Let´s Fahrt! Pedaleur Tobias erlebt die elendigste Schinderei

Tobias Fischer, 22, Student in Leipzig, setzte sich am 12. April in Eisenach auf sein Fahrrad und fuhr über die Schweiz und Frankreich nach Spanien. Für jetzt.de hat er ein Tagebuch geführt, das Sehnsucht macht. Folge 3 von 6: Von Agde nach Foix, von der Schickeria zum Schweinefranzosen und über den Tourmalet. Leid und Freud inbegriffen.
tobias-fischer

1. Geldadel Heute beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft, es ist der 9. Juni und kein Fernseher in Sicht. Bei Agde am Strand steht einsam eine Strandbar, angefüllt mit cocktailschlürfender Schickeria. In der Bar flimmert es TV-verdächtig. Die Mannen Polens laufen gegen die Ecuadorianer auf, ich trinke das Billigste, eine Cola für drei Euro und habe damit meine letzte Reserve, zehn Euro, um den gleichen Betrag minimiert. Hier bin ich verloren. Geldadel, Cocktails, Flachbildschirm, glänzende Coolness an der Oberfläche. Ein junger, hochgewachsener Gaston setzt mich zweimal um. Die erste Halbzeit ist um, er brauche den Tisch. Er braucht immer denjenigen, an dem ich gerade nun raste und schreibe. Die Geste verstehe ich sofort. Mit ebenso klaren Gesten bedanke ich mich für "Gar Nichts!" und verabschiede mich mit dem Zitat von Goethes Götz: “Er aber, sag's ihm, er kann mich im Arsch lecken!”

Stationen: Sète (Languedoc-Roussillon) - Agde (Languedoc-Roussillon)


2. Hypersprünge Die Rue Nationale nahe Béziers, Frau Sonne brennt hernieder, kurze Rast. Dann kommen Janis, Janis und Nauris auf dem Rad vorbei, die ich zwei Tage zuvor in Montpellier schon einmal traf. Wir entschliessen uns zum Naheliegendsten: Ich als Ein-Mann-Fahrrad-Kompanie und das Triumvirat aus Lettland bilden nun eine Viererbande. Am Abend sitzen wir am Feuer. Ich nehme waidmännisch die Forelle aus, die mich Pierre Stunden zuvor aus seinem Zuchtbecken fischen ließ. Dazu gibt es Nudeln und Salat. Kunde geht reihum, von Lettland, Deutschland, Reisenallerlei. Diese Drei sind ganz nach meinem Geschmack. Hypersprünge machen wir von Hitler zu Merkel. “Today you have Merkel”, beendet Janis die Geschichtsstunde und gemeinsam erfinden wir deutsch-englische Kombina: “Let's Fahrt!” wird die nächsten Tage Kampfansage.

Die drei Letten und der Deutsche.


3. Düschel Janis führt ein kulinarisches Tagebuch. Jeder, der ihm begegnet, muss Heimatgerichte zum besten geben. Ich gebe thüringische Arme-Leute-Speisen kund, Grossmutters "Düschel”, deftige Bauernkost vom Rand des Hainichwaldes. Alte Brötchen und viel Ei, der Backofen wird es dann schon zaubern. Der Student aus Riga ist begeistert.

Aufwachen mit Letten.


