Mein Internet – jetzt gerade

Manchmal stellen wir uns das Internet wie eine große Stadt vor. Jeder bewohnt ein anderes Viertel und beobachtet andere Dinge. Deshalb stellen jetzt-Redakteure hier ihren Stadtteil im Netz vor.
jetzt-redaktion

Urheberrechts-Tage In meinem Internet geht es ums Urheberrecht. Das hat wenig mit der Jahreszeit zu tun, aber immer wenn der Frühling sich Ende April mit ersten Heuschnupfen-Pollen ankündigt, geht es besonders ums Urheberrecht. Denn am 26. April eines jeden Jahres wird der so genannten Welttag des geistigen Eigentums begangen und der dient immer wieder als Anlass zu großen Debatten über die Frage, wie das Urheberrecht im Zeitalter der Digitalisierung aussehen soll. In diesem Jahr sorgte die Dienstleistungsgesellschaft ver.di für Aufregung. Sie hatte am vergangenen Montag zu einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der so genannten Kreativindustrie geladen. Darauf reagierte Philipp Otto von irights.info mit einem Offenen Brief an die Gewerkschaft und fragte, warum diese gemeinsame Sache mache mit den Lobbyverbänden, die unter anderem auch ein restriktives Vorgehen gegen Urheberrechtsverletzungen nach dem Vorbild des 3-Strikes-Modells fordern. Ein Blogger verkündete sogar seinen Austritt aus der Gewerkschaft. Die reagierte auf die Vorwürfe und schickte Antworten an netzpolitik.org wo zu lesen war: „Vorratsdatenspeicherung ist nicht akzeptabel und kann deshalb auch kein Mittel zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen sein. Allerdings enthebt uns diese Überzeugung nicht der Notwendigkeit, nach anderen Möglichkeiten zum Schutz von Urheberrechten zu suchen." Das heißt: Die Debatte um das Thema geht weiter - übrigens auch weil in dieser Woche ein weiterer weltweiter Gedenktag ist, der gegen DRM und Kopierschutz; am 4. Mai. Dirk von Gehlen *** Hühner im Netz

Ein Großteil der Blogs, die ich täglich lese, dreht sich um irgendwie gutes Alltagsleben. Manche legen dabei ihren Schwerpunkt auf Einrichtung, Design und Selbermachen, andere geschätzte Blogger verbringen Monate mit der Suche nach dem besten Steak und viele weitere freuen sich an all dem und zusätzlich einfach an schön fotografierten Balkonpflanzen, Hotelzimmern und der perfekten Weekender-Tasche, die sie irgendwo entdeckt haben. In den Loha-Wohn-Blogs in den USA, die übrigens fast ausschließlich von netten Frauen Mitte Dreißig betrieben werden, ist gerade das Halten von Hühnern ein großes Thema. Nachdem in den letzten Jahren ja schon viel auf Dachterrassen und in Hinterhöfen gegärtnert wurde, ist mit dem Halten von Nutztieren eine neue Ebene im urbanen Eco-Living-Hype abzusehen. Und das klappt jenseits einer eigenen Farm ja allenfalls mit Hühnern. Das Thema schwelte schon länger und viele Kommentarschreiber und Blogger gerieten bei der Vorstellung, das Frühstücksei aus dem eigenen Hof/Garage/Garten zu holen, in akute Echtheits-Verzückung. Jetzt hat die Bloggerin Ashley Englisheine Buchreihe mit dem Titel „Homemade Living“veröffentlicht und zu den ersten Bänden gehört neben „Canning Preserving“ auch die Fibel „Keeping Chickens“. Das war etwa so, als würde man eine neue Kirche in eine Gruppe von Pfarrern werfen. Die Szene stürzte sich auf das Buch und war gleich voll des Lobes für die freundliche Anleitung zum Eigenhuhn. Neben richtiger Fütterung, Gesundheit und Unterbringung der Hühnerschar, gibt Frau English natürlich auch Tipps für allerbeste Eier-Rezepte und ordentlich gestaltete Hühnerzimmer. Also ist für jeden was dabei. Eine Hühnerschlachtung ist freilich eher nicht vorgesehen. Schließlich sollen die Hühner genauso schön leben dürfen wie die Blogger. Nur mit mehr Auslauf. max-scharnigg Auf den nächsten Seiten: Makerbot, das Leben der anderen und ein bunter Kessel Wirres


Makerbot

Vor einem Jahr erklärte mir einer meiner Freunde stolz, dass er sich so eben ein Schnappsglas ausgedruckt hätte. Ja genau, ausgedruckt! Auf einem 3D-Drucker der Marke Makerbot. Der Drucker wird als Bastelset aus New York geliefert und kostet 750 Dollar. Bre Pattis ist der Kopf des aus jungen Hackern bestehenden Unternehmens Makerbot Industries. Weil er aussieht wie aus dem Nerd-Bilderbuch und so wahnsinnig amüsant über Technik-Errungenschaften spricht, verfolge ich seit einigen Monaten den rasanten Aufstieg des Unternehmens im Internet.

