Lauter als die Tat: Wie sich die Öffentlichkeit Emsdetten erklärt

Der Amoklauf von Emsdetten war am Montag, 10.59 Uhr vorbei. Doch manchmal wird es noch lauter, wenn der letzte Schuss gefallen und der Polizeibericht geschrieben ist. Wenige Minuten nach den ersten Meldungen fordern Politiker "endlich Konsequenzen", die Telefone der Medienforscher klingeln Sturm, Videospiel-Fans fürchten das Verbot ihres Lieblings-Hobbys. Um nicht den Überblick zu verlieren, hat jetzt.de die Debatte in Nachrichtenstudios, Parlamenten, Foren und vor allem auch in Blogs protokolliert; und auch überlegt, was mit Sebastian B. und seiner traurigen Geschichte wohl in den nächsten Monaten passieren wird.
peter-wagner

Montag, 20. November 9.28 Uhr Vor Ort Bei der Polizei geht ein Notruf ein. Mitarbeiter des Sekretariats der Geschwister-Scholl-Schule teilen den Beamten mit, dass ein unbekannter maskierter Mann in der Realschule um sich schießt. 9.34 Uhr Streifenwagen mit vier Polizisten treffen am Tatort ein. Die Beamten betreten das Gebäude. Der Täter zieht sich in die erste Etage zurück und zündet Rauchbomben. Dabei erleiden die Polizisten Rauchvergiftungen. 9.45 Uhr Das Polizeipräsidium Münster übernimmt die Einsatzführung. Spezialeinsatzkräfte werden alarmiert. 10.10 Uhr Die Spezialeinsatzkräfte betreten die Schule. Die Beamten bringen vier Kinder in Sicherheit, die sich noch in dem Gebäude befinden. Wenig später finden die Beamten im zweiten Stock die Leiche des Täters. Er hat sich selbst das Leben genommen.

Die Waffen von Sebastian B. 10.59 Uhr Die Nachrichtenagentur Erste Meldung der dpa aus Emsdetten, eingestuft in die Kategorie „Eil“. 11.59 Uhr Die Polizei Polizeisprecher Klaus Lackmann teilt mit: „Das Gebäude ist geräumt. Alle Kinder sind in Sicherheit. Der Täter ist tot“. 12.01 Uhr Die ARD Tagesschau-Telefonschalte nach Emsdetten. Reporter Rüdiger Paulert erzählt von einem „maskierten, bewaffneten Mann“. Alles weitere ist noch unklar.

Screenshot aus einem Video, das B. gedreht hat. 13.40 Uhr Die Game-Foren In den Foren der deutschen „Counter-Strike“- und „Halflife-Gemeinde“ tauchen die ersten Beiträge mit Betreff „Der jüngste Amoklauf“ auf. „Da kommt einiges auf uns zu“, schreibt ein User. Ein anderer: „And round and round it goes. Oder: The return of the Killerspiel-Debatte“. Die Videospieler sind eine medienkompetente Subkultur und kennen die Diskurs-Dynamik. 14.00 Uhr Die Nachrichtensender Die Nachrichtensender N24 und N-TV berichten live und vor Ort. Die Reporter stehen vor dem Schulgebäude und liefern ein erstes Psychogramm des Täters. Auf N24 klingt das so: Counter-Strike, Satanismus, Gothic-Musik. Der Diplom-Psychologe Oliver Berg erklärt, Sebastian B. habe seine Tat „mit Counter-Strike wunderbar planen“ können. Die wenigen Informationen, die zu diesem Zeitpunkt über den Täter und sein Umfeld bekannt sind, werden alle fünf Minuten wiederholt. Es ist der Versuch der Journalisten, eine unerklärliche Tat zu erklären.

