Later with Jools Holland. Und Sonic Youth.

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Wer schon mal in England einen Fernseher zur Verfügung hatte, kennt ihn höchstwahrscheinlich: Jools Holland mit seiner Musikshow, Jools Holland, die BBC-Legende, Jools Holland, neben John Peel selig der große Musik-Zampano der Insel. Seit zwanzig Jahren moderiert er seine „Later“-Show und wenn man versucht zu erzählen, was darin vor sich geht, kommt man dem Zauber des Ganzen nicht mal annähernd nahe.

Er lädt Bands ein, kleine und große. Alle kommen und stehen in einem völlig schmucklosen Studio in das auch noch ein bisschen Publikum gepfercht wird. Zur Eröffnung dreht sich die Kamera im Kreis und alle geladenen Bands jammen ein artiges Willkommens-Intro, das schon der erste Höhepunkt ist, weil selbst ein wilder, halbnackter Flea von den Red Hot Chili Peppers dabei aussieht, als würde er beim Schulkonzert nach Noten spielen und Thom York daneben brav mitklascht. So sieht das aus:

  http://www.youtube.com/watch?v=V9aEP0cyErI  

Dann spielen die Bands oder Solisten live und hintereinander weg, sie sind dazu kurios im Kreis aufgebaut. Sobald eine Band fertig ist, sagt Jools Holland Danke oder stellt ein paar sachliche Fragen und kündigt dann mit seiner hypnotisierenden, hohen Stimme die nächste an, das ganze Studio ist Bühne. Obwohl es kein Wettbewerb ist und man nichts gewinnen kann, legen sich die Bands traditionell mächtig ins Zeug, rocken, punken, säuseln in die Fernsehkameras, während die pausierenden Kollegen am Tisch hocken und mitwippen - jeder Act kommt auch mindestens zweimal dran. Es ist Livemusik im Fernsehen, so altmodisch und ohne Klimbim, dass man heulen könnte vor Freude und hat dabei wirklich einen hohen Gebrauchswert, gerade weil die unterschiedlichsten Musikcharaktere aufeinandertreffen und irgendwie eine gute Konzentration über der ganze Sache liegt. Jedenfalls hat man ständig Aha-Momente mit Künstlernamen, die einem vorher gar nichts sagten.

Die Sendung läuft derzeit freitagnachts auf BBC2 und hat natürlich längst Kultstatus, sie ist perfekt, um sich nebenbei zu betrinken, perfekt, um dabei im einsamen Hotelzimmer einzuschlafen, perfekt, um mit Freunden die Vorzüge und Anzüge der einzelnen Bands zu diskutieren, sie vereint ohne jede Kraftanstrengung Mainstream und Indie, Jung und Alt und wird elegant und zeitlos geführt von Jools Holland, der ebenfalls Musiker ist und gelegentlich auch mal mittut.  

Dem ZDF Kulturkanal ist also grundsätzlich zu danken, dass er Folgen der Show eingekauft hat (und nicht versucht, sie selber zu machen). Nur leider ist, abgesehen vom ohnehin eingeschränkten Empfang, der tägliche deutsche Sendtermin um 17.55 Uhr in etwa so, als würde man ein Feuerwerk um zehn Uhr morgens abfackeln (Okay, es gibt auch eine Wiederholung um 0.40Uhr). Man braucht unbedingt eine gewisse Tagschwere und Dunkelheit, um dieser Show mit der richtigen Langmut zu begegnen und um sechs Uhr abends funktioniert das nur sehr schlecht.

Trotzdem, wer Zeit und Kanal hat, sollte zum Beispiel diesen Montag einschalten, wo in einer einzigen Ausgabe des britischen Musikantenstadls Depeche Mode, Liliy Allen, Sonic Youth und Taj Mahal aufeinandertreffen.

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