Vor ziemlich genau zwei Monaten machte ich eine Entdeckung: Plötzlich sprang da dieses unbekümmerte Mädchen auf irgendeiner Fernseh-Bühne auf und ab, schmiss mit knallrotem Mund und überschnappender Stimme Töne ins Mikrophon und packte ein hinreißend sperriges Stück von einer mir unbekannten Sängerin aus. Das Ganze war Teil einer Casting-Show. Ich war angenehm überrascht. Und wie das so ist, wenn man angenehm überrascht eine Entdeckung macht, wollte ich anderen Menschen davon erzählen. Lena Meyer-Landrut war von da an meine erste Wahl, meine persönliche Favoritin, mein Mädchen, mein Star für Oslo. Vielleicht auch nur die beste Legitimation seit langem, sich blöde Castingshows anzuschauen. Dann kam das Finale. Dann sang sie zum ersten Mal dieses wässrige „Satellite“-Liedchen. Dann gewann sie das Finale und sang zum zweiten Mal dieses himmelschreiend harmlose „Satellite“-Söngchen. Und spätestens jetzt dämmerte es mir langsam, dass sich mein Star für Oslo in „Unsere Lena“ verwandelt hatte. Allgemeingut aus dem Automaten, das Beste der 70er, 80er und 90er und der größte Hit von heute. Mein Gefallen an Lena Meyer-Landrut, mein Schwärmen für wohldosiertes Außenseitertum, mein eigentlich doch eigenwilliger Geschmack war plötzlich der einer Millionen-Masse geworden. Ich war entlarvt. Und anscheinend nicht der einzige Mensch, der sich daraufhin von Lena Meyer-Landrut zu distanzieren begann. Aber auch in meinem Versuch, Abstand zu gewinnen, bin ich längst nicht mehr allein. Wenn ich zum Beispiel sage, dass mir Lenas neues Album nicht im Geringsten gefällt, bin ich ein weiteres Mal nur Mitläufer. Der Tagesspiegel schreibt über „Lenas markant-kehlige, aber doch deutlich limitierte Stimme“. Spiegel Online verleiht ihr mittlerweile das Prädikat „Imitation statt Innovation“ und bezeichnet Lenas Platte als „zusammengeschustertes Potpurri“. Der britische Musikjournalist Mark Espiner macht sich über ihren englischen Akzent lustig und mokiert: „Lena mixt mutwillig und mies Dialekte und hört sich an wie ein schwedischer Sprachtherapeut, der Ali G. imitiert.“

Natürlich gibt es jetzt diejenigen, die vor Schadenfreude über die aufkommende Lena-Skepsis halb platzen. Diejenigen, die dem Hype von Anfang an misstraut haben und nun mit schwarzem Filzstift ein dickes fettes Häkchen auf ihrer „Ich hatte Recht“-Liste machen. Der Gedanke „Lena ist toll“ erscheint aber mittlerweile auch mir als Lena-Sympathisantin irgendwie zweifelhaft. Die drei Worte sind plötzlich keine Eigenleistung mehr, sondern längst zum Mantra eines wild blinkenden Lena-Vermarktungs-Riesenrads geworden. Das singende Mädchen irrt vom Frühstücksfernsehen ins MTV-Studio, von Thomas Gottschalk zu Stefan Raab und spät nachts noch in irgendeine NDR-Talkshow. Überall soll sie Quote machen, CD-Käufer rekrutieren, Abnehmer für T-Shirts, Tassen und Baumwollbeutel finden. Die Botschaft dieser Zirkusnummer ist so eindeutig, dass sie mir den Spaß an Lenas Auftritten längst vermasselt hat. Lena ist eben doch keine Künstlerin, die gut singen kann. Sondern eine Casting-Show Gewinnerin, die Platten verkaufen soll. Möglichst viele, in möglichst kurzer Zeit. Das schränkt Lenas Sympathiewert enorm ein. Meine „ehrliche Begeisterung“, die ich vor zwei Monaten noch gerne öffentlich gemacht habe, ist längst dem Gefühl gewichen, lediglich einer inszenierten Unangepasstheit auf den Leim gegangen zu sein. Zwar hat Lena ihren Kopf elegant aus allen Boulevard-Guillotinen herausgezogen. Irgendwie haben die Enthüllungen rund um halbnackte Auftritte in billigen RTL-Nachmittagsformaten dann aber doch die Erkenntnis zu Tage gebracht, dass hier jemand nicht nur durch Zufall von der Schulbank ins Showbusiness gewechselt ist. Klar kann man rund um Lena, die als Komparsin in Fernsehserien mitgewirkt hat, die Tanzunterricht nahm und die zum Spaß in einer Schulband sang, eine sehr schöne Legende von der glücklich unbeschwerten Schülerin stricken. Oder man erkennt eben den Umriss eines Mädchen, das sich schon sehr früh auf eine Karriere im Showbiz hintrainiert hat. Genau genommen ist Lena Meyer-Landrut immer noch so natürlich, erfrischend und schlagfertig wie am Abend ihres ersten Auftritts im Casting-Gewerbe. Wie sie da erst neulich den verklemmten dpa-Reporter auf die Frage nach den seelischen Belastungen durch die Busen-Geschichte der Bild-Zeitung anfährt: „Sag mir doch mal einen Grund, warum mich das belasten sollte? Bei uns in der Familie hat man immer gesagt: In die Zeitung von heute wickelt man morgen den Fisch ein.” Das war schon eher eine gute Antwort. Trotzdem sind und bleiben es die Worte einer Casting-Show Gewinnerin. Lena ist zur sprechenden Projektionsfläche für den absurden Wunsch einer ganzen Nation geworden, mit „Satellite“ den europäischen Schlagerhimmel erklimmen zu können. Natürlich werde auch ich Lena Meyer-Landrut bei ihrem Auftritt in Oslo die Daumen drücken. Es wird dann vermutlich das letzte Mal sein, dass sie dieses einfallslose „Satellite“-Stück singen muss. Dann wird sie sich endgültig in heißer Luft auflösen und bis in ein paar Monaten verheizt und verglüht von der Bildfläche verschwunden sein. Es würde mich nicht stören. Ich hätte dann nämlich die Chance, Lena Meyer-Landrut irgendwo neu zu entdecken. Zum Beispiel bei der nächsten Baumarkt-Eröffnung bei mir um die Ecke. Es würde mich ehrlich freuen. +++ PS: Mehr zu Lena im Lena Meyer-Landrut Spezial +++