Die NRW-Schulministerin Sommer. 14.19 Uhr Politik die Erste Nordrhein-Westfalens Innenminister Ingo Wolf besucht kurz nach dem Drama den Tatort und spricht erste Vokabeln der Betroffenheit. „Der Amoklauf des 18-jährigen Jugendlichen in Emsdetten ist schrecklich. Die furchtbare Tat zeigt dass wir mehr gegen Gewalt in unserer Gesellschaft unternehmen müssen.“ Kurz darauf nutzt der Leiter des schulpsychologischen Dienstes der Stadt Düsseldorf, Stefan Drewes, die Chance und formuliert als erster eine politische Forderung: „Wir brauchen an jeder Schule einen Psychologen“, sagte der Leiter des. Nach Angaben des NRW-Landesverbandes Schulpsychologie kommt in Deutschland auf 12.500 Schüler nur ein Psychologe. Damit liege Deutschland im OECD-Vergleich vor Malta an vorletzter Stelle. In Skandinavien und Russland liege das Verhältnis bei etwa 1000:1. 14.30 Uhr Vor Ort Die Ermittler ziehen eine erste Bilanz: Insgesamt wurden 27 Menschen verletzt, dabei wurden drei Jungen, ein Mädchen und ein Hausmeister von Schüssen getroffen. Bei den übrigen Verletzten handelt es sich um Polizisten, Schüler und Lehrer, die vor allem Rauchvergiftungen erlitten hatten. 14.34 Uhr CNN Emsdetten goes global: CNN berichtet über: “A former student strapped explosives to his body and went on a violent rampage at a school in western Germany, shooting and wounding six people -- most of them students -- before killing himself, police said.” 15.29 Uhr Die Game-Foren Auf dem Counterstrike-Forum schreibt der Nutzer „Metoo“: „Der Täter hatte zwei abgesägte Langwaffen dabei, Rauchbomben und Granaten. Da fallen einem als CS-Spieler schon ein paar Parallelen zu so einem Amoklauf auf“. In den nächsten Stunden bilden sich hier auf dem Forum zwei Fraktionen. Die einen schimpfen in deftigen Wörtern über die sensationsgeile Presse, die einseitige Berichterstattung und die „Alten, die mal wieder überhaupt nichts verstehen.“ Besonnenere Stimmen fragen sich, warum „sich immer wieder Geisteskranke von der Game-Logik beeinflussen lassen“. Selbst im CS-Forum werden psychologische Tests in Schulen, Computer-Führerscheine und die Anhebung der Altersgrenze gefordert. Vereint wird die Gemeinde in der Sorge um ihr liebstes Hobby. Lazee schreibt: „So Jungs, das war es jetzt mit Counterstrike. Ich glaube nicht, dass wir das noch überleben werden.“

