden aus verschiedenen Perspektiven gezeigt, es gibt endlos lange Einstellungen, betörend schön und durch das Fehlen jeglicher Aktion bis an den Rand der Langweile ausgereizt. Es entwickelt sich eine meditative Ruhe, eine dumpfe Melancholie, wie man sie nur im Heroin-Rausch erlebt. Last Days ist auf Opiaten wie Blake. Der stolpert zu Beginn des Films durch einen Wald, irgendwo im amerikanischen Outback, er murmelt unzusammenhängende Sätze, stapft durch einen Sumpf, pinkelt in einen Fluss. Die Natur ist für Blake kein Ort der romantischen Zuflucht, wo er zu sich selbst finden kann, sie ist nur zum ziellosen Durchwandern da. Er scheint sie nicht mehr wahrzunehmen, ist nur noch bei sich, das Band zwischen ihm und seiner Umwelt ist längst durchschnitten. Seine Bandkollegen, mit ihnen hat er sich in ein Haus eingemietet, um neue Songs zu schreiben, kommen nicht mehr an ihn heran. Ein Vertreter der Gelben Seiten klingelt (gespielt von Thadeus A. Thomas, der wirklich für die Yellow Pages arbeitet) und will wissen, wie Blakes Geschäft als Verkäufer für Lokomotiv-Ersatzteile läuft. Eine Verwechslung. Blake will den Irrtum aufklären, doch jeden Einwand lächelt der Vertreter weg. Er versteht Blake einfach nicht. Wir sehen Blake, wie er sich minutenlang ein zuckersüßes Boys II Men-Video anschaut, wie er in Frauenkleidern auf den Boden sinkt und sich nicht mehr bewegt, wie er im Garten etwas ausgräbt oder mit einer Schrotflinte hantiert. Und bei allem beobachtet ihn die ruhige Kamera von Harris Savides (The Game, Elephant), die manche Szenen zu bewegenden Stills werden lässt. Sie zeigen einen Verlorenen, einen Autisten, der keine kohärente Aktion mehr hinbekommt. Blake hat die Welt schon verlassen, bevor ihn eine Ladung Schrot aus dem Leben reißt. Last Days ist keine detaillierte Aufarbeitung der letzten Tage von Kurt Cobain für Hardcore-Nirvana-Fans. Courtney Love kommt nicht um die Ecke und legt ihrem Mann die Doppelläufige in die Hand, was sich vielleicht Verschwörungstheoretiker vom Film erhoffen würden. Vielmehr ist Van Sants Halluzinogen ein Abschiedsgruß an den gefallenen Rockstar mit Kurzauftritten von alten Weggefährten (Kim Gordon von Sonic Youth) und Schwestern und Brüdern im Geiste (Asia Argento, Harmony Korine). Ein Totenmarsch in Zeitlupe, der Cobain wahrscheinlich näher ist, als jeder der tausend Versuche in Biographien und theoretischen Abhandlungen dessen Tod zu rekonstruieren. Bild: dpa

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