Meine Integration

Am Mittwoch lädt Angela Merkel wieder zum Integrationsgipfel. Hier beschreiben Karim, Sinem und Kaled, warum sie sich in Deutschland gut integriert fühlen und wie das kam.
anabel-schleuning

[b]„Ich lebe einen deutschen Islam, auch wenn viele bestreiten, dass es so was überhaupt gibt“[/b] [i]Karim, 26, wurde in Deutschland als Sohn eines syrischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Er lebt, sagt er selbst, „einen deutschen Islam“. Was das ist, beschreibt er hier.[/i]

Mein Name ist Karim Benjamin. Ich wurde am 2. Februar 1984 als Sohn eines syrischen Vaters und einer deutschen Mutter in München geboren. Meine Mutter ist in Berlin geboren, mein Vater kam mit 19 Jahren nach Deutschland und lebt jetzt seit fast 50 Jahren hier. Ich bin ausschließlich mit der deutschen Sprache aufgewachsen, weil mein Vater zu beschäftigt war, um mir Arabisch beizubringen. Trotzdem hatte er einen wichtigen Einfluss auf mich. Schon als Kind hat er mich zu arabischen Veranstaltungen mitgenommen und mir Einblicke in die arabische Kultur gewährt. So habe ich ein Bewusstsein für meine Wurzeln bekommen. Mein Bruder und ich studieren beide an der LMU. Ich studiere Englisch und Geschichte für das Lehramt am Gymnasium, mein Bruder Jura. Wir sind beide fromme Muslime: Wir beten fünf mal täglich, wir fasten im Ramadan, freitags gehen wir in die Moschee. Die Frage der Integration hat sich für mich nie so recht gestellt, da meine Mama Deutsche ist und wir demnach auch in einer größtenteils „einheimischen“ Umwelt aufgewachsen sind. Erst als ich etwas älter wurde und ich schon einer der Dunkelsten in der Klasse war, habe ich gemerkt, dass da ein Unterschied ist zwischen mir und den Kindern mit zwei deutschen Elternteilen, aber das hat mich nie behindert oder isoliert. Ich finde es bis heute unglaublich bereichernd, den Einblick in zwei verschieden Kulturen und Lebensweisen erhalten zu haben. Ich würde mich selbst als ein weltoffener Europäer bezeichnen. Gleichzeitig bin ich ein frommer Muslim, wobei das für mich überhaupt kein Widerspruch ist. Das erste Wort, das vom Koran offenbart wurde war „Iqra“, was in der deutschen Übersetzung „Lies“ bedeutet. Für mich ist das ein Imperativ. Ich versuche meine Umwelt und die Leute um mich herum zu verstehen. In der Welt, in ihrer Verschiedenheit sehe ich die Großartigkeit Gottes. Ich lebe einen deutschen Islam, auch wenn viele im Moment bestreiten, dass es so was überhaupt gibt: Mir gelingt es, die muslimischen Werte, die Religion mit meinem deutschen Leben zu vereinen. Jemand hat mal gesagt: „In der islamischen Welt gibt es viele Muslime aber wenig Islam. In Europa hingegen gibt es wenige Muslime aber viel Islam.“ Ich hab Deutschland immer als meine Heimat gesehen. Erst in den letzten Wochen kam ich mir hier oft fremd vor. Diese ganze Debatte war so sehr auf Spaltung ausgerichtet. Man hat versucht, die größtmöglichen Unterschiede zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zu suchen. Das hat mich befremdet. Wie würdest du dich als Muslim fühlen, wenn du morgens in die U-Bahn kommst und der Herr gegenüber hält dir die neueste Ausgabe der Tageszeitung mit dem Titel „Der Islam gehört NICHT zu Deutschland!