Lieber Leser, - und tschüß: Typologie der Mail-Grußformeln

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ZUM GRUSS: Sehr geehrte(r) Herr / Frau ... , Das Vollkornknäcke der schriftlichen Anredeformen. Schon in der Mittelstufe lernt man, dass jeder seriöse, offizielle oder sonst wie ernst gemeinte Brief mit dieser Anrede beginnen muss. Insbesondere Bewerbungen. Kennt man den Ansprechpartner und dessen Geschlecht nicht, mutiert man notgedrungen zum TV-Moderator und begrüßt sein Publikum mit "Sehr geehrte Damen und Herren". Der Text, der dieser Grußformel folgt, enthält in aller Regel etwas Unangenehmes (Rechnung, Zahlungsaufforderung, Mahnung) oder stammt von einer Behörde oder Stelle, in der Schreibkräfte nach der DIN 5008 (Schreibregeln für die Textverarbeitung - doch, die gibt es wirklich) verfahren. Achtung! Auch Seriosität kann eine Falle sein. Sofern man einen Schriftverkehr bereits mit "Liebe(r)" oder "Hallo" begonnen hat und im Verlauf zu dieser Form übergeht, gilt der Handschuh als geworfen. ZUM GRUSS: Liebe(r) ... , So beginnt man einen Brief an einen Freund, so schreiben sich Menschen, die sich gegenseitig mögen und schätzen. Im nationalen Mailverkehr findet diese Formel besonders im süddeutschen Raum (wo man die E-Mail gerne als "das E-Mail" neutralisiert) Verwendung. Der Grund: Man kann damit eigentlich nichts falsch machen. Ist doch nett: Der Adressat ist "lieb". Hofft man zumindest, wenn man zu dieser Anrede greift. Schreibt man eine E-Mail mit der Bitte um Ratenzahlung für das Falschparker-Ticket an die Stadtverwaltung oder die Begründung für die Wehrdienstverweigerung an das Kreiswehrersatzamt, bekommt diese Anrede leicht einen ironischen Unterton, den man dringend vermeiden sollte.


