Meine Mutter im Forum: Wie es sich anfühlt, die eigenen Eltern im Internet zu entdecken

Wenn ich mir eine Metapher für mein ganz persönliches Internet ausdenken müsste, dann würde ich das 2qm große Loch mit Holzklappe wählen, das ich als Kind im Garten meiner Eltern gegraben habe.
matthias-eberl

Wenn ich mir eine Metapher für mein ganz persönliches Internet ausdenken müsste, dann würde ich das 2qm große Loch mit Holzklappe wählen, das ich als Kind im Garten meiner Eltern gegraben habe. Vom Konzept her war das nicht viel anders als ein Baumhaus, ein Schuppen - oder das Internet. Es war ein Ort, an den man sich zurückziehen konnte. Man zwängte sich mit seinen Freunden hinein und saß eng beieinander, vergaß die Außenwelt, spielte Höhlenforscher, hatte viel Spaß und erforschte mit dem Finger die Untiefen des Erdreichs. Manchmal stieß man auf eklige Sachen wie Schneckeneier oder Asseln, manchmal auf schöne Dinge wie Tonscherben oder Nachtfalter. Obwohl ich längst erwachsen bin, ist das Internet ein riesiges Erdloch geblieben, in dem ich mich jeden Abend versenke, Schönes und Ekliges finde, das ich erkunde und in dem ich verschiedene Identitäten ausprobiere. Meine Freunde sind auch da, im Chat wird es auch manchmal eng und was draußen passiert bekomme ich nicht mit, wenn ich auf den Hügeln von El Alamein im Betonbunker sitze und horche, ob mein Kumpel Zeph mit dem Flugzeug kommt.

Ich weiß noch, dass ich mir als Kind vorgestellt habe, dass sich meine Eltern auch mal in das kleine Loch hineinzwängen. Diese Vorstellung, dass meine Mutter in diesem Erdloch sitzt, das viel zu klein ist, und oben rausschaut, bereitete mir endlosen Spaß. Das war meine Welt und es war grotesk und absurd, dass meine Mutter hier dazugehören konnte. Die Welt meiner Mutter war ihr kleines Büro, in dem sie jeden Tag sinnvolle bzw. langweilige Schreibarbeiten erledigte, die ich nicht verstand. Diese Welt passte nicht in mein Erdloch. Man kann sich mithilfe dieser Metapher das Gefühl vorstellen, das mich befiel, als ich vor einigen Wochen entdeckte, dass meine Mutter im Internet sozial aktiv ist. Über eine Suchmaschinenanfrage war ich auf ein Forum gestoßen und über den Inhalt der Beiträge war ziemlich schnell klar, dass hinter einem der Nicknames meine Mutter steckte. Dass sie von ihrem kleinen Büro manchmal ins Internet geht um ihre sinnvolle aber langweilige Büroarbeit zu erledigen, war mir klar. Sie hatte mir auch erzählt, dass sie sich in einem Forum für Kleintierhaltung aufhält. Klar, dachte ich mir, da stellt sie sinnvolle aber langweilige Fragen zu ihren Haustieren. Aber so war das gar nicht. Mit Entsetzen starrte ich nun auf den kleinen freundlichen Schneemann, der sich unter manchen ihrer Beiträge befand und auf umarmende Smileys. Meine Mutter beherrschte nicht nur die Forensprache ("uuups", "mitschnief") sondern hatte auch schon einen Flame-War geschlichtet. Ich las ein wenig in dem netten Geplauder meiner Mutter mit "flöckchen", "plauzi" und "erich", wie sie sich liebe Grüße sendeten, gemeinsame Usertreffen ausmachten und klickte dann den Beitrag sofort weg. Ich war entsetzt. Meine Mutter war aus ihrem Büro in mein kleines Erdloch gezogen, saß dort mit erich, plauzi und flöckchen, Smileys umarmten sich und kleine Schneemänner lachten. Eine ganz fundamentale Ordnung war durcheinandergeraten. Ich hab beschlossen, den Vorfall vorerst zu verdrängen. Vielleicht kann man sich aus dem Weg gehen. Aber die Schaufel liegt bereit! Ein Garten mit Erdloch wird immer größer sein als das Internet! Mehr zum Thema Eltern und Internet auf jetzt.de - Die 33 lustigsten Fragen, die Mama und Papa über das WWW stellen. - Jutta Croll von der Stiftung Digitale Chancen erklärt im Interview, wie man seinen Eltern die Technik des Internets am besten erklärt.

Text: matthias-eberl - Illustration: katharina-bitzl

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