"Marsimoto gehört in ein Museum"

Schizophrenes Konstrukt: Marteria und Marsimoto sind eine Person - Marten Laciny. Für den ist das ein Spagat zwischen Popstar und Antiheld. Kein Wunder, dass er in der Dritten Person über sich spricht.
daniel-schieferdecker

Kein Hallo. Mit einer Entschuldigung beginnt das Telefongespräch mit Marten Laciny. Er hatte das Handy nicht gehört, weil er noch angeln war. „Ich wohne ja am Wasser“, sagt er. Und in seiner Stimme schwingt Zufriedenheit darüber mit. Vielleicht auch Stolz. Jeden Tag angle er. Und vermutlich tut er gut daran, so häufig die damit einhergehende Entspannung zu suchen. Schließlich führt er nicht nur ein Leben als Prominenter, sondern gleich zwei. Denn die Privatperson Marten Laciny ist nicht nur Marteria, sondern auch Marsimoto.

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Illustration: Julia Schubert


Der Mensch: Marten Laciny

Als Marteria ist Marten der Popstar gewordene Rapper, dessen letzte Alben allesamt Gold gingen; der Typ, von dem die Kids Texte wie den der Nummer-Eins-Single „Lila Wolken“ auf dem Schulhof mitrappen und dessen Name auch schon mal durch die Klatsch-und-Tratsch-Spalten der Boulevardpresse gereicht wird. Als Marsimoto hingegen verkörpert Marten so etwas wie Marterias skurrilen Zwillingsbruder. Marsimoto, ein maskierter grüner Kobold, der stets mit hochgepitchter Mickey-Mouse-Stimme über Themen wie Gras, Indianer und zum Leben erweckte Spalding-Basketbälle rappt. Kein Popstar, eher der Antiheld – wenn auch ein gefeierter.

http://www.youtube.com/watch?v=92Hvcb8TU0Y

Was viele nicht wissen: Marsimoto war zuerst da. Für die Marsimoto-Rolle versteckt Marten sich bereits seit 2006 hinter der hanfgrünen Maske. Als Marteria hingegen trat Marten erst ein Jahr später auf den Plan. Seitdem wechseln sich die beiden Alter Egos mit ihren Veröffentlichungen ab. Für Marten bedeutet das eine künstlerische Doppelbelastung, die mit wachsendem Erfolg nicht weniger wird. Gut also, wenn man da einen Ausgleich hat, der einen bei dem ganzen Rummel erdet. Angeln zum Beispiel.

„Marteria und Marsimoto brauchen sich gegenseitig“, erklärt Marten. „Und beide sind sehr dankbar dafür, dass es diese Freshness gibt, mit der sie sich gegenseitig hochpushen und zu Höchstleistungen anstacheln können.“ Die beiden Charaktere stünden in Konkurrenz zueinander und seien jeweils der Meinung, besser zu sein als der andere und mehr Platten verkaufen zu können. „Marsi glaubt, am Ende als Gewinner dazustehen. Marteria hingegen sieht das genau andersherum.“ Es ist ungewöhnlich, einen Künstler über sich in der dritten Person sprechen zu hören. Und dann auch noch zweimal.

Kommerziell gewann bislang stets Marteria. Marsimoto-Platten blieben immer unter der Grenze von 100.000 verkauften Einheiten. Das könnte sich nun ändern. Seit dem 12. Juni ist das neue Marsimoto-Album „Ring der Nebelungen“ draußen. „Die Platte ist der Ritterschlag und das Beste und Kohärenteste, was ich als Marsi je gemacht habe. Wer weiß: Vielleicht ist das sogar das letzte Marsimoto-Album.“ Marten hält kurz inne, bevor er – vielleicht etwas bedeutungsschwanger – ergänzt: „Ich habe zumindest keine Ahnung, wie ich das noch mal toppen soll.“ Er lacht. Er weiß, dass er sein Marsimoto-Alter-Ego nicht begraben kann. Nicht jetzt, auf dessen künstlerischem Höhepunkt.

