Masken für den Bierpinsel

Ein alter Turm, vier junge Street-Art-Künstler und sechs Wochen Zeit - in Steglitz passiert gerade ein spektakuläres Graffiti-Projekt.
daniel-schieferdecker

Ort des Geschehens ist der sogenannte "Bierpinsel", ein 46 Meter hohes Stück Poparchitektur aus den 70er-Jahren in Berlin-Steglitz. Jetzt bekommt der Turm ein neues Gesicht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die renommierten Streetartists Flying Förtress, Honet und Sozyone werden der Kuppel des Turmes bis zum 15. Mai Masken aufsetzen und den Bierpinsel damit in eine Freiluftgalerie verwandeln. jetzt.de hat mit Flying Förtress, Honet, Sozyone und der „Turmkunst 2010“-Organisatorin Larissa Laternser gesprochen. Der Teaser zur Turmkunst:

Larissa Laternser Als Geschäftsführerin der Schlossturm GmbH und Organisatorin des „Turmkunst 2010“-Projekts hat die 28-Jährige vor allem die Vorbereitungen koordiniert.

jetzt.de: Larissa, deine Mutter ist Kunstsammlerin. Stimmt es, dass sie den Turm gekauft hat? Larissa: Ja, das ist richtig. Sie hält den Turm selbst bereits für Kunst, aber die Leute haben irgendwann leider aufgehört, ihn anzusehen. Wir wollten ihn aus seinem Dornröschenschlaf erwecken und uns wieder um dieses lange vernachlässigte Gebäude kümmern. Unser Ziel war es, den Bierpinsel wieder in das Blickfeld der Leute zu rücken, indem wir Kunst in und an den Turm bringen. Die Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte haben damals immerhin etwas absolut Neues kreiert, das heute nicht verloren gehen sollte. Das waren Visionäre – und daran wollen wir gerne wieder erinnern. Wie ist die Idee entstanden, die Umgestaltung der Fassade Streetartists zu überlassen? Larissa: Ich muss gestehen: Am Anfang hat mich das Gebäude überfordert. Ich bin da jeden Tag reingegangen und habe manchmal gedacht: "Scheiße, lass uns den Turm einfach umkippen." Irgendwann kam dann die lose Idee, etwas mit Kunst zu machen. Ein befreundeter Galerist hat mich an Christoph Tornow von der Vicious Gallery in Hamburg verwiesen mit den Worten: „Der kennt auf jeden Fall Leute, die gut und verrückt genug wären, so ein Projekt mit dir durchzuziehen.“ Und innerhalb einer Woche hatte Christoph die Jungs bereits zusammen. Danach ging es dann vor allem darum, das Projekt mit der Stadt abzuklären, denn Steglitz ist nicht gerade eine Streetartmetropole. Die Leute dort haben vor allem befürchtet, dass es sich um Schmierereien handelt und es hat eine ganze Weile gedauert, ihnen diese Angst wieder zu nehmen. Ich habe kürzlich einmal nachgezählt: Ich bin in den letzten zwei Jahren insgesamt 103 Mal bei der Stadt zu irgendwelchen Treffen gewesen, um Politikern und alten Männern das Projekt zu erklären. Das war wirklich ein hartes Stück Überzeugungsarbeit. Die Stadt hat aber doch bestimmt irgendwelche Richtlinien aufgestellt und euch Restriktionen auferlegt, oder? Larissa: Natürlich. Ich musste ständig Skizzen vorzeigen, Entwürfe präsentieren, Malstile erklären – und das, obwohl ich mich in Sachen Streetart selbst nicht sonderlich gut auskenne. Außerdem war es der Stadt wichtig, dass der Umstand eingearbeitet wird, dass wir uns 2010 im Wissenschaftsjahr befinden – das ist durch das Malen der Masken jedoch bereits ausreichend umgesetzt. Und klar: Alles, was ansatzweise in Richtung Sex, Drugs & Rock’n’Roll gegangen wäre, hätten die Jungs nicht machen dürfen. Das ist alles vertraglich geregelt. Letztlich brauchte ich ihnen aber überhaupt keine Grenzen setzen, weil sie von sich aus bereits einen ganz anderen Weg eingeschlagen haben. So musste ich also niemanden in seiner Kreativität einschränken, und das hat dem Projekt sicherlich gut getan. Auf der nächsten Seite: Die Turmkünstler


