Menschen-Biografie: Meine Freunde

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Jens(?): Der Grundschulschwarm In einer Lebensphase, in der man vor allem damit beschäftigt ist, Wie-Wörter von Tun-Wörtern zu unterscheiden, sind Gleichaltrige anderen Geschlechtes ja in erster Linie eines: DOOF! Und doch, auch in der 2. Klasse keimt beim Angesicht von manchem Jungen so etwas wie Vorfaszination auf. Wie er hieß, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, er war blond und trug Turnschuhe von Nike. Jedes Mal, wenn wir uns im Sportunterricht im zu zweit aufreihen mussten, stellte ich mich zufällig in seine Nähe, in der Hoffnung, dass wir zufällig zueinander finden würden. Angenommen, er hätte meine Zuneigung erwidert, hätte ich trotzdem nicht gewusst, was ich mit ihm anfangen sollte. Schließlich war Knutschen für mich wie für alle Kinder eine eklige und peinliche Angelegenheit.


Paul: Das Debüt Sieben Jahre später, neunte Klasse. Meine Klasse war ein einziger inzestuöser Lotterhaufen. Und wer hatte immer noch nicht geknutscht? Ich. Es entging mir natürlich nicht, dass scheinbar jeder andere alle zwei Wochen seine Liebschaften auswechselte. Allerdings tröstete ich mich damit, dass Beziehungen, die das Ergebnis einer Runde Flaschendrehen waren, gefühlsmäßig eher auf wackligem Fundament stehen mussten. Dann kam Paul. Paul hatte schöne braune Augen, ein großes Zimmer und konnte gut zeichnen. Er war eine gute Partie, aber kein Traumtyp. Egal, dachte ich, jetzt oder nie! Drei Monate später war mein Stigma als Unberührte aus der Welt geschafft. Paul hatte damit seine Aufgabe erfüllt. Wir trennten uns im gegenseitigen Einvernehmen.


Vincent: Die erste große Liebe Mit 16 lernte ich Vincent kennen. Er stand alleine neben der Bar, sah gut aus und kam gerade vom Zigarettenautomaten. „Hasse noch ne Kippe?“ „Wart mal, äh, ja.“ … … „Kennst du Aphex