>>> "Marsi gehört eigentlich nicht auf die Bühne, sondern in eine Galerie." <<<



Denn in der Tat: „Ring der Nebelungen“ ist ein grandioses Album geworden. Verquere Beats voller Bass und Wahnsinn schaffen eine intergalaktische Soundwelt, in die Marsimoto seine bildgewaltigen Texte voller Meta-Ebenen auf doppelte Böden spuckt. Alles wie gehabt also – nur besser. „Es geht auf der ganzen Platte nur um eine einzige Sache: Es zu fühlen. Nur so entsteht Kunst. Und Marsimoto ist Kunst. Marsi gehört eigentlich nicht auf die Bühne, sondern in eine Galerie.“ Die Lieder des neuen Albums gehörten entsprechend in einen Rahmen. „Meisterwerk“ heißt denn auch eines von ihnen. „Ich mal' dir dieses Meisterwerk/Wenn alles nur so einfach wär“, rappt er darauf mit inbrünstiger Easiness. Und die Töne verschwimmen, als planschten sie in einem grünen Lichtermeer aus Hundertwasser; ein Lichtermeer, aus dem Marten Laciny mit diesem Album einen ganz großen Fisch geangelt hat.


Die Kunstfigur: Marsimoto

Sowohl beim Hören der Platte, als auch im Gespräch mit Marten wird eine Sache besonders deutlich: Bei all der instrumentierten und lyrischen Abseitigkeit von Marsimoto entsteht zwischen ihm und seinem Publikum nie eine Distanz – all der Inszenierung und Maskierung zum Trotz. Im Gegenteil. Je mehr Lichtjahre Marsimoto sich kreativ vom Diesseits zu entfernen scheint, desto näher rückt man an ihn und seine Welt heran. Und die Erklärung dafür liefert Marten auf der Platte gleich selbst: „Warum scheinen manche Sterne heller als die anderen?/Vielleicht weil sie einfach näher an uns dran sind.“ Im Gegensatz zu Marteria gibt er keine Autogramme und lässt sich nicht mit frenetischen Fans fotografieren. Als Kunstfigur lässt ihn das aber umso echter wirken – auch wenn das ein Widerspruch in sich ist.

Die Widersprüche sind es schließlich, die Marsimoto besonders machen. Popstar und Antiheld in einem. Vielleicht sind er und seine Musik gerade deshalb so unfassbar, weil sie nicht zu greifen sind. Und letzten Endes macht dieser Umstand Marsimoto womöglich zu „viel mehr Popstar“ als Marten es als Marteria je sein wird. Je sein kann.

http://www.youtube.com/watch?v=TB2Pfw8fm-w

Als ein solcher Popstar/Antiheld spielt Marsimoto live natürlich nur noch auf den größten Bühnen des Landes. Den ersten Gig zum neuen Album gab Marsimoto vor mehr als 90.000 Leuten beim diesjährigen Rock am Ring: Urban-Bereich, Dunkelheit, Haupt-Act. „Das ist halt die Marsi-Attitude. Da fängt es gleich groß an. Weil es groß ist.“ Während Marten sich nach außen stets bodenständig und genügsam gibt, kommt das Wort „Bescheidenheit“ im Wortschatz von Marsimoto nicht vor. Er kann es sich leisten. Auch dieses sauropodengroße Selbstbewusstsein wird dem eines Popstars gerecht.

Am Ende des Interviews bedankt sich Marten höflich für das Gespräch. Und er entschuldigt sich noch mal dafür, dass er das Telefon am Anfang nicht gehört hat. Kein Problem. Er würde jetzt wieder zum Angeln gehen. Wie heißt es im Marteria-Song „Verstrahlt“ doch so schön: „Ein großer Fisch braucht ’n großen Teich“. Die HipHop-Szene hat er jedenfalls längst am Haken. Und die Massen drum herum womöglich auch.


Text: daniel-schieferdecker - Fotos: Bernd Wüstneck, Maggie Herker

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