1. Der Familienvater vs. Videorekorder

Der Videorekorder trat an, um den Menschen zu befreien. Sein Lohn dafür war bitter. Als die Firma Loewe in den 60er Jahren das Modell "Optacord 500" auf der Berliner Funkausstellung vorstellte, schien es möglich, dass uns die Technik aus dem Wohnzimmer-Kerker befreien würde, den wir uns selbst gebaut hatten. Versprachen die Slogans von Video 2000 und VHS doch nichts weiter, als dass man von nun alles immer und überall würde sehen können. Dass man das Raum-Zeit-Kontinuum doch nicht so leicht besiegen kann, mussten wir erst lernen. Zur Programmierung des Videorekorders musste man seltsame Zauberwörter kennen, Kräutertränke mixen, die japanische Sprache sprechen und immer ein paar Rabenaugen zur Hand haben. Die meisten Menschen haben den Kampf gegen den Videorekorder verloren, benutzten ihn nur, wenn sie daneben sitzen und Knöpfe drücken können. Eine Tragödie. Der Videorekorder hat viel kaputt gemacht. Denn was war von einem Vater zu halten, der uns nach einem Urlaub einen Fernsehabend mit unserer Lieblings-TV-Maus versprochen hatte, und dann zwischen drei Fernbedienungen, Bedienungsanleitungen und Kabelsalat erst die Fassung und dann das Gesicht verlor. In der nächsten Runde: Proletarierer vs. Webstühle


2. Proletarierer vs. mechanischer Webstuhl

Glaubt man Vulgärmarxisten, begann im 19. Jahrhundert der Endkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie – und zwar zuerst mit einem Stellvertreterkampf Mensch gegen Maschine: In Schlesien stürmten erboste Weber Fabriken, in denen die ersten mechanischen Webstühle aufgestellt waren, um sie zu zerstören. Die Weber vermuteten, die Maschinen würden ihnen die Arbeit rauben und damit die Existenz zerstören. Diese Angst tauchte seitdem bei jedem neuen Schritt der Industrialisierung wieder auf: Egal, ob es um Laufband-Produktion, automatisierte Fertigung oder Computer geht – die Furcht, als Mensch von Maschinen wegrationalisiert zu werden, zählt inzwischen zu den Urängsten. Glaubt man Wirtschaftswissenschaftlern, ist das nicht wahr, weil mehr neue Jobs entstehen als alte vernichtet werden. In der nächsten Runde: David Bowman vs. Hal 9000


3. David Bowman vs. Hal 9000

Im Jahre 2001, so zeigt es eine der ersten Szenen in Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey”, hat der Mensch gegen den Computer beim Schach schon lange keine Chance mehr. Der HAL 9000 schlägt den Astronauten David Bowman vernichtend. Der HAL 9000 (Heuristically Programmed Algorithmic Computer) ist ein elektronisches Bewusstsein, welches das Raumschiff „Discovery“ auf dem Weg zum Jupiter steuert – er überwacht die lebenserhaltenden Systeme, den Autopiloten – und die Besatzung. Als ihn die Astronauten abschalten wollen, ist er in der Lage ihre Lippen zu lesen und bekämpft seine Schöpfer. Survival of the Fittest im Weltall. Bowman kann HAL erst nach hartem Kampf abschalten, in dem er ihm die Speicher-Chips einzeln rauszieht. Und mit jedem Chip, den er verliert, wird der Super-PC dümmer und debiler. Am Ende summt er ein Kinderlied. Hal 9000 ist ein wunderbares Symbol für die Technik-Skepsis der 60er Jahre. Auf der Reise in die Unendlichkeit des Weltraums sind Menschen mehr denn je auf Computer angewiesen, sind nicht mehr Herrscher, oder zumindest gleichberechtigter Partner, sondern Parasit. Heute hat man weniger Sorgen als noch in den 60ern und baut fleißig so genannte „Ambient Intelligence“ und „Pervasive Computing“-Netzwerken, die das Internet zu einer Art zweiten Atmosphäre machen werden. Wer kriegt da keine Atemnot und Panikattacken, wenn der Handy- und WLAN-Empfang fehlt. In der nächsten Runde: Mensch vs. Atomkraftwerk


