Mein erstes Semester als Juniorprofessorin

Das Wintersemester 2005/2006 an den Berufsakademien, Fachhochschulen oder Universitäten ist vorbei, das Sommersemester steht vor der Tür. Wie erging es jenen, die neu angefangen haben? Was war schwierig, was war schön? Im Lauf der Woche berichten Studenten, wissenschaftliche Mitarbeiter und eine Professorin, wie es war, ihr erstes Semester.
peter-wagner

Folge 3: Wie halte ich in der Mathe-Vorlesung den Spannungsbogen? Marita Jacob, 32, ist seit Oktober 2005 Juniorprofessorin für Methoden der empirischen Sozialforschung, Universität Mannheim Ja, den Arbeitsaufwand - vor allem für die Lehre - im ersten Semester habe ich ein wenig unterschätzt. Die Lehre kostet ganz schön viel Aufwand. Vier Stunden Unterricht in der Woche hören sich nach wenig an, aber mein Pech bei den Vorlesungen in „Ereignisanalyse“ und „Methoden der empirischen Sozialforschung“ war: Ich hatte sehr viele Studenten. Normalerweise kommen zur "Ereignisanalyse" (Beispielfrage: Wie lange dauert es unter Beachtung von Alter, Herkunft und Ausbildung, bis ein Arbeitsloser einen Job findet?) - also da kommen eigentlich höchstens 20 Studenten. In meiner Vorlesung waren über 60. Gut, die Mannheimer Studenten haben sowieso mehr Interesse an Statistik als an anderen Unis, im Moment sind es aber auch ungewöhnlich viele Studenten dort in allen Veranstaltungen. Naja, und dann habe ich den 60 Leuten auch noch Hausaufgaben gegeben. Allein die Korrekturen waren ziemlich aufwendig, aber ich halte das für sinnvoll und wichtig, denn auf die Art bleibt bei den Studenten viel mehr hängen. Beispiele, für alles Beispiele geben Die Vorbereitung ist aber fast noch mehr Aufwand gewesen: Es dauert eine Weile, bis man 90 Minuten durchgeplant hat. Das Interesse der Leute soll ja auch über ein Semester halten. Nun weiß ich zwar auch kein Heilmittel, wie man in Mathe den Spannungsbogen hält, aber es geht vielleicht allein dadurch, dass ich den Studenten zeige, welchen Spaß ich selbst an dem Thema habe. Noch wichtiger ist aber: Beispiele! Für alles Beispiele geben und sie hängen Dir an den Lippen. Naja, ein wenig zumindest. Bei der Methoden-Vorlesung war das wesentlich leichter, da war das Thema leichter verständlich und vor allem sind die Studenten mehr eingespannt. Sie lernen wie man Fragebögen konstruiert, sie haben sich dann selbst spannende Fragen überlegt, werden „ihre“ Daten jetzt selbst erheben und später auch noch auswerten. Wahnsinnig aufwendige Bewerbung Etwas anderes als Wissenschaft und Forschung kam für mich eigentlich nie in Frage. Ich habe Soziologie, Mathe und VWL studiert, war wissenschaftliche Hilfskraft und habe da Feuer gefangen. Nach der Promotion war ich zwei Jahre am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg und habe mich dann auf die erste Juniorprofessorenstelle in Mannheim beworben. Wahnsinn, wie aufwändig das Bewerbungsverfahren war! Es gab eine Berufungskommission mit verschiedenen Professoren und Vertretern der Uni. Nachdem ich aufgrund meiner Unterlagen in der Auswahl war, musste ich in Mannheim einen Probevortrag halten, dann gab es eine ausführliche Besprechung mit der Kommission und weil ich dann immer noch in der engeren Wahl war, mussten wiederum einige Professoren anderer Unis ein Gutachten zu meiner Arbeit und meiner Eignung für die Professur erstellen. Freiheit gewonnen, Arbeit gewonnen Der große Unterschied zu einer normalen Professur ist: Ich muss keine sogenannte Habilitation mehr schreiben, eine Zulassungsarbeit zur Professur sozusagen. Es reichen die Doktorarbeit und der Nachweis, dass man bereits in wissenschaftlichen Journalen seine Forschungsergebnisse veröffentlicht hat, und man kann sich auf so eine Juniorprofessorenstelle bewerben. Gleichaltrige Kollegen haben oftmals Stellen als Assistenten, während ich keinem Professor mehr unterstellt bin und frei forschen und lehren kann. Auch wenn ich eines feststelle: Was man an Freiheit dazu gewinnt, bekommt man im gleichen Maße auch an Verpflichtungen dazu. Die Arbeit in den Gremien, die Prüfungen oder die Betreuung von Diplom- oder Doktorarbeiten schluckt schlicht Zeit. Zusätzlich schreibe ich Forschungsanträge, um Geld für meine Projekte zu bekommen. Das bedeutet, um ein Resümee zu ziehen, vor allem eines: Als Professor ist mein sein eigener Chef – muss aber in der gleichen Zeit mehr leisten. Bisher sind erschienen: 1. Mein erstes Semester als Germanistikstudent 2. Mein erstes Semester als wissenschaftlicher Mitarbeiter

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