Löws Wissensquelle

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In der Sporthochschule Köln wird in den nächsten Wochen jede Menge Kaffee gebraucht werden. Am Samstag spielt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihr erstes Spiel bei der Europameisterschaft, und ab dann werden 35 Studenten hier so viel zu tun haben, dass sie ab und an einen Wachmacher benötigen werden.

Team Köln wird die Gruppe in Fußballkreisen oft genannt, neben den Studenten gehören ihr noch drei wissenschaftliche Hilfskräfte an, Stefan Knopp und Professor Jürgen Buschmann leiten sie. Das Team ist der Denkapparat hinter Jogi Löws Trainerteam, eine der wichtigsten Quellen, aus der der Bundestrainer sein Wissen nimmt und zu Entscheidungen destilliert. Die Studenten wissen, wie viele Meter Portugals Abwehrspieler voneinander entfernt standen, wenn sie ein Tor kassiert haben. Sie wissen, dass die deutsche Mannschaft im verlorenen WM-Halbfinale gegen Spanien im Schnitt sieben Meter weiter hinten stand als sie sich das vorgenommen hatte. Sie wissen, wie viele Übersteiger Cristiano Ronaldo in einem Spiel macht, und vor allem, wie sich diese Tricksereien schon im Ansatz erkennen lassen.

In die Köpfe der Spieler muss sehr viel Wissen vor einem EM-Spiel. Zusammengetragen wird es in der Sporthochschule Köln

Die Studenten sitzen seit Monaten an ihren Rechnern und tun, was sie während der EM in Höchsttempo machen müssen, sobald die Spiele abgepfiffen sind: das Spiel der Nationalmannschaft und vor allem ihrer Gegner bis in kleinste Details analysieren. Pro gegnerischer Mannschaft haben sie je zehn Spiele unter die Lupe genommen, Taktik und Verhalten der Mannschaften untersucht und die Stärken, Schwächen und Eigenheiten der einzelnen Spieler herausgearbeitet. Statistiken sind im Fußball auf dem Vormarsch, und auch, wenn letzten Endes die Kloses und Schweinsteigers das Tor selbst treffen müssen – je mehr Vorbereitung in Form von Datenhäppchen ihre Trainer bekommen, desto besser können sie den Spielern sagen, wie sie am besten vor dieses Tor kommen. Deshalb werten die Studenten sogar die Medienberichte in den Ländern der Gegner aus, denn für die Vorbereitung der deutschen Spieler ist es Löw und seinem Trainerteam auch interessant, ob Dänemark vor Deutschland zittert oder vielleicht ein portugiesischer Spieler zu Hause gerade einen Skandal am Hals hat. Am Ende gehen mehrere hundert Seiten dicke Dossiers an das DFB-Trainerteam, dazu kommt geschnittenes Videomaterial. „Beim letzten WM-Spiel gegen Spanien waren es etwa 800 Seiten und 25 DVDs“, sagt Buschmann. Löws Assistenten Hansi Flick und Urs Siegenthaler fassen aus diesen Dossiers das Wichtigste zusammen und diskutieren auf der Grundlage der Informationen aus Köln mit dem Bundestrainer über die eigene Taktik und Aufstellung. Und sie können jederzeit nachbestellen: „Im Moment haben wir sechs bis acht Leute bei uns sitzen, die jederzeit auf Abruf sind, wenn das Trainerteam Nachfragen hat oder bestimmte Informationen noch vertieft braucht.“

Die Studenten werden für ihre Aufgabe akribisch ausgewählt und vorbereitet. Sie müssen selbst im höherklassigen Amateurbereich Fußball spielen und ein Vorstellungsgespräch überstehen. Dann werden sie in Seminaren und Kursen an der Uni geschult, auch Besuche von Hansi Flick und Urs Siegenthaler stehen auf dem Programm. „Unsere Studenten müssen die Spielphilosophie der Nationalmannschaft verinnerlichen“, sagt Buschmann. Vor ihrer Arbeit bekommen sie also erstmal dasselbe erzählt, das ein junger Spieler wie Julian Draxler hört, der zum ersten Mal zur Nationalmannschaft eingeladen wird.

Eine derart fundierte wissenschaftliche Vorbereitung in Kooperation mit einer Uni ist im Weltfußball noch ziemlich einzigartig. Die deutsche Nationalmannschaft hat sie 2006 ins Leben gerufen, auf Initiative von Jürgen Klinsmann. Der fragte sich vor der WM 2006, wie man die 31 Mannschaften des Turniers analysieren könnte. Uli Vogt, TV- und Medienkoordinator der Nationalmannschaft, erinnerte sich da an seinen Freund und früheren Trainer Buschmann und dachte, dass der vielleicht mit ein paar seiner Studenten behilflich sein könnte und rief ihn an. „Nachts um 1 klingelte bei mir das Telefon“, erinnert sich Buschmann.

Seit 2006 ist aus der Spielanalyse in Köln schon fast eine neue Forschungsdisziplin geworden. In den vergangenen Jahren haben die Studenten an der Sporthochschule mehr als 40 Diplomarbeiten zu diesem Thema geschrieben. 2013 wird dort auch der weltweit erste Masterstudiengang Spielanalyse eingerichtet.

Denn die Entwicklung ist noch lange nicht am Ende, prophezeit Buschmann. „In der Bundesliga ist das noch absolut in den Anfängen. Die Trainer kommen und gehen mit ihren eigenen Vertrauten.Wenn sie wieder den Verein verlassen, nehmen sie ihr Material wieder mit. Es gibt da keine Nachhaltigkeit." Mittelfristig, so glaubt Buschmann, wird jeder Verein in der ersten und zweiten Liga mindestens sechs Leute beschäftigen, die sich um Spielvorbereitung, Scouting und Verwaltung einer Analysedatenbank kümmern. „Wir haben schon jetzt ungefähr 20 Studenten bei Vereinen bzw. Unternehmen untergebracht, die dort im Scouting-Bereich tätig sind."

Das Projekt ist für die Studenten also nicht nur spannend, weil sie ein wichtiger Bestandteil der deutschen EM-Hoffnung sind. Es ist eine gute Vorbereitung auf ihr Berufsleben, eine Investition in die Zukunft. Auch deshalb ist das Projekt so beliebt, obwohl die Studenten für ihre aufwendige Arbeit kein Geld bekommen. Wenn am Samstag das Spiel Deutschland gegen Portugal angepfiffen wird, werden in Köln jedenfalls ein paar Studenten noch sehr viel aufgeregter sein als viele andere Fußballfans in Deutschland. Und hier wird man vor dem Fernseher nur fachmännische Kommentare hören.

Text: christian-helten - Foto: dapd

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