ZUM GRUSS: Hallo, Der dunkelblaue Golf unter den Begrüßungsformeln. Von vielen Mailschreibern missverstanden als das total lockere Gegenteil der "Sehr geehrte(r)"-Anrede. Tatsächlich ist dieser Zuruf als Anrede nur für wenige Anlässe geeignet. Für wahre Freunde ist "Hallo" zu wenig enthusiastisch, für völlig Fremde hingegen viel zu salopp. "Hallo" sollte man nicht schreiben, sondern rufen. Zum Beispiel, wenn man dem Postboten begegnet, der die gute alte "Sehr geehrte(r)"-Post austrägt. Man kennt ihn nicht wirklich, aber er ist auch kein Fremder. Besonders häufig bekommt man "Hallo"-Mails von Leuten, die einen nicht kennen, aber gerne kennen lernen möchten. In so einem Fall ist "Hallo" vertretbar. Was allerdings gar nicht geht, ist "Hallo, du." Im Zeitalter von künstlich personalisierten Massenmails ist dieser klägliche Versuch, Vertrauen herzustellen, wo es nicht hingehört, mit sofortiger Löschung der Postille zu bestrafen. ZUM GRUSS: Hey, Verkrampfte Lockerheit. "Hey" ist nur dann als E-Mail-Anrede erlaubt, wenn man auch im echten Leben ein "Hey"-Verhältnis hat. Bevor man also zum kumpeligen "Hey" übergeht, prüfe man sich, ob man das dem Adressaten auch zurufen würde, wenn man ihm im Treppenhaus begegnet. Analog zu "Hallo" kann nämlich auch "Hey" eine fordernde oder empörte Wirkung haben. So wie in "Hey, aufwachen!" oder "Hey, spinnst du jetzt völlig?" Die Verwandtschaft zu "Hallo" wird auch durch die Gemeinsamkeit deutlich, dass ein angehängtes "du" die Anrede derart verniedlicht, dass man diese ausschließlich verwenden sollte, wenn man genauso gut "Na, du Sack" oder "Holladiho, alte Wurschthaut" schreiben könnte, ohne Missverstanden zu werden.
ZUM GRUSS: Ahoi, Nautisches Flair umgibt diesen seemännischen Zuruf. Besonders E-Mails aus der Bundeshauptstadt und den jüngeren Bundesländern beginnen oft mit diesem Gruß. Das mag an der Sehnsucht nach seefahrerischer Weite liegen, die diese Region Deutschlands vor der Wende erfüllte. "Ahoi" hat dieses Ungewöhnliche, diese nassforsche Kuriosität, die einen erst mal stolpern lässt. Wer seine Mails mit "Ahoi" beginnt, der weiß zu überraschen. Mit Seefahrt hat das nichts zu tun, mehr mit kollegialem Einvernehmen und jugendlicher Zackigkeit. Man weiß: Ein "Ahoi" zur rechten Zeit schafft Freundschaft und Verbundenheit. Doch Vorsicht: Eine ungewöhnliche Anrede kann auch verwirren. Nicht jeder weiß um die Gepflogenheiten des mundartlichen Brauchtums, und mancher Empfänger von "Ahoi"-Mails mag sich fragen, ob der Absender gerade in See gestochen ist. Auf der nächsten Seite geht's weiter mit schönen Grüßen zum Abschied
ZUM ABSCHIED: Dein(e) Diese Abschiedsformel ist so gut wie ausgestorben. Selbst Liebesbriefe (oder besser: Liebes-sms) werden heutzutage mit HDGDL oder ähnlichen Kürzeln beendet, und das ist sehr schade. "Dein(e)" ist eine liebevolle Zuneigungsbekundung, die zarte Versicherung der guten Gefühle und Gedanken, die man für den Empfänger hegt. Wir sollten viel häufiger darauf zurückgreifen, aber im Zeitalter von Eigentumsübertragung und gerichtlich verordneter Gütertrennung sind die Menschen vorsichtig geworden mit dem, was mein ist und was "Dein". Zumal das Ganze ja auch noch schriftlich festgehalten wird. "Hier steht es – das ist meiner", sagt die Ex zur neuen Freundin, den Mailausdruck des vormals Geliebten in der Hand schwenkend, und macht neue Beziehungen für ihn unmöglich. Alles quatsch, "Dein(e)" darf man bedenkenlos zum Abschied schreiben, auch wenn man es gar nicht ernst meint. ZUM ABSCHIED: Bis denne Aua. Mit Ausnahme der schon beschriebenen ironischen Intention (deren Verständnis seitens des Empfängers man sich absolut sicher sein muss!) geht das rustikale "Bis denne" gar nicht! Selbst mündlich ausgerufen ist es schon ein Streitfall, kann einem aber zum Feierabend mal so rausrutschen. Genau so wie "Ciao ciao". In E-Mails rutscht einem aber nichts raus, deswegen ist dieser Gruß ein faux-pas. Er reiht sich ein in die Gilde der unwitzigen Witz-Verabschiedungen, die ebenfalls indiskutabel sind: "Bis dannomanski", "Bis baldrian", "Tschüssikowski", "Bis bald im Wald", "Viele Grüße an die Füße" und so weiter.
ZUM ABSCHIED: Mit freundlichen Grüßen Das Pendant zur "Sehr geehrte(r)"-Eröffnung. Schon seit dem ich Briefe schreiben muss, frage ich mich, was eigentlich der Unterschied zwischen "Mit freundlichen Grüßen" und "Mit freundlichem Gruß" sein soll. Zur Überprüfung habe ich die Hälfte meiner behördlichen und offiziellen Mailkontakte der vergangenen Jahre (Kreisverwaltungsreferat, Straßenmeisterei, Arbeitsamt, Forstamt, Krankenkasse) mit der einen, die andere Hälfte mit der anderen Formel beendet. Ergebnis: Kein Unterschied. Freundliche Grüße sind – obwohl Mehrzahl – genau so viel wert wie ein einzelner, schäbiger freundlicher Gruß. Das zeigt, was diese Formel in Wahrheit bedeutet, nämlich gar nichts. Man könnte auch schreiben: "Bla bla bla, Sie wissen schon, alles wie üblich und so weiter." Weglassen sollte man sie ob dieser Erkenntnis trotzdem nicht, sonst gibt's Ärger. Also schön artig mitspielen und immer freundlich Grüßen. ZUM ABSCHIED: Liebe Grüße "Liebe Grüße" sind ein Hit! Bei E-Mails hat sich diese Grußformel absolut durchgesetzt. Und zwar immer genau dann, wenn sich ein vorangegangener Erstkontakt mit einer fremden Person als angenehm und fruchtbar entpuppt hat oder man sich ohnehin schon kennt und mag. Dann geht man von "Grüße" oder "Viele Grüße" zu "Liebe Grüße" über. Erstaunlich daran ist, dass offenbar kaum jemand diese Formel als zu aufdringlich oder vertraulich empfindet. Eine E-Mail mit "Liebe(r)" zu beginnen, ist nachvollziehbar – schließlich beginnt diese Post mit Liebe, und das ist schön. Aber "Liebe Grüße" am Schluss – da ist ganz schön viel Liebe mit im Spiel. Nicht, dass das verwerflich wäre, wir brauchen schließlich ganz viel Liebe. Aber seltsam ist das trotzdem.
ZUM ABSCHIED: Und tschüß Zum Schluss noch einen aus der untersten Schublade. "Und tschüß" – das ist heutzutage nicht mal mehr als neongelber Autoaufkleber auf der Heckscheibe eines tiefstgelegten VW-Polos erlaubt. Was soll das überhaupt heißen? "Und tschüß auf Mallorca", oder was? Dieser Abschiedsgruß ist kein Abschiedsgruß, sondern die Ausgeburt derbster Prolligkeit, ein Schlag ins Gesicht eines jeden sprachsensiblen Menschen. In gesprochener Form begegnet er einem gerne am Nachtschalter von Autobahnraststätten, in Videotheken und Kassenhäuschen von Jahrmarktfahrgeschäften. Und selbst da ist er fehl am Platz – immerhin geht es dort um Kundenkontakt, um Service. Sich in E-Mails so zu verabschieden bedeutet: "Auf Nimmerwiedersehen, ich bereue es, je mit dir Kontakt gehabt zu haben, schönes Leben noch, ich hoffe, die Braunfäule rafft dich bald dahin!" Und das will man ja wohl keinem ernsthaft zum Abschied mit auf den Weg geben, oder? +++ Natürlich ist dies nur eine kurze Auflistung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Welche Grüße fehlen hier noch - wie schreibst du deine Mails?

Text: henrik-pfeiffer - Illustration: Gabriel Holzner

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