Lebende Legenden

High durch Red Bull Cola? Der Energy Drink wird in manchen Bundesländern verboten, weil er Spuren von Kokain enthält. Was bleiben wird, ist der Mythos Koks-Cola. Höchste Zeit, an die skurrilsten Lebensmittellegenden zu erinnern
petra-ebenschwanger

Dass Red Bull Flügel verleiht, lässt uns der Getränkehersteller schon seit längerem wissen. Mit seinem Ableger Red Bull Cola soll es aber verdammt high gehen. So sehr nämlich, dass der Softdrink prompt verboten wurde. Sechs Bundesländer haben die braune Brühe der Supermärkte verwiesen, weil sie nach einem Gutachten des nordrhein-westfälischen Landesinstituts für Gesundheit eine minimale Kokainkonzentration (0,4 Mikrogramm pro Liter) enthält. Obwohl der Verzehr der Cola laut Verbraucherschutzministerium ungefährlich ist – der Kokainzusatz in Getränken ist umstritten. Das Urteil darüber ist Sache der Bundesländer. Aus Thüringen heißt es, die Red Bull Cola könne im rechtlichen Sinne nicht mehr als Lebensmittel, sondern müsse als Betäubungsmittel eingestuft werden.

Relikt der Koks-Cola: Wegen Rauschgefahr wurde die braune Brause von Red Bull aus den Supermärkten nahezu eliminiert. (Foto: dpa) Dabei warb das österreichische Softgetränk seit seiner Entwicklung im vergangenen Jahr noch so stolz mit den Extrakten aus den Blättern der Cocapflanze. Jetzt ist die Ära der Koks-Cola wohl vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. Was bleibt, ist ihr Mythos. Weißt du noch damals, als es noch Koks-Cola gab? Sie reiht sich damit ein in eine Schar von Lebensmittellegenden, von denen keiner mehr so genau weiß, woher sie eigentlich kommen. Geschweige denn, was an denen tatsächlich dran ist. Dass in Gummibärchen Knochenmehl drin ist und in Campari Blattläuse, stimmt das? So gut wie absenderlos (der Schwager vom Kumpel der Cousine hat gesagt) wurden solche Schreckensmythen in die Welt gesetzt, haben sich vor Jahren lauffeuerartig verbreitet und schwirren seitdem unausrottbar umher. Als Kind hat man den Theorien noch Glauben geschenkt. Inzwischen kramt man sie zu den irrsten Anlässen wieder vor, die „Aber man sagt ja“ und die „Ich hab da mal gehört, dass“-Ammenmärchen, die ja eigentlich totaler Quatsch sind. Oder doch nicht? Wir haben etwaige Behauptungen von Freunden oder Geschwistern auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. 1. Wodka gibt’s bei mir nur noch mit O-Saft – in Red Bull steckt nämlich Stiergalle. Das Fünkchen Wahrheit in dieser Aussage ist verdammt klein. Energy Drinks wie Red Bull enthalten oft die organische Säure Taurin (auf eine Dose von 250ml kommt ein Gramm Taurin). Die Bezeichnung stammt vom griechischen Wort tauros = Stier. Ihren Namen hat die Säure daher, dass sie erstmals aus Stiergalle isoliert wurde. Es war also nicht die Stiergalle selbst, sondern nur die darin enthaltene Säure in Red Bull zu finden. Inzwischen wird sie allerdings synthetisch im Labor hergestellt. 2. In Gummibärchen ist Knochenmehl. Gummibärchen enthalten bekanntermaßen Gelatine. Für die Fruchtgummis verwendet man Gelatine, die vorwiegend aus dem Eiweiß von Schweinehaut und Schweineknochen produziert wird. Neben Gummibärchen steckt Gelatine (und damit Schweineknochen) auch in Milchprodukten, Pasteten, Fruchtsäften und Fotopapier. Alternativ dazu können Geliermittel auch pflanzlich hergestellt werden. 3. Nutella auf’s Brot? Lass es lieber, da ist Stierblut drin. Ein weit verbreiteter Mythos ohne Anhaltspunkt. Die Erfinder dieser Behauptung sind wohl auch jene, die den Urin von Walen für einen Bestandteil von Nivea Creme halten. 4. Dein Campari ist nur so rot, weil da Blattläuse drin sind. Blödsinn! Für das satte Rot des Campari sorgt der Farbstoff Karmin, der aus der Schildlausart Cochenille gewonnen wird und als E 120 auf dem Etikett gekennzeichnet ist. Die Blattläuse produzieren die Farbe, haben im Aperitif selber aber nichts verloren. Weil die Herstellung künstlicher Farbstoffe (E 124) günstiger ist, wird auf die Produktion durch Läuse inzwischen weitestgehend verzichtet. Neben Camapri steckt der Farbstoff auch in Lippenstift oder Marmelade. 5. In Backwaren finden sich asiatisches Menschenhaar und Schweineborsten. In der Industrie setzen Backwarenhersteller auf die Aminosäure Cystein, einen Eiweißbaustein. Als Mehlbehandlungsmittel beschleunigt es die Mehlreifung und verhindert, dass der Teig an den Maschinen kleben bleibt. Zu gewinnen ist Cystein aus Keratin, das auch eines der wichtigsten Proteine in menschlichem Haar, Fingernägeln und der Haut ist. Daher stammt wohl der Irrglaube, in Brot, Keksen oder Kuchen befände sich Menschenhaar. Früher wurde Cystein durch die Einwirkung von Salzsäure auf keratinhaltige Gewebestoffe von Tieren gewonnen, doch schon seit langem wird es künstlich hergestellt. 6. Der Erdbeergeschmack im Fruchtjoghurt kommt von Sägespänen. Dass heutzutage viele Erdbeerjoghurts noch nie eine Erdbeere gesehen haben, ist leider Realität. Aus Kostengründen ersetzen künstliche Aromen echte Früchte. Um den typischen Erdbeergeschmack zu gewinnen, braucht es ein komplexes Gemisch vieler Aromen. Eines davon ist Vanillin. Dieses lässt sich durch zwei einfache chemische Schritte aus Lignin herstellen, das in Holz enthalten ist. Früher wurde Vanillin tatsächlich aus Holz gewonnen, heute stellt man es auf andere Weise her. 7. Schimmelpilze in der Limo halten sie frisch. Mal wieder eine halbe Wahrheit. In der Tat gibt es ein biochemisches Verfahren, bei dem der Schimmelpilz Aspergillus niger Traubenzucker abbaut und dabei Zitronensäure herstellt. Diese ist nicht nur Geschmacksträger in Limonade, sondern wird ihr auch zugesetzt, weil sie das Wachstum von Keimen hemmt und dadurch die Haltbarkeit verlängert. Größtenteils wird Zitronensäure aber petrochemisch hergestellt.

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