Mein Leben ohne eine Beziehung

Wer keinen Partner hat, spürt schnell, dass wir in einer Paargesellschaft leben. Unsere Autorin hat die Geschichte eines Studenten protokolliert, der mit 25 noch nie eine Freundin hatte - und über den daraus resultierenden Druck spricht.
fiona-webersteinhaus

"Die Kumpelschiene ist mein Problem: Mädchen finden mich süß und witzig, in andere Jungs verlieben sie sich. So wie letztens. Ich habe ein Mädchen an der Uni kennengelernt, die genau wie ich ihren Medizin-Studienplatz gewechselt hat. Wir haben uns zunächst nur gut verstanden, bald konnte ich mir durchaus mehr mit ihr vorstellen. Und dann begann sie, mir ihre Beziehungsprobleme zu erzählen. So läuft es immer.

Inzwischen bin ich 25 Jahre alt und hatte noch nie eine Freundin. Was an mir liegt: Ich glaube, ich sende die falschen Signale. Außerdem bin ich eher rational. Ich lasse mich nicht so sehr von Gefühlen leiten. Beim Fußball bin ich auch nicht derjenige, der sofort bei einem Tor jubelnd aufspringt oder stundenlang über die schlechten Schiri-Entscheidungen schimpft. Bei Mädchen kommt noch dazu, dass ich mir sofort vieles schlecht rede. "Das klappt sowieso nicht", denke ich dann. Oder: "Das Mädel ist doch nicht so toll." Alles blöde Ausreden, über die ich mich nachher ärgere.

Woran es liegt, dass ich außer Küssen noch keine Erfahrungen mit Frauen gesammelt habe? Ich glaube manchmal, ich habe die Ausprobierphase verpasst. Mit sechzehn haben viele meiner Freunde die ersten Beziehungen gehabt, auf den Jugendfreizeiten wurde geknutscht und angebändelt. Ich war zu schüchtern. Fünf bis sechs Mädchen habe ich bis jetzt geküsst – meist waren sie diejenigen, die auf mich zugegangen sind.

Betrunkenes Küssen hebt zwar mein Selbstvertrauen, aber auch nur für kurze Zeit. Inzwischen kommt nach dem Geknutsche in der Bar gleich Sex - zumindest kriege ich das von Bekannten mit. Ich habe noch nie mit einer Frau geschlafen. Klar, theoretisch könnte ich beim Feiern jemanden abschleppen. Aber für das erste Mal?

An einem One-Night-Stand finde ich vor allem die Vorstellung schrecklich, dass nachher blöd über mich geredet werden könnte: Das Mädchen sitzt am Morgen danach in ihrer Küche, rührt den Teelöffel im Kaffee und erzählt ihrer Mitbewohnerin, dass es nicht so toll war, ich nicht so gut im Bett war, oder sie mich unsympathisch findet. Auch wenn ich selbst noch keinen Beitrag zu solchen Gesprächen geleistet habe, weiß ich, dass es sie gibt.

 

Sex haben, nur um es auf der Liste abzuhaken, brauche ich nicht. Es stört mich auch nicht allzu sehr, noch nie mit jemandem geschlafen zu haben. Dass ich noch keine Beziehung hatte, stört mich dagegen schon. Aber vielleicht bin ich zu sensibel. Viele meiner Freunde erzählen mir von dem Hin und Her in ihrem Liebesleben und wie sie das belastet. So einen Stress will ich nicht haben. Ich hasse Streit und Konflikte. Vielleicht habe ich auch Angst vor genau dieser Konfrontation, wenn ich mich auf ein Mädchen einlasse.

 

Meine Eltern haben sich scheiden lassen, den Konflikt und die Zankereien habe ich damals direkt mitbekommen. In einem Versuch der Selbstanalyse habe ich überlegt, ob dies auch ein Grund dafür ist, dass ich Auseinandersetzungen meide. Niemanden näher kennenzulernen impliziert: keine Abfuhr und keinen Streit. Ich rede eigentlich nur mit einem Freund offen über meine fehlende Erfahrung in Liebessachen. Ansonsten wird das Thema in meinem Bekanntenkreis verschwiegen. Ich glaube, manche haben Angst, mich direkt nach Mädelsgeschichten zu fragen, weil sie mich nicht verletzen wollen. Andere Kommilitonen munkeln, ich sei schwul und hätte mein Coming-Out noch vor mir.

 

Klar, die ziehen den schelen Zusammenhang: Er hat keine Freundin, keine Affären und er kocht gerne, also ist er schwul. Das ärgert mich. Dabei kenne ich mehrere Leute in meinem Alter, die noch keine richtige Beziehung hatten oder auch noch keinen Sex. Das liegt im krassen Gegensatz zu den vielen Geschichten über Sex und Beziehungen in den Medien und auch im Alltag. Das Körperliche scheint die ganze Zeit im Vordergrund zu stehen. Dieses imaginäre Bild von „Jeder hat einen Partner, jeder hat Sex“ setzt mich schon unter Druck. Obwohl ich es selbst albern finde.

 

Das Hauptproblem ist: Je länger ich keine Freundin habe oder keine Frau richtig kennenlerne, desto größer wird die Hemmschwelle, überhaupt jemanden anzusprechen. Und das nagt an meinem Selbstvertrauen. Obwohl ich sonst mit meinem Leben sehr zufrieden bin. Freunde, Familie, Studium: das läuft alles super. Theoretisch weiß ich ja, dass ich ganz passabel aussehe, intelligent und auch sympathisch bin. Aber an der Umsetzung hapert es. Ich traue mich nicht. Obwohl Flirten ja eigentlich nur Übungssache ist. Letztes Wochenende habe ich zum Beispiel abends mit ein paar Frauen geredet. Vielleicht mache ich mir auch zu viele Gedanken. Denn eigentlich bin ich mir sicher: Irgendwann klappt´s bestimmt mit den Mädchen." Text: fiona-webersteinhaus - Foto: cydonna/photocase.com

 

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