Flying Förtress Der geborene Münchner lebt und arbeitet mittlerweile vorwiegend in Hamburg und ist vor allem für seine Teddy Troops bekannt. Er hat bereits zahlreiche internationale Ausstellungen absolviert, Bücher veröffentlicht und als Grafiker und Künstler für viele renommierte Kunden aus dem Urban-Culture-Bereich gearbeitet. jetzt.de: Wie hast du reagiert, als du die Projekt-Anfrage bekommen hast? Flying Förtress: Ich war natürlich begeistert und habe mich sehr darüber gefreut. Ich kannte den Turm auch vorher nicht und war sehr beeindruckt, als ich ihn im Dezember letzten Jahres zum ersten Mal live gesehen habe. Das ist eine wahnsinnig spannende Herausforderung, die sich einem nicht allzu oft bietet. Der künstlerische Rahmen sprengt außerdem sämtliche Dimensionen, und das Einarbeiten der speziellen Architektur macht einen zusätzlichen Reiz aus. Auch die Kollaboration mit den anderen Künstlern ist toll und ein weiteres Argument für mich gewesen, bei diesem Projekt unbedingt dabei sein zu wollen.

Wie muss man sich den Arbeitsprozess genau vorstellen? Wie geht ihr vor? Flying Förtress: Insgesamt werden vier Leute an der Außenfassade des Turmes arbeiten. Honet, Sozyone und ich werden den Kopf machen, während Craig Costello den Stamm fertig stellen wird. Die Kuppel besteht aus neun Teilen, jeder von uns Kuppel-Künstlern macht also drei. Wir arbeiten von einem sehr kleinen Lift aus, sodass wir nicht gemeinsam malen können, aber durch die separierte Arbeitsweise kann eben jeder auch seinen individuellen Style besser umsetzen. Die gemeinsame Thematik mit den Masken lässt das Gesamtpaket am Ende dennoch homogen erscheinen. Wie ist denn überhaupt die Idee mit den Masken entstanden? Flying Förtress: Uns erschien die Kuppel wie ein großer mechanischer Kontrollkopf aus der Zukunft, bei dem die Fenster wie Augen wirken, die einen ständig beobachten. Daher war die Idee eigentlich naheliegend, diesem Kopf unsere personalisierten Masken aufzuziehen und ihn dadurch in drei verschiedene Himmelsrichtungen blicken zu lassen. Wir verkleiden schließlich das Gebäude. Masken als Motiv bieten sich da einfach an. flying-fortress

Sozyone Der auch als Musiker aktive Sozyone gilt als einer der bekanntesten Graffiti-Künstler Europas, der in Brüssel auch erfolgreich eine Kunstschule besucht hat und eine sehr starke Affinität zur französischen Interpretation von Kunst besitzt. Worauf muss man beim Bemalen eines solchen Objektes besonders achten? Sozyone: Das Gebäude selbst hat bereits eine sehr starke Persönlichkeit, und die darf man nicht einfach übermalen. Erst, wenn man es schafft, diese Persönlichkeit in sein Schaffen einzubinden, kann wirklich etwas Großes daraus entstehen. Es geht um die richtige Balance zwischen der natürlichen Strahlkraft des Gebäudes und der eigenen künstlerischen Vision, die es mit Hilfe der Architektur hervorzuheben gilt.

Worin liegen denn die größten Schwierigkeiten bei der Umsetzung? Sozyone: Wir arbeiten aus einem sehr kleinen Lift heraus, das ist ungeheuer schwierig. Und wenn es zu windig ist oder regnet, dann können wir nicht arbeiten. Und ich meine: Wir sind hier in Berlin. Hier regnet es ständig. Außerdem gibt es eine Menge technischer Spezifikationen zu beachten, daher sind auch immer Leute vom TÜV und der Aufzugs-Firma vor Ort, um permanent alles zu überwachen. Und da wir eben nur einen einzigen Lift einsetzen können und schlechtes Wetter einplanen müssen, dauert die Umsetzung ganze sechs Wochen. Ansonsten hätten wir vermutlich nur zwei gebraucht. Habt ihr die Idee mit den Masken gemeinsam entwickelt oder existierte die bereits? Sozyone: Als wir uns zum ersten Meeting für das Projekt getroffen haben, gab es noch keinerlei Ideen. Aber als wir uns dann mal ernsthaft die Frage gestellt haben, was wir eigentlich malen wollen, haben wir das Masken-Thema sehr schnell gefunden. Jeder von uns konnte sich sofort damit identifizieren, zumal wir als Writer natürlich alle den Umgang mit Masken kennen. Im Zuge der eigenen Identitätsfindung sucht man zudem ständig nach Möglichkeiten und Wegen, man selbst zu sein, indem man jemand anderes ist. Das Alter Ego wird plötzlich zum wahren Ich. Und wenn man Graffiti macht, sich einen neuen Namen zulegt und ein komplett neues Universum um diesen Namen herum kreiert, sich zu bestimmten Gruppen zusammenschließt, Schriftzüge und Charaktere entwirft – das hat alles einen ähnlichen Ausgangspunkt wie das Tragen von Masken. Man möchte jemand anderes sein, weil man in seinem eigentlichen Leben nicht der sein kann, der man eigentlich ist. sozyone.com