Die erste Pressekonferenz mit der Schulleiterin. 16.37 Uhr Die Wissenschaftler Am Nachmittag kommt die Zeit für Einordnungen allgemeiner Natur. Wissenschaftler werden befragt. „Die Täter kehren die Macht um, aus Rache und Verzweiflung. Sie fühlen sich wertlos, wollen sich einmal bestätigen“, sagt der Kriminologe Arthur Kreuzer von der Universität Gießen. „Aus Ohnmacht wir dann Macht.“ Der Kriminologe Christian Pfeiffer sagt der dpa in Hannover: „Amokläufer wollen Macht ausüben, Todesangst einjagen, Herr über Leben und Tod spielen und anderen zeigen, wer die Macht hat. In der Fantasie wird er noch viel Schlimmeres vorgehabt haben“, erläuterte Pfeiffer. Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann fordert ein Verbot gewaltverherrlichender Computerspiele. Der Bielefelder Professor sprach sich dagegen aus, die Sicherheitsvorkehrungen an deutschen Schulen zu verschärfen. 17.45 Uhr Die Tatort-fernen SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz regt ein Verbot Gewalt verherrlichender Computerspiele an. „Ich bin sehr dafür, ein Verbot von Killerspielen in Betracht zu ziehen“, sagt Wiefelspütz der „Netzeitung“. Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) hat angesichts des Amoklaufs in einer Realschule im münsterländischen Emsdetten vor kurzfristigem Aktionismus gewarnt. Die Grünen lehnen nach dem Überfall auf eine Schule in Emsdetten ein Verbot von Computerspielen ab. Am Dienstag greift der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Wolfgang Bosbach, die Äußerung von Stefan Drewes auf und weißt darauf hin, dass Deutschland beim Verhältnis Schulpsychologen zu Schülern in einer OECD-Studie nur auf dem vorletzten Platz gelandet sei: „Da liegt Deutschland kurz vor Malta“. Mit einer Bundesratsinitiative will Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) ein Verbot von Gewalt verherrlichenden Computerspielen erreichen. 18.00 Uhr Im Modding-Forum In den Medien taucht das Gerücht auf, Sebastian B. habe mit der Modifikations-Software von Counter-Strike sein Schulgebäude nachgebaut und dort die Tat geplant. Wenig später wird im Modding-Forum thewall.de ein sechs Jahre alter Thread wieder aktiv, in dem Sebastian B. mit seinem Internet-Nickname „Resident X“ regelmäßig gepostet hatte. „Schon schrecklich, dass unser RX der Amokläufer ist“, schreibt ein Nutzer in den alten Thread. „Stimmt das etwa“, so eine Antwort, „Oh mein Gott.“ Auch bei Half-life2.de haben die User bemerkt, dass „wir lange mit dem Typen zu tun hatte. Der hat doch ganz normal gepostet“. Die meisten Forum-Teilnehmer finden ihre virtuelle Verbindung mit dem Amokläufer zwar gruselig, kennen aber auch die Konsequenzen. „Wenn die Journalisten anfangen, ‚Resident X’ zu googeln, dann finden sie uns auch hier“, schreibt einer. Manche finden das sogar gut: „Dann sehen sie, dass wir ganz normale Leute sind.“ Oder: „He, wir werden berühmt.“ Die Administratoren und Moderatoren der Foren verteilen Handlungsanweisungen: „Bitte alle verantwortungsbewusst posten“, heißt es bei thewall.de, „Wir wollen nicht das verzerrte Bild abzugeben, das die Leute hier finden wollen.“ 18.35 Uhr Die Kommentatoren Die ersten Leitartikel werden geschrieben. Keine leichte Aufgabe für die Kommentatoren. Ein paar Auszüge ihrer Bemühungen. *Ostsee-Zeitung: Längst hat die Gesellschaft vor darstellender Brutalität und Gewalt kapituliert. Moralische Grenzen sind gefallen, Tabubrüche sind an der Tagesordnung. Potenzielle Amokläufer finden ihre killenden „Vorbilder“ heute auf der Festplatte, in PC- und Videospielen, im Fernsehen und Gazetten. Mit der schwindenden Verantwortung sinkt die Hemmschwelle der Konsumenten. Das wiederum sind vor allem junge Männer - wie der Amokläufer von Emsdetten. *taz: Der Emsdettener Amokläufer war ein Einzelgänger, cholerisch und gewalttätig. Und offenbar ein Konsument von Gewalt-Computerspielen. Auch das passt in unser Bild von solchen Tätern. Aber es erklärt nicht viel. Es gibt viele, die sich in der Schule als Verlierer und Außenseiter fühlen und Counterstrike spielen - und denen es trotzdem nicht im Traum einfällt, sich wie ein Selbstmordattentäter mit Sprengstoff auszustaffieren. *Express aus Köln: Die Stillen, die Einzelgänger - jeder von uns hatte solche Schulkameraden. Solche Sonderlinge gibt es noch immer. Sonderlinge waren Sebastian B. in Emsdetten oder Robert Steinhäuser in Erfurt auch. Ihre Schweigsamkeit verbarg Abgründe von Hass, Hass auf die Welt, auf sich. Ihre Welt: Ballerspiel. Ihre Freunde: Schusswaffen. 20.15 Uhr Die Quoten Günther Jauchs RTL-Quiz „Wer wird Millionär?“ dominiert auch am Montagabend im deutschen Fernsehen. 7,98 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 23,4 Prozent) verfolgten das Frage- und Antwortspiel nach Senderangaben ab 20.15 Uhr. Zeitgleich schalteten 4,88 Millionen Menschen (14,4 Prozent) den ZDF-Krimi „Der Staatsanwalt - Henkersmahlzeit“ ein und 4,11 Millionen (12,3 Prozent) den ARD- „Brennpunkt“ zum Amoklauf in Emsdetten. 22.43 Uhr Im Halflife-Forum Die Threads im Halflife2-Forum zum Amoklauf werden geschlossen. „Aufgrund des aktuellen Anlasses wird der Thread aus Geschmackgründen geschlossen“, schreibt der Administrator. Anlass dafür sind Beiträge wie: „Warum hat er kein Sturmgewehr genommen.“ Oder: „Hoffentlich hat er ein paar von denen erwischt, die ihn geärgert haben.“ 0.15 Uhr Im Nachtmagazin der ARD Der Psychologe Christian Lüdke erklärt im ARD-Nachtmagazin Gabi Bauer, dass „nicht die Videospiele schuld sind (...) der Amoklauf ist der Abschluss einer langen gestörten Persönlichkeitsentwicklung (...) Die Eltern waren nicht für ihn da (...) Verbote helfen nichts. Die Computerspiele passen einfach nur gut zur inneren Erlebnis- und Phantasiewelt solcher Personen“. Dienstag, 21. November Auf den Titelseiten: Amoklauf in Realschule (Süddeutsche Zeitung) "Ihr habt diese Schlacht begonnen, nicht ich“ (taz) Er liebte Killerspiele und hasste das Leben (tz) Der irre Plan des Killers. "Ich bringe euch alle um." (Bild) 11.10 Uhr Das Umfeld dpa meldet: Der 18 Jahre alte Täter von Emsdetten hat in den Wochen vor seiner Tat in einem Baumarkt gejobbt. Dabei blieb der Mann unauffällig, wie es am Dienstag aus dem Unternehmen hieß. „Aushilfskräfte werden für Inventur- und Lagerarbeiten eingesetzt. Sie haben keinen Kundenkontakt, weil dafür bestimmtes Fachwissen notwendig wäre“, sagte ein Firmensprecher über die Tätigkeit des 18- Jährigen.“