Bre Pattis erklärt den Makerbot Auf thingiverse.com kann jeder Bastler seine Druckvorlagen hochladen und kostenlos die der anderen ziehen. Mein aktuelles Lieblingsobjekt ist die gothische Kathedrale zum Ausdrucken. Ich halte es für gut möglich, dass Makerbot Industries eines Tages das sein könnte, was Apple heute ist. Vor dreißig Jahren konnte sich doch auch noch niemand vorstellen, was man mit einer Rechenmaschine im Wohnzimmer Sinnvolles anfangen sollte. Im Berliner Betahaus gibt es seit Anfang April einen Makerbot im hauseigenen Druckraum. Philip Steffan ist einer der Fablab-Gründer. In einem Mini-Vortrag auf der Berliner Ignite vergleicht er den Makerbot auch gerne mit dem Replikator aus Star Trek. Fehlt mir also in Zukunft eine Schraube, eine Tasse Tee oder das Abzeichen der Sternenflotte, drucke ich sie mir einfach aus. Prima. anna-kistner *** Katzen, Hipster und ein Ex-Nazi Es ist leider gar nicht so leicht, mein Internet zu beschreiben. In meinem Google-Reader sieht es nämlich aus wie in einer Rumpelkammer, die hin und wieder die absonderlichsten Dinge ausspuckt. Ein kurzer Rundgang: Ein leidlich bekannter Nazi-Sänger (“Hauptkampflinie”) steigt aus der Szene aus. Ist ja nicht unerfreulich. Auf zwei Mädchenblogs sehe ich Vaginas. Rebel Art stellt schon wieder einen Street-Art-Künstler vor. Ich bin aber nicht genervt, die gehören zu den guten. Der “Economist” will wissen, wie ich die Titelgeschichte fand. Ja, schon interessant. thathipsterporn “fuck you very much” macht mir immer gute Laune. Hipsterrunoff ist leider immer dasselbe. Katzen bei der Glaserei, ist mir jetzt zu anstrengend. Mir schwirrt der Kopf, ich geh noch schnell auf Facebook, vielleicht gibt es neue Fotos. philipp-mattheis Auf der nächsten Seite: Perfekte Hausfrauen und interessante Haarfarben-Trends


Das – perfekte – Leben der anderen

Bei mir hat sich das Unbehagen vor einigen Wochen eingeschlichen, es lag vermutlich damit zusammen, dass ich mittlerweile über hundert Blogs im Reader abonniert hatte, die alle dasselbe Thema haben: Kreativität zwischen Kunst und Gebrauchsgegenständen. Und jedes dieser Blogs gehört zu einem Menschen – meist weiblich – der zusätzlich zu den kreativen Ergebnissen seiner Arbeit auch Schnipsel aus dem eigenen Leben zeigt. Und selbstverständlich sind all diese Schnipsel immer: hübsch fotografiert, jeder Gegenstand mit Bedeutung angefüllt und so umweltverträglich wie immer möglich. An manchen Tagen brauche ich eine halbe Stunde, nur um den Google-Reader zu leeren, eine halbe Stunde, die ich damit verbringe, andere Menschen um ihre scheinbar perfekten Leben zu beneiden. Da kam mir der etwas bösartige Artikel über die Decornographers gerade recht. Darin beschreibt die Autorin genau meine Gefühle der Unzulänglichkeit angesichts dieser unfassbar kreativen Menschen, die – im Gegensatz zu den Mitarbeitern von Einrichtungs-, Mode- oder Frauen-Zeitschriften – nicht einmal Geld für ihre Anstrengungen bekommen. Sie alle haben einen Job, mit dem sie Geld verdienen. Aber im Gegensatz zu mir bedeutet das für diese Menschen nicht, sich nach getaner Arbeit faul aufs Sofa zu flegeln und den Rest des Abends vor der Glotze zu verdämmern – im Gegenteil – nach Feierabend geht das Leben für diese Menschen erst richtig los. Fleißigen Heinzelmännchen gleich begeben sie sich in den Abendstunden in ihr Studio oder ihre Werkstatt und fangen an, kreativ tätig zu sein: sie nähen, sie stricken, sie zeichnen, sie drucken, sie malen, sie basteln, sie gärtnern

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