Honet Von der Tate Modern in London wird der Franzose als einer der erfolgreichsten Urban-Art-Künstler der Welt beschrieben. Der 38-jährige war als Künstler bereits überall auf dem Globus aktiv und zieht aus Graffiti sehr viel mehr als nur eine Inspiration für sein nächstes Bild. jetzt.de: In einem Interview hast du Graffiti mal als eine Reflexion von Umgebung und Atmosphäre beschrieben. Welchen Einfluss hatte die futuristische 70er-Jahre-Architektur auf dein Motiv am Turm? Honet: Als Graffiti-Künstler versuche ich stets all das einzubinden, was mich umgibt. Und das beinhaltet selbstverständlich auch die Art und Weise, wie ich in der Stadt lebe und sie wahrnehme. Also ist alles, was ich male, auch eine Reflektion dessen, was ich sehe, was mich umgibt oder beeinflusst – sei es Atmosphäre oder Architektur. Es hängt alles zusammen. Und wenn ich als Künstler am Turm arbeite, wird die dort ausgeführte Arbeit auch meine Interpretation der Stadt Berlin beinhalten. Man kann meine Gefühle gegenüber der Stadt aus diesem Bild herauslesen. Welches waren deine ersten Assoziationen zu der Maskenidee? Honet: Masken haben für mich per se einen ganz engen Bezug zu Graffiti, weil man im Graffiti eben auch seine Persönlichkeit ändert und zu jemand anderem wird. Man kann auf einmal Dinge tun, zu denen man im normalen Leben nicht in der Lage wäre. Wenn du im wahren Leben ein Loser-Typ bist, schlüpfst du plötzlich in deine Writer-Identität, gehst nachts raus, hast eine Maske vorm Gesicht und wirst plötzlich zu einem Gewinner-Typen, der Dinge umgesetzt bekommt, die er im normalen Leben nicht hinbekäme. Man wird freier, stärker, selbstbewusster und hat keine Angst mehr. Ich habe zum Beispiel Höhenangst und fürchte mich davor, in die Leere zu stürzen – eigentlich schlechte Voraussetzungen, um einen Turm von außen zu bemalen. Aber ich bin eben nicht mehr Cedric, wenn ich da rausgehe, sondern Honet – und der schafft das. Du hast auch mal betont, dass es dir beim Malen gar nicht so sehr um das fertige Endergebnis geht, sondern viel mehr um den Kreationsprozess selbst. Ist das bei diesem Projekt genau so? Honet: Natürlich freue ich mich auch schon darauf, am 15. Mai das fertige Resultat zu sehen. Dennoch ist der Spaßfaktor für mich ein ungemein wichtiger Teil dieses Projekts. Mir geht es bei Graffiti nicht ums Geld oder darum, die Welt zu verändern. Ich will Spaß haben, Leute treffen, Orte sehen und neue Aufgaben meistern. Und das ist es, was Graffiti mir stets ermöglicht hat. Bis zum 15. Mai arbeiten Flying Förtress, Sozyone, Honet und Craig „KR“ Costello noch an der Fertigstellung vom „Turmkunst 2010“-Projekt. Live zu sehen: Montag bis Freitag: 10.00 – 18.00 Uhr und samstags von 12.00 bis 18.00 Uhr

Text: daniel-schieferdecker - Fotos: Just. / just.ekosystem.org, Waldi, privat

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