4. Mensch vs. Atomkraftwerk

Das Atomkraftwerk, kurz AKW, ist die Übermaschine aller Maschinen: so stark, so durchdacht, so sicher, so ausgeklügelt - hier handelt es sich um das wundersamste Wunderwerk der Technik, was vor allem auch mit der Gefahr zu tun hat, mit der diese Maschine hantiert, um den Strom zu produzieren, den alle übrigen Maschinen brauchen. Folgerichtig hat auch der Kampf Mensch gegen Atomkraftwerk etwas unerbittlich Apokalyptisches: Es geht hier um das große Ganze, und wenn man den Gegner und Befürwortern von AKWs zuhört, hat man den Eindruck, es gebe nur zwei Varianten in dieser Spielart des Kampfes zwischen Mensch und Maschine - vollkommene Zerstörung plus Weltuntergang oder Rettung des Menschen aus der selbstverschuldeten Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen plus Vermeidung des Klimakatastrophen-Weltuntergangs. In der nächsten Runde: US-Bürger vs. Wahlmaschinen


5. US-Bürger vs. Wahlmaschinen

Die wilden Roboterhorden sind eigentlich ein unrealistisches Szenario. Gefährlicher sind die Maschinen, wenn sie von anderen Menschen verwendet werden, um bestimmte Zwecke zu erreichen. So funktionieren Waffen. Und so werden Maschinen zum Feind der Freiheit und der Demokratie. Bei den letzten US-Wahlen kam es in Bezirken, in denen die Wahlmaschinen der Firma Diebold eingesetzt werden, immer wieder zu Unstimmigkeiten, Verzögerungen und Manipulationen. Nicht nur, dass der Diebold-Vorstandsvorsitzende einmal öffentlich meinte, er werde Präsident George W. Bush „den Staat Ohio auf dem Tablett servieren“. Tatsächlich stellten Forscher der University of California fest, dass der Stimmanteil der Republikaner signifikant ansteigt, wenn statt der analogen Stimmauszählung plötzlich die Diebold-Teufelsmaschinen eingesetzt werden. Bei der Kongress-Wahl 2006 hielten sich die Manipulationen aber wohl in Grenzen, weil die Opposition ein Heer aus Anwälten und Journalisten aufgeboten hatte, welche den Maschinen und ihren Programmroutinen auf die Finger schauten. Wir lernen daraus: Maschinen kennen keine Moral. Weshalb es einige Dinge gibt, die wir lieber selber machen sollten. In der nächsten Runde: Mensch vs. Windows


6. Mensch vs. Windows

Was Stanley Kubrick in „2001“ noch in einer fernen Zukunft ansiedelte, sollte schon wenige Jahre später in der Tat Wirklichkeit werden: Der Mensch, umgeben von einem System, das nur zu seinem Besten eingerichtet und unterhalten wurde, wird zum Opfer, das System wendet sich zum absoluten Feind – nur dass das System jetzt „Windows“ hieß. Zuerst wünschten sich hunderte von Computerspezialisten der ersten Generation, damals noch zwingend „Computerfreaks“ genannt, in die Zeit der Computersprache Basic zurück, weil Windows alles war, nur nicht einfach. Die Klage setzte sich fort, und heute verwünschen noch immer jede Minute unzählige User ihr Windows, weil es per sadistischer Fehlermeldung darauf hinweist, es sei ein schwerer, aber dann doch nur „Ausnahmefehler“ aufgetreten. In der nächsten Runde: Sarah Connor vs. den Terminator


