Lotta, José, Pjotr, Tommy und noch zwei: Die sechs Erasmus-Archetypen

Erasmus – das bedeutet primär eine Menge Flughafen-Parties: viele fremde Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, die alle durcheinander plappern. Das anzutreffende Personal lässt sich, nachdem erst einmal alles furchtbar spannend und neu ist, erstaunlich einfach in sechs Archetypen einordnen...
friedemann-karig

1. Natalia, die deutsche Multikultine Spricht: Deutsch (gewählt und dialektfrei), Englisch (Leistungskurs), Französisch (nur mittelgut, Jean-Pierre war echt voll das Arsch!), Spanisch (gut, da schon 4 Semester Fortgeschrittenenstufe, trotz aller Anstrengungen und vier Monaten Costa Rica jedoch ohne südamerikanischen Akzent). Ausrüstung: Drei ManuChao-CDs, verwaschene Kordhosen und die totale Toleranz. Erster Satz: „Hi, ich bin Natalia, aber lass uns lieber Spanisch reden, will ja was lernen!“ Häufigste Phrase: „Echt traurig, wie touristisch es da ist...“ Ihre Geschichte... Natalia wuchs in einer unbedeutenden Kleinstadt irgendwo in Deutschland auf, um nach dem Abitur erst in die große weite Welt, und dann in eine putzige Studentenstadt zu ziehen. Nach ein paar Semestern Kulturwissenschaft, der ersten knallharten Selbstständigkeit und einer verkorksten Fernbeziehung mit ihrem alten Oberstufenfreund ist sie nun bereit, ein halbes Jahr lang „mal so richtig hautnah“ und so. Erzählt zu Hause nur positives, egal wie oft ihre Handtasche geklaut wurde - insgesamt war es eine ganz, ganz tolle Erfahrung für sie. Auch wenn sie eigentlich ununterbrochen panische Angst hatte, wegen den vielen Südländerinnen-Querstrich-Skandinavierinnen keinen Typen abzukriegen. Oder, noch schlimmer, deswegen als intolerant zu gelten. Unter Alkoholeinfluss... ...lächelt sie alles an, was schwarze Haare hat und blamiert sich offensiv auf der Tanzfläche.


2. Jan/José , der schwedische Spanier (oder andersrum?) Spricht: Schwedisch, Spanisch (nahezu perfekt), Englisch (Akzentfrei), Deutsch (Drei Sauflieder und umfassendes Genitalvokabular). Ausrüstung: Zwei verschiedenfarbige Reisepässe, das reicht. Erster Satz: „Holá, I am José... isch habe eines großes behnis, is that correct?!“ Häufigste Phrase: „Tell me how to say it in German!“ Seine Geschichte... Er ist eindeutig die coolste Sau, denn allein seine Herkunft qualifiziert ihn schon als Meinungsführer und Respektsperson. Als fleischgewordener Erasmus-Traum aller mitteleuropäischer Mädchen hat er die beste Abschlepp-Quote vorzuweisen, was ihn wiederum zum Neidobjekt für alle männlichen Anwesenden macht. Eigentlich geht ihm das alles ziemlich auf die Nerven, deswegen lenkt er sich mit anzüglichen Sprüchen in ihm völlig unbekannten Fremdsprachen ab, aber selbst das finden alle nur superwitzig und so. Unter Alkoholeinfluss... ...wird er ganz furchtbar melancholisch und bekommt echte Selbstzweifel, da ihn niemand wirklich kennen lernen will. Was ihm nur noch mehr unreflektierte Sympathien einbringt („Diese emotionalen Spanier!“ bzw. „diese schwermütigen Nordländer!“) - ein wahrer Teufelskreis.


3. Lotta, die Schwedin (heißt auch manchmal Giovanna, hat schwarze Haare und kommt aus Palermo, der Rest bleibt sich jedoch ungefähr gleich) Spricht: Schwedisch, Englisch (perfekt, wie alle Skandinavier), Spanisch (klingt bei ihr eher wie Schweizerdeutsch, aber süß). Ausrüstung: Hardbody und drei Handys. Erster Satz: „Hello, my name is Lotta.“ Häufigste Phrase: „No, thank you, I think I had enough Wodka.“ Ihre Geschichte... ...interessiert bei den blonden Haaren und langen Beinen eigentlich niemanden, ist dafür aber auch relativ schnell erzählt. Ihr Vater hat ein Telekommunikationproduktionszulieferer-Konglomerat und ihre Neugierde auf fremde Länder geht genauso weit, wie ihr Freund aus Malmö sie noch per Skype erreichen kann. Nerven tun sie nur die frequenten Pfiffe auf der Straße, aber dafür gibt sie nachts in der Regel keinen Cent aus. Unter Alkoholeinfluss... ...knutscht sie mit einem Typen rum, der ihrem Freund fast ähnlich sieht oder schreibt demselben hunderte sehnsüchtige SMS.