Bild von B. in einem Jahresbericht der Schule. 11.17 Uhr Die Bayern Die bayerische Familienministerin Christa Stewens (CSU) fordert das Verbot von Killerspielen. Bayerns Ministerpräsident Stoiber legt nach. „Nach dem verheerenden Amoklauf von Emsdetten darf es keine Ausreden und Ausflüchte mehr geben: Killerspiele gehören in Deutschland verboten“, betonte Ministerpräsident Edmund Stoiber am Dienstag in München. „Sie animieren Jugendliche, andere Menschen zu töten“, betonte der CSU-Chef. „Das sind völlig unverantwortliche und indiskutable Machwerke, die in unserer Gesellschaft keinen Platz haben dürfen.“ Das bayerische Kultusministerium nutzt die Chance und zieht ein Internet-Projekt zu Gewaltprävention an Schulen zu einem Zeitpunkt aus der Schublade, zu dem die Schar der Zuhörer groß ist. „Das Portal wurde in einem mehrjährigen Prozess von Experten aus Schule und Wissenschaft erarbeitet und unterstützt nun Schulen und Eltern in ihrer Erziehungs- und Bildungsarbeit“, teilte das Ministerium am Dienstag in München mit. 11.50 Uhr Die Bürgerjournalisten Nicht nur die Journalisten recherchieren. Auch in Blogs und Internet-Foren werden immer neue Erkenntnisse über Sebastian B. veröffentlicht. Das Internet hat viele Quellen. Kein Wunder, er hatte es so geplant. „Ich werde dafür sorgen, dass mein Tagebuch, Fotos und Filme in die Welt kommen“, heißt es in dem Abschiedsbrief, den man selbstverständlich auch im Netz findet. „Resident X“ hatte Nutzer-Profile bei Half-Life, Quake und Unreal Tournament. Blogger finden seine Tagebücher über Paintball-Turniere bei Livejournal.com. Ein Filmclip findet sich bei YouTube. Und auch ein Beitrag bei einem Beratungs-Forum, wo „Resident X“ schreibt: „Ich weiß nicht woran ich bin, ich weiß nicht mehr weiter. Bitte helft mit. Ja, es geht um einen Amoklauf.“ Auf Blogs und Foto-Seiten kann man das verkorkste Leben von Sebastian B. wie eine düstere Soap konsumieren. Nie zuvor konnte jeder durchschnittliche Internet-Nutzer die Primärquellen so intensiv studieren. Die Blogger werden von den gleichen Motiven angetrieben wie auch die Massenmedien: Warum tut er das? Fragen sich alle. Und sind gleichzeitig fasziniert von den finsteren Abgründen, die sich da auftun. 12.59 Uhr Der erste Widerruf Der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz sagte, zwar könne eine Verbotsdebatte sinnvoll sein, gleichzeitig dürfe es keine kurzschlussartige Panik-Reaktion geben. „Wir brauchen Frühwarnsysteme, und nicht diese vordergründige Diskussion um das Verbot von Killerspielen“, sagte er dem Sender N24. 13.05 Uhr Die Umfrage Über die Frage: Sollen gewalttätige Computerspiele für Minderjährige verboten werden? wurde auf n-tv.de 1625 mal abgestimmt. 47 Prozent Stimmen für Nein. 13.25 Uhr Der Hohlspiegel Zitat von Spiegel.de: "Egoshooter-Debatte: Rohrkrepierer gegen Ballerspiele" 13.48 Uhr Und nun: Alle *Die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAGKJS) warnte vor weiterer Gewalt frustrierter Jugendlicher. „Die Gruppe der Verlierer wächst enorm“, sagte der Vorsitzende Pater Franz-Ulrich Otto der KNA. *Der weltweit größte Computerspiele-Hersteller Electronic Arts (EA) hat das von Politikern geforderte Verbot von gewalttätigen Computerspielen nach dem Amoklauf eines 18-Jährigen an einer Schule im Emsdetten zurückgewiesen. „Es sagt einem doch der gesunde Menschenverstand, dass dieses Problem nicht gelöst wird, wenn eine Kategorie von Spielen verboten wird“, sagte ein Unternehmenssprecher am Dienstag. EA verteibt den so genannten Ego-Shooter „Counterstrike“.