7. Sarah Connor vs. den Terminator

Er ist ein Cyborg, die fleischgewordene Maschine beziehungsweise der metallgewordene Mensch – der T-800 No.101, kurz: Terminator. Gesandt aus einer Welt, in der die Maschinen die Macht übernommen haben, sieht er als Maschine menschlich aus, wenn auch aus Tarnungsgründen. Erst soll er Sarah Connor und damit die Menschheit vernichten, dann wird er aber eine gute Maschine. Mit dieser Doppelrolle ist der Terminator Alptraum wie nasser Traum der Mensch-Maschine-Fraktion – eine Position, die ihn immerhin in Abwandlung auf „Iron Maiden“-Cover brachte. In der nächsten Runde: E-Musiker vs. den Verstärker


8. E-Musiker vs. den Verstärker

Der Verstärker steht zusammen mit der Band auf der Bühne, aber die Musiker behandeln ihn wie einen Feind. Warum wohl schwingen so viele Rockmusiker am Ende der Show die Gitarre wie eine Streitaxt und schlagen die teuren Marshall Amps zu Trümmern? In der Aggression gegen die eigenen Instrumente, gegen das eigene Tun, lebt auch heute noch der Widerstand gegen die Elektrifizierung der Musik fort. Jeder Amplifyer-Amoklauf verweist auf die Wut, die Bob Dylan am 27. Juni 1965 bei einem Folkfestival in Newport entgegen schlug, als er sich erstmals von der Paul Butterfield Blues Band elektrisch begleiten ließ. Woddy Guthrie konnte der Legende nach nur mit Mühe daran gehindert werden, das Stromkabel zu kappen. Verstärker und E-Gitarre waren die Waffen einer Avantgarde, welche die tradierten Tonleitern und Hierarchien angreifen wollte. Wie sagt doch der gute Mr. Fender: „Lasst uns drei Tonabnehmer reinbauen. Zwei sind gut, aber drei werden sie umbringen.“ In der nächsten Runde: Garri Kasparow gegen „Deep Blue“


9. Garri Kasparow vs. „Deep Blue“

Das Waterloo des Kriegs Mensch gegen Maschine. 1996 tritt der damals amtierende Schach-Weltmeister Garri Kasparow in einem simulierten Turnier gegen den Schachcomputer „Deep Blue“ an und schafft es, die Maschine zu besiegen (mit drei Siegen, zwei Remis und einer Niederlage). Daraufhin rüstet „Deep Blue“-Hersteller IBM seine Maschine auf und schickte ihn 1997 erneut gegen Kasparow in dem Kampf. Die Maschine gewann mit 3,5 zu 2,5 Partien. Melancholiker halten diese Niederlage für den Anfang vom Ende im langsamen Abstieg der Menschen. In der nächsten Runde: Ich vs. der Wecker


10. Ich vs. der Wecker

Ich bin gegen häusliche Gewalt, aber bei dir mache ich eine Ausnahme. Ich meine es nicht böse. Ich weiß, dass ich dir unrecht tue. Aber wenn die Wut in mir wächst ... Du bist auch nur eine kleine Maschine, die eine Aufgabe erfüllt, für die sie geschaffen wurde. Das ist doch auch kein Leben. Schon klar. Und dafür wirst du auch noch gehasst. Ist schon ungerecht diese Welt, aber was willst du machen. Du willst mir helfen, mein Freund sein, Gehilfe oder Knappe, der mich bereit macht für den Ritt in den neuen Tag. Für mich bist aber bist du der Feind, Folterknecht, Blockwart, oder eben Repräsentant des bösartigen Systems, das mich jeden Morgen aus dem Bett zwingt, um mich besser ausbeuten zu können. Du hast ja recht, das System haben wir uns ausgedacht, nicht du, aber jetzt halt endlich mal die Klappe. Und lass mich schlafen. +++ Autoren: Tobias Moorstedt und Roland Schulz Fotos: dpa, ap, reuters, afp, jetzt.de