Mehr Landärzte! Medizinstudenten werden jetzt in die Provinz gelockt

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Hausärzte waren mal Superverdiener, heute demonstrieren sie für bessere Bezahlung. In der Folge lassen immer mehr Medizinstudenten die Ausbildung zum Allgemeinarzt links liegen. Schlimm, dachte sich Professor Hagen Sandholzer von der Selbstständigen Abteilung für Allgemeinmedizin an der Universität Leipzig und trommelt seit 2002 an seiner Hochschule für das Berufsbild „Hausarzt“: Jedes Jahr nehmen sich dort Studenten einen echten Hausarzt (oder Landarzt) zum Paten und schauen ihm ein paar Tage bei der Arbeit über die Schulter. Anne Sandhöfer zum Beispiel. „Für viele in meiner Gruppe wurde das Bild vom Landarzt über den Haufen geworfen“, sagt Anne, 23. Jedes Jahr belegen 120 Studenten das Patenprogramm der Selbstständigen Abteilung für Allgemeinmedizin als Wahlfachersatz und lernen, dass Landarzt-Sein gar nicht so übel ist. Von wegen lockere Kugel schieben: „Die Arbeit beschäftigt einen bis an den Abendbrottisch“, sagt Anne. Hausärzte schreiben nicht nur Rezepte aus und klopfen Rücken ab. Sie sind Teilzeitpsychologen und kennen die Häuser der Patienten und die Geschichten, die sich in diesen Häusern abspielen. Der Arzt ist auf dem Land bisweilen noch Universalgelehrter. Eine Instanz. Warum will den Job dann keiner? Anne kennt Kommilitonen, die zu Beginn des Studiums davon reden, Chirurgen oder Kardiologen werden zu wollen. „Das ist eine Karriereentscheidung. Man will Anerkennung bekommen, irgendwas besonders gut machen und sich abheben“ sagt sie. Außerdem riecht Landluft nicht besonders sexy. „So ein Landleben wirkt schon unattraktiv und man muss Kompromisse machen. Aber wenn man will – geht es. Und wenn man mal Kinder hat, fällt die Entscheidung für das Land sowieso viel leichter.“ Anne spricht aus gewisser Erfahrung. Ihre Eltern sind in Thüringen Hausärzte.

Haus- oder Landärzte verdienen nicht mehr so viel wie früher, als sie in vielen Gemeinden neben dem Pfarrer eine Art Königsstatus hatten. Sie müssen auf Geheiß der Kassen die Budgets kürzen und verdienen, in München zum Beispiel, gut 45 Euro je Patient und Quartal. Um ihre Praxen aber halten zu können, bräuchten sie eher um die 80 Euro je Patient und je Quartal. Das Geld ist das eine, das andere ist die Provinz: Weil viele Studenten es nicht mehr besonders kitzlig finden, das Berufsleben auf dem Land zu starten, drohen zumindest im Osten Deutschlands schon ganze Landstriche zu verwaisen. Anne zum Beispiel kann aus dem sächsischen Landkreis Torgau-Oschatz berichten, wo Mangel an Ärzten herrscht. „Dort gibt es ganz massive Probleme. Patienten laufen mit Listen von Ärzten umher – auf der Suche nach einem Hausarzt mit Kapazitäten.“ Professor Sandholzer war selbst 18 Jahre lang Landarzt und beobachtet seit 1989, dass immer weniger Studenten in seine Stapfen treten wollen. „Damals wollte noch ein Drittel aller Studenten Hausarzt werden. Dann sank der Anteil auf zehn Prozent und heute liegt er bei vier Prozent“. Als Sandholzer 1982 mit seinem Studium fertig wurde, standen deutsche Hausärzte an der Spitze der Gehaltsskala in Europa. „Heute weiß jeder Medizinstudent, dass der Hausarzt miserabel bezahlt wird.“ Ein Grund ist in Sandholzers Augen, dass jeder Gesundheitsminister in den vergangenen Jahren auf die angeblich besserverdienenden Ärzte gedroschen habe. „Da muss man sich nicht wundern, dass heutige Ärzte lieber in das Ausland gehen, wo sie geachtet und entsprechend ihrer enormen Verantwortung bezahlt werden.“ Der Professor aus Leipzig will der schlechten Laune nun Begeisterung entgegen setzen. „Wir wollen Erstsemester erleben lassen, was das für ein schöner Beruf ist.“ So kommen die Studenten, die im Patenprogramm mitmachen früher als ihre Kommilitonen mit echten Patienten in Kontakt. In einem Propädeutikum lernen sie Grundwissen wie Blutdruckmessen und Blut abnehmen und verbringen dann ein paar Tage mit dem Hausarzt. Dort lernen sie einen Patienten mit einer chronischen Krankheit kennen, den sie im Laufe des Studiums immer wieder besuchen. „So lernst du die Entwicklung einer Krankheit zu beurteilen und was Betreuung bedeutet“, sagt Anne. Sandholzer sieht sein Programm auch als Gegenentwurf zum neuen Trend, Schauspielerpatienten in der Ausbildung einzusetzen. Die würden dem „Wildtypus des Hausarztpatienten“ schon wegen der Rahmenbedingungen nicht entsprechen. Stolz erzählt Sandholzer von den Erfahrungen seiner Paten-Studenten. „Einer hat letzte Woche einen schweren Notfall erlebt, ein anderer einen hochaggressiven psychiatrischen Patienten. Das ist die ganze Bandbreite des Berufs.“ Sandholzer hört sich bisweilen schwelgerisch an, wenn er in hohen Tönen seinen Berufsstand preist und davon spricht, die „Liebe zu diesem wunderbaren Arztberuf“ rüberbringen zu wollen. Er sieht im Allgemeinarzt so etwas wie den Urtypus des Arztes. Breit gebildet und gefordert und im Kern ein Helfer und nicht ein Ökonom. „Ein Therapeut ist in der ursprünglichen griechischen Bedeutung sowohl ein Diener und ein Hüter des Patienten. Ein Pfleger, der seinen Beruf verehrt. Das ist der Kernpunkt in unserem Denken: Der Mensch, der Arzt werden will, der denkt nicht primär an Budgetprobleme, der will helfen!“ Diese Einstellung wird Sandholzers Landarzt-Erfahrung zufolge belohnt. Mal mit einer Weinflasche vom behandelten Weinbauern, mal mit einem Hühner-Ei, das ein kleines Mädchen aus Dankbarkeit vorbei bringt. „Das sind Erlebnisse“, erinnert er sich, „die können sie nicht mit Geld aufwiegen.“ Anne will diese Momente erleben, trotz Budgetkürzungen. Sie hat das Patenprogramm mittlerweile abgeschlossen und berichtet von Begeisterung unter den Kommilitonen: Allgemeinmedizin stehe nun wieder öfter auf dem Zettel der künftigen Optionen. Für Anne selbst stellt sich die Frage nicht mehr. Sie will nach Ende ihrer Ausbildung nach Hause. Und irgendwann in die heimische Praxis einsteigen.

Text: peter-wagner - Illustration: Katharina Bitzl

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