NRW-Chef Rüttgers. *Dass Gewalt in Familien und an Schulen zunehme, liege auch daran, dass Eltern und Lehrer überfordert seien, sagte die Vorsitzende des Bundeselternrates, Anja Ziegon. *Nach Ansicht des Psychologen Jens Hoffmann lässt sich Amok an Schulen bereits im Vorfeld erkennen. Diese Täter hätten „immer wieder identische Muster“, sagte der Experte der TU Darmstadt. *Nach Angaben des Medienexperten Jo Groebel wissen rund 70 Prozent der Eltern gar nicht, was ihre Kinder am Computer spielen. Verbote brächten nichts, sagte er. *Nach dem Amoklauf von Emsdetten hat der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Alfred Buß, die Menschen zu mehr Verantwortung untereinander aufgerufen. *Nach dem Amoklauf von Emsdetten hat der katholische Medienbischof, Gebhard Fürst, strengere Kontrollen des Marktes für Computer- und Internet-Killerspiele gefordert. *Der FDP-Medienexperte Hans-Joachim Otto erteilte den Forderungen nach einem Verbot von Computerspielen eine klare Absage. Es sei bezeichnend, dass Koalitionspolitiker nach dem Amoklauf „schon wieder nur völlig hilflose und naive Verbotsreflexe von sich geben können“. *Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, warf Online-Waffenhändlern in der „Welt“ „wissentliche Beihilfe zum Mord“ vor. *Die Computerspielbranche sieht wenig Chancen für das nach dem Amoklauf eines Schülers in Emsdetten angeregte Verbot so genannter Killerspiele. Das im Grundgesetz festgeschriebene Zensurverbot gelte auch für Computerspiele, sagte der Geschäftsführer des Bundesverbandes Interaktive Unterhaltungssoftware, Olaf Wolters, in einem dpa-Gespräch.

Sebastian B. +++ UND WIE GEHT ES WEITER? EINE SPEKULATION +++ 22.November: BILD Leserreporter berichten „Ich stand dem Schul-Killer gegenüber“ 25. November: In ihrem Videopodcast wird Angela Merkel ihre Fingerspitzen wieder exakt über dem dritten Knopf ihres Blazers zusammenbringen und die Vorfälle in Emsdetten ansprechen, mit vielen Kurven über die innere Sicherheit, über „die Polizistinnen und Polizisten“ aber auch „Pädagoginnen und Pädagogen“, über die Institutionen des Bildungswesens, über „jeder von uns hat eine Verantwortung“ . Schlusssatz wird sein: „Schüler in diesem Land sollen eine gute Zukunft und Lust auf ihr Leben in unserem Heimatland, in Deutschland, haben.“ 24. November: LAN-Party in Bardowick, Niedersachsen. 80 Journalisten sind anwesend, Beitrag in den Tagesthemen. 26. November: Bei Sabine Christiansen lautet das Thema „Wie sicher sind unsere Schulen noch?“ Die Gäste: Prof. Klaus Hurrelmann (Jugendforscher) Josef Kraus (Präsident des Lehrerverbands) Jürgen Rüttgers (Ministerpräsident NRW) Katja Kipping (stellv. PDS Parteivorsitzende) Detlev Buck (Regisseur) 27. Dezember: In seinem Jahresrückblick „Menschen 2006“ setzt Johannes B. Kerner zu Beginn der zweiten Sendestunde ein betroffenes Gesicht auf, erinnert sich trotz WM-Fahnenrausch und Wirtschaftswachstum daran, dass dieses „Jahr auch ein Jahr der Gewalt war. Gewalt an unseren Schulen.“ Hier taucht auch Sebastian B. auf, in einem Best-of-Videoclip neben der Rütli-Schule und den Jugend-Unruhen in Kreuzberg. 20. Mai 2007: OFF-Bühne in Berlin: Uraufführung des Stücks „Ich bin weg“, frei nach den Vorkommnissen des Amoklaufs ein halbes Jahr zuvor. 18. November 2007: In der Süddeutschen Zeitung erscheint ein einfühlsamer Text, der in der Überschrift die Worte „Ein Jahr“, „Amoklauf“, und „zu Besuch in Emsdetten“ trägt. Tag X: An irgendeiner Schule in irgendeiner Stadt irgendwo in Deutschland taucht wieder ein dunkel gekleideter Mann mit einer Schusswaffe auf. Am nächsten Tag liest man auch wieder über Sebastian B. in der Zeitung. Die dpa war so nett, die „schlimmsten Amokläufe der letzten Jahre in einer Tabelle zusammen zu fassen.“ +++ Recherche und Text: Tobias Moorstedt, Max Scharnigg, Peter Wagner; Fotos: ddp, dpa, rtr

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