4. Pedro, der Mexikaner Spricht: Spanisch, Englisch (mit furchtbarem Akzent). Ausrüstung: Familienpackung Haargel, Macho-Charme und eine lockere Hüfte. Erster Satz: „Holá, guapa!“ Häufigste Phrase: „Vamos a bailar, guapa!“ Seine Geschichte... Von seinen vermögenden Eltern auf Reifeprüfung nach Übersee geschickt, hat sich dieser umgängliche Zeitgenosse die Maxime der Lustmaximierung zu Eigen gemacht. Auf allen Partys gilt er als gern gesehener, weil stimmungsfördernder Gast, seine Trinkfestigkeit beschränkt sich jedoch auf Unmengen Tequila - und seine vorlauten Hände auf blonde Frauen. Dafür kennt er schon nach zwei Wochen alle wichtigen Barkeeper und die lauschigsten Plätze der Altstadt, lacht höflich über ihm gegenüber kommunizierte Latino-Stereotypen und hat immer was zu rauchen dabei. Game over ist bei ihm erst, wenn Papa das Konto sperrt oder jemand mit seiner Auserwählten tanzt. Unter Alkoholeinfluss... ...ist er eigentlich ständig. Vamos a bailar!


5. „Der Typ“ (Nationalität unbekannt) Spricht: Alles ein bisschen. Ausrüstung: Rucksack, zerrissene Jeans und leerer Geldbeutel. Erster Satz: „Ich bin gerade erst angekommen, aber ist echt cool hier!“ Häufigste Phrase: „Kennst du jemanden, der ein Bett frei hat?“ Seine Geschichte... ...kennt niemand genau. Der Typ taucht meistens als entfernter Bekannter eines Freundes der Mitbewohnerin genau dann auf, wenn es etwas umsonst gibt, erzählt wirre Geschichten von Roadtrips durch Marokko und hat keinen festen Wohnsitz. Am nächsten Morgen stellen alle fest, dass niemand sich seinen Namen merken konnte, aber jeder ihm unzählige Kippen abgetreten hat. Gerne wird er auch für die Brandflecken in der Couch und den leeren Kühlschrank als Täter identifiziert, und nur wenn eine Abenteurer-affine Kommilitonin ihn längerfristig beherbergt, kommen seine gutbürgerlichen Wurzeln und drei Kreditkarten ans Tageslicht. Unter Alkoholeinfluss... ...schimpft er auf Spießer, Diebe und Faschisten. Dann klaut er der Gastgeberin die Nagelschere und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.


6. Tommy, der Deutsche Spricht: Deutsch (mit unverkennbar schwäbischem Einschlag), Englisch (inkl. HipHop-Slang und Texas-Rrr) und Spanisch (flüssig; heutzutage sind Sprachen schließlich ein Einstellungsgrund!). Ausrüstung: Drei Wörterbücher, neue Flip-Flops und viel guter Wille. Erster Satz: „Hi, ich bin de Tommy, nett dich kenne zu lerne!“ Häufigste Phrase: „Des wollt ich schu immer mal mache, ich finds voll geil wie international des hier alles ischt!“ Seine Geschichte: Sein Kumpel Dennis war in Australien, seine Eltern damals immerhin in Berlin und überhaupt kann man in jedem Uni-Magazin nachlesen, wie wichtig ein Auslandsaufenthalt für den „CV“ ist. Also hat sich der Tommy („Thomas sagt nur mei Mudder.“) akribisch vorbereitet, bei Daimler Sonderschichten gefahren und einen Sprachkurs vorgeschaltet – nichts bleibt dem Zufall überlassen. So ist auch seine Zuverlässigkeit was Vorlesungsverzeichnisse und Nachtbusfahrpläne angeht legendär, und die Kraft seines Willens, sich bei allen beliebt zu machen, wird nur noch von seinem kernigen Händedruck überboten. Unter Alkoholeinfluss... ...referiert er über Deutschlands immer noch strahlende Wirtschaftskraft, sein heimliches Idol 50 Cent und seine Lohnsteuerkarte in zehn Jahren. Damit blitzt er zwar regelmäßig bei den Italienerinnen ab, aber darum ging es ihm ja auch überhaupt gar nicht, nein.


7. Pjotr, der Rumäne Spricht: Eine osteuropäische Sprache, gebrochenes Englisch (stotternd), Java und C++ (fließend). Ausrüstung: Hornbrille, Halbschuhe und heftiger Horror vor Mädchen. Erster Satz: „Hello, I am P-P-Pjotr frrrrom B-B-Bukarrrrest!“ Häufigste Phrase: „I d-d-don´t really underrrstand...“ Seine Geschichte... Pjotr war schon immer eher ein Außenseiter. Was sich auch nicht mit dem Stipendium für ein Auslandssemester änderte, das er als bester Physik-Vordiplomand seines Jahrganges bekam. Im Gegenteil. Zwischen all den sprachgewandten Nachwuchs-Kosmopoliten fühlt sich der ewig blasse Kopfmensch die meiste Zeit wie das hoch 2 in der Relativitätstheorie – eher an den Rand gedrängt. Erschwerend hinzu kommt seine Phobie bezüglich weiblicher Gesprächspartner, welche jedoch nicht locker lassen wollen, ihn in die große Erasmus-Familie zu integrieren, und ihn deswegen immer wieder zu genau den Partys einladen, nach denen sich niemand daran erinnern kann, dass er überhaupt anwesend war. Immerhin wird er ordentlich bemuttert, fast wie zu Hause. Unter Alkoholeinfluss... ...taut er auf, wie das politische Klima nach 89. Normalerweise trinkt er zwar nie Alkohol, doch schnell hat er mit analytischem Scharfsinn erkannt, dass Ethanol ein probates Mittel gegen Stottern und Steifheit ist. Irgendwann nimmt er sicher auch mal die Brille ab und küsst ein Mädchen. Rein theoretisch gesehen. So wie eben alle im Ausland, früher oder später, über ihre Rollen hinaus wachsen.

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