“ vor die Nase? Da frage ich mich schon: Wo gehörst Du denn dann eigentlich hin, Karim? Es war verletzend, all diese Vorurteile über den Islam zu hören, jeder einzelne Tag begann mit einer Anti-Islam-Überschrift und endete mit einer kontroversen TV-Diskussion über die Unverträglichkeit des Islam mit der deutschen Demokratie und Lebensweise. Ich dachte mir nur: Ihr intoleranten Dummköpfe! Ich lebe seit 26 Jahren hier, meine nicht-muslimischen Nachbarn und Freunde sehen wie ich bete, faste, keinen Alkohol trinke, kein Schweinefleisch esse und schätzen mich für meine Einzigartigkeit und meinen Charakter, der zu 100 Prozent von meinem Glauben geprägt ist. Es ist aber auch so, dass wir Muslime es verpasst haben, den Menschen in Deutschland die Schönheit und Friedlichkeit unserer Religion zu zeigen. Aber das liegt teilweise daran, dass uns kein Platz eingeräumt wurde, unseren Glauben frei zu leben: Wenn ich am Freitag zum Gebet gehe, muss ich 45 Minuten aus der Stadt nach München-Freimann raus fahren, nur um in einer halbwegs schönen Moschee beten zu können. Andernfalls muss ich mich in einer Hinterhofmoschee in der Nähe vom atemberaubend schönen Bahnhofsviertel verkriechen. Je mehr sich die Muslime verstecken müssen, desto dunkler und unbekannter wird diese Religion doch, oder? Eine offenere Begegnungsstätte in Form einer stadtnahen Moschee wäre wünschenswert. Dabei geht es überhaupt nicht um Symbole der „Macht“ oder der „Islamisierung“. Es geht nur um eins: Um einen Platz zum Beten für uns Münchner Muslime in unserer Stadt. [i]Auf der nächsten Seite erzählt die Deutsch-Türkin Sinem ihre Geschichte der Integration[/i]


[b]"Die Literatur war für mich mein Tor zur Außenwelt"[/b] [i]Sinem, 28, ist Deutsch-Türkin, ihre Eltern sind in den 70er Jahren als Gastarbeiter aus der Türkei gekommen. Sie studiert an der LMU Romanistik und führt das Leben, von dem sie immer geträumt hat. Der Weg dorthin war jedoch beschwerlich.[/i] Ich hab mich nie bewusst „integriert“ oder das aus einem Pflichtgefühl heraus getan. Wobei der Grund dafür wahrscheinlich auch ist, dass ich mich nie wirklich als Türkin gefühlt habe. Ich bin hier geboren worden, Deutschland ist meine Heimat, ich fühle mich als Deutsche. Ich komme aus einer sehr traditionellen Familie, die mit ihrer Kultur verwurzelt ist. Nicht unbedingt im tiefreligiösen Sinne, aber was die Lebensart angeht. Meine Familie ist dem klassischen Klischee einer muslimischen Familie sehr nahe gekommen: Ein Vater, der sagt, was Sache ist, eine Mutter in der Opferrolle, ein Sohn, der viel mehr Freiheiten hat als die Tochter, ein Leben, in dem du dich vielen sinnlosen Regeln ergeben musst. Ich hab früh angefangen, unangenehme Fragen zu stellen: Wieso kann ich nicht raus zum Spielen? Warum kann ich keinen Freund haben? Warum muss ich Lügen in der Schule erfinden? Diese Fragen wurden auch entsprechend bestraft. Ich konnte das nicht verstehen: Warum dürfen die anderen Kinder das alles und ich nicht? Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass mir das den Rest meines Lebens vorenthalten sein würde und ich in „diesem Leben“ für immer verdammt sein würde. Für mich war das Leben, wie es hierzulande gelebt wird, unglaublich schön und verlockend. Ich wollte dabei sein. Die Literatur war für mich bis zu meinem 15. Lebensjahr mein einziges Tor zur Außenwelt, meine Rettung. Ich war zuhause eingesperrt, ich hab diese Geschichten gelesen und mich da hin geträumt, in eine Welt da draußen, die irgendwie anders sein musste und mir gewünscht, irgendwann auch so eine Geschichte leben zu dürfen. Deshalb habe ich mich mit 15 Jahren radikal von meiner Familie und diesem Leben abgewandt. So kann ich heute mein Leben leben, wie ich es mir wünsche, habe einen lieben