4. Schweinefranzos Perpignan, viel Sonne, langsam türmen sich die Pyrenäen vor uns auf. Ein Wall, der Länder trennt. In einem kleinen Dorf, Arles-sur-Tech, lebt Alexandre, Abiturient und Mitglied des HospitalityClubs. Die Rigaer kennen ihn aus dem Internetforum, haben sich mit ihm hier verabredet. Der Familiengarten wird unser Domizil, Alexandre gesellt sich zu uns. Er hat am nächsten Tag Abschlussprüfung, gibt sich aber sehr entspannt. Sein Grossvater, Monsieur Bertrande und ich reden in der Küche. Monsieur ist fast neunzig und ganz aus dem Häuschen, als ich sage, ich wäre Student in Leipzig. Auch er kannte Leipzig gut, war er doch dort Zwangsarbeiter in einer Munitionsfabrik. Zwei deutsche Wortfetzen beherrscht er noch: "Schweinefranzos" und, er bekommt glänzende Augen: "Die Frau meiner Träume!" Einmal durften sie in ein Leipziger Kino, und es lief dieser UFA-LustspielSchinken. Kurz darauf nahm ihm eine britische Bombe auf Leipzig viel von seiner Hörkraft. Ich reiche ihm die Hand, als könnte ich mich für das Erlittene entschuldigen. Während er spricht, lächelt er. Stationen: Narbonne (Languedoc-Roussillon) - Perpignan (Languedoc-Roussillon) - Arles-sur-Tech (Languedoc-Roussillon)
5. Du Biest von einem Berg! Noch einen Tag bin ich mit den Letten unterwegs, schlage mich dann jedoch allein die Pyrenäen entlang. Sonntag wird der Tag der Auffahrt auf den Königsberg der Tour de France. Sechzehn Kilometer bergauf, auf den 2111-Meter-Pass. Ein Gewitter bricht über mich herein. Die elendigste Schinderei meines bisherigen Radlebens steht mir bevor. Oft über 10 Prozent Steigung. Am Fahrbahnrand künden Schilder jeden noch verbleibenden Kilometer an. Nach neun Kilometer bin ich dafür sehr dankbar, hangele mich von Kilometer zu Kilometer, nur nicht absteigen. An jedem Schild halte ich mich fest, versuche das Adrenalin mit Atemanhalten und Zählreihen zu senken. Andere Radler, Rennradler einzigst, kommen nur von oben herab an mir vorbei. Neben den Autofahrern bin ich der einzige Emporkömmling im Gewitter. Die Baumgrenze kommt, auf der Strasse lassen sich noch die Namen der Radprofis vom letzten Tourjahr lesen. Mir kommen nur einige grosse Namen bekannt vor und ich versuche das Gefühl nachzuempfinden, hier über 2000 Höhenmeter hinweg dauernd seinen Namen auf dem Asphalt lesen zu müssen, schreiende Fans recht und links und diese Sau von Berg unter den Rädern. Der Pass, endlich. Ich blicke nach Spanien hinein. Karg alles hier oben. Die Schafe kennen sich mit den Verkehrsregeln aus. Ein Leithammel voran, prüft die Strasse, kurzes “mähhhh”, dann trottet der Rest über die Piste. Ich bin oben. All die Schinderei für ein paar Minuten Fernsicht und ein kurzes Gefühl des Triumphs. Bei der Abfahrt auf der regenfeuchten Bahn schert mir das Hinterrad aus. Einige Meter geht es schlitternd bergab. Eine Speiche futsch, die Gepäckträgerstange links ist durchgebrochen, ein Knöchel verstaucht und eine schöne, tagelang eiternde Schürfwunde am Oberschenkel. Ich will nur noch runter von dir, Tourmalet, du Biest von einem Berg! Ins Zelt, raus aus den nassen Schuhen.

Stationen: Axat (Languedoc-Roussillon) - Carcassonne (Languedoc-Roussillon) - Pamiers (Midi-Pyrénées) - Saint-Gaudens (Midi-Pyrénées) - Bagnères-de-Bigorre (Midi-Pyrénées) - Col du Tourmalet (2115 m, Pyrenäen)


6. Das ist nicht Frankreich! In der Nähe eines Bauernhofes schenkt man mir Kirschen, als ich am Abend nach dem Weg frage. Man lädt mich ein, auf dem Feld zu campieren. Kaum steht das Zelt, taucht ein Bauer auf und bittet mich auf seinen Hof. Pierre lebt allein mit seiner Mutter, die 74 Jahre alt ist. Schnapsgeruch geht allen seinen Worten voraus. Frankreich spielt gegen Südkorea. Das französische Team ist nicht nur blau sondern auch sehr negroid, stößt es Pierre auf. “Das ist nicht Frankreich”, meint er in seinem Sessel lümmelnd. Widerspruch meinerseits: “Das ist das Europa von heute.” Madame schenkt Kaffee ein, reicht Biscuit. In der Ecke steht die Flinte.

Pierre und seine Mutter. Die Madame erzählt mir von ihrem Mann, der Zwangsarbeiter in Deutschland war und sie spricht von Alfred, dem deutschen Kriegsgefangenen auf ihrem Hof. Sie spricht fast schwärmerisch. "Anpacken konnte der! Sehr, sehr fleissig." Das Spiel ist aus, Fernseher aus. Madame mache ich begreiflich, dass ich nicht barfuss unterwegs bin, sondern nur die nassen Schuhe im Zelt gelassen habe. Sie hatte schon Schuhe ihres Sohnes in Händen. Gemeinsam desinfizieren wir noch meine Tourmalet-Verwundung. Die Nacht schleicht heran. Ich werde Zeuge, wie die alte Mutter ihrem 47-jährigen Sohn die Kleider für den nächsten Tag herrauslegt. Sie streicht sehr langsam durch die Wohnküche, er hat die Beine hochgelegt. Dauernd springe ich auf und will ihr etwas abnehmen, sie lehnt jedesmal lachend ab. Bevor ich am nächsten Morgen aufbreche, wieder hinab, Richtung Foix, stattet man mich mit Vorräten aus. Ich verspreche zu schreiben. Stationen: Bagnères-de-Bigorre (Midi-Pyrénées) - Salies-du-Salat (Midi-Pyrénées) - Foix (Midi-Pyrénées) - Thuir (Languedoc-Roussillon) - Argelès-sur-Mer (Languedoc-Roussillon) - Banyuls-sur-Mer (Languedoc-Roussillon)

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