Freund, studiere an der LMU, kann feiern gehen und identifiziere mich sehr mit Deutschland. Trotzdem ist das Gefühl der Ausgrenzung eines der Grundgefühle, das mich wahrscheinlich mein Leben lang begleiten wird. Während meiner Schulzeit fand ich keinen Anschluss zu den deutschen Mitschülern, weil ich ein komplett anderes Leben als sie hatte. Aber auch zu den türkischen Schülern hatte ich nicht wirklich einen Draht. Auch da hatte ich das Gefühl, dass ich als andersartig empfunden wurde. Und bis heute fühle ich mich oft als Fremde, auch wenn ich vielleicht ein Vorzeigebeispiel funktionierender Integration bin. Wenn ich von Freunden Geschichten aus ihrer Kindheit oder ihrer Jugend höre, Geschichten über die erste große Liebe, den ersten gemeinsamen Urlaub mit Freunden, dann merke ich immer wieder, wie anders das bei mir war, wie viel mir entgangen ist. Das kann man auch nicht nachholen, das fehlt einem dann einfach. Umso mehr tut es mir leid um viele ausländische Jugendliche. Ich verstehe, dass sie nur mit Wut und Hass auf jemanden wie Thilo Sarrazin reagieren. Ich glaube ganz im Gegensatz zu Sarrazin, dass diese jungen Menschen allein durch ihre Lebenserfahrung ziemlich viel auf dem Kasten haben. Aber sie haben kein leichtes Los: Sie leben hier in Deutschland, fühlen sich nicht gerade willkommen, fühlen sich fremd! Außerdem haben sie vielleicht eine Familie, die ganz andere Vorstellungen vom Leben hat als sie selbst. Sie können es keinem Recht machen, sind ständig hin und her gerissen. Jeder muss da seinen eigenen Weg finden, aber das Wichtigste ist, glaube ich, dass du an dich glaubst, an deine Wünsche, an deine Ziele, an deine Talente. Die solltest du dir nie nehmen lassen. Für viele Kinder ist es sehr schwierig, das überhaupt herauszufinden. In den meisten türkischen Familien ist das anders als in vielen Deutschen: Da gibt’s keinen Klavierunterricht oder Gesangsunterricht oder was weiß ich für eine Förderung von klein auf. Man ist froh, wenn die Kinder in die Schule gehen und das Essen abends auf dem Tisch steht. Es gehört einiges an Mut und Selbstvertrauen dazu, seinen eigenen Weg zu gehen und sich davon frei zu machen. Vor ein paar Jahren hätte ich mich in dieser Sache wahrscheinlich noch total überzeugt auf die Seite vieler Politiker gestellt, aber auch nur deshalb, weil ich selbst aufgrund meiner eigenen Lebenserfahrung so Aversionen gegenüber der türkischen Kultur hatte. Heute befinde ich mich, glaube ich, auf einem Weg in Richtung gesunder Mitte und bin auch mit der muslimischen Kultur nachsichtiger. [i]Auf der nächsten Seite erzählt Kaled seine Geschichte der Integration.[/i]
[b]"Ich bezeichne mich gern als Bayuraber, die Mischung aus einem Bayern und einem Araber"[/b] [i]Kaled Ibrahim, 30, ist Sohn einer Deutschen und eines Ägypters. Deutschland ist seine Heimat, auch wenn es Momente in seinem Leben gab, in denen er sich hier fremd gefühlt hat. Kaled versucht jeden Tag, den Islam zu leben.[/i]

Mein Name ist Kaled Ibrahim. Ich bin 30 Jahre alt. Ich arbeite im technischen Support, nebenbei mache ich leidenschaftlich gerne Musik. Meine Mutter ist Deutsche, blond und weiß. Mein Vater kommt aus Ägypten. Mein Glaube ist der Islam. Ich bin deutsch, ich denke deutsch, ich träume deutsch. Ich bin ein Teil von diesem Land. Dazu gehört meiner Meinung nach, dass man die Gesetze befolgt und dass man sich mit den Menschen, die hier leben, auseinandersetzt. Ich lebe meinen Glauben, ich bete jeden Freitag in einer Moschee, fünfmal am Tag schaffe ich es leider nicht. Ich versuche jeden Tag das heilige Buch, den Koran, ein bisschen besser kennen zu lernen und zu verstehen. Es gab auch andere Zeiten in meinem Leben, in denen ich ein bisschen weiter weg war von meinem Glauben. Aber ich hab noch nie Alkohol getrunken, ich hab nie Drogen genommen und auch sonst gibt es mehrere Dinge, die ich aufgrund meines Glaubens noch nie ausprobiert habe. Ich selbst bezeichne mich gern als Bayuraber, die Mischung aus einem Bayern und einem Araber. Ich liebe das Land, auch wenn ich manchmal negative Erfahrungen gemacht habe, auch wenn ich oft blöd angeschaut wurde. Die hiesigen Werte, die Lebensweise haben mich geprägt, sie sind ein Teil meiner Persönlichkeit. Ich wäre nicht der Kaled Ibrahim, der ich heute bin, hätte ich das nicht miterlebt. Ich versuche immer, meine orientalische Ader mit der Deutschen verschmelzen zu lassen. Wenn du hier geboren wurdest und nicht total abgeschottet lebst, passiert das eigentlich ganz von allein. Trotzdem gab es auch in meinem Leben viele Momente, in denen ich mich hier als Fremder gefühlt habe. Als Halb-Ägypter musste ich in meiner Jugend sehr viele negative Erfahrungen machen. Ich will nicht sagen Ausländerhass, dass ist so ein harter Begriff, aber ich wurde schon diskriminiert. Es hat angefangen am Spielplatz: „Woher kommst du?“, wurde ich gefragt. „Aus Deutschland“, hab ich entgegnet. „Aber du hast ja Locken und bist dunkel!“ Zum Schluss kam dann oft einfach: „Was willst du hier?! Geh zurück in dein Land!“ Wenn ein Türke einen Deutschen dumm von der Seite anredet, dann sind für denjenigen oft auf einen Schlag ALLE Türken und überhaupt alle Ausländer in der ganzen Nachbarschaft scheiße. Das hab ich selbst oft so miterlebt. Auch bei kleineren Dingen werde ich als Fremder behandelt: Ich hab einen sehr langen, sehr ausländischen Namen. Beim KVR oder bei einer Polizeikontrolle wird man dann erstmal von oben bis unten gemustert als wäre man der Ultra-Exot. Und auch wenn du einen deutschen Pass hast - du wirst nicht als Deutscher behandelt. Ich find´s traurig, wenn 40 Prozent aller Deutschen mal so pauschal sagen: Ich möchte nicht neben einer türkischen Familie leben. Es gibt bestimmt auch bestimmte deutsche Familien, neben denen eine türkische Familie nicht so gerne lebt! Aber was soll so was? Es werden ständig so Pauschalurteile gefällt: Alle Muslime sind Türken! Muslime sind der Islam! Dann sind das ja Islamisten! Und die krönende Schlussfolgerung: Oh Gott, dann sind das ja alles Attentäter in unserem Land! Du bist als Moslem hier mit Vorurteilen und Klischees konfrontiert, die dir dein Leben nicht gerade einfacher machen. Hier geht´s ja zur Zeit auch nicht mehr um Ausländer an sich. Hier geht’s ganz im Speziellen um Muslime. Manchmal hab ich das Gefühl, dass eine Riesenmaschinerie dahinter steckt und versucht, Hass gegenüber dem Islam, gegenüber einem Glauben hier in Deutschland zu verbreiten. Mich überkommt dann die Angst, dass wir in Zustände vergangener Zeit geraten, dass Muslime hier irgendwann mit einem gelben Halbmond herumlaufen müssen, so wie die Juden das vor 50 Jahren mit einem gelben Davidstern machen mussten. Der Islam ist eigentlich eine friedliche Religion, aber um das zu verstehen, muss man natürlich bereit sein, sich den Menschen zu nähern, die eine ehrliche Liebe gegenüber ihrem Glauben haben und die einen Glauben leben, der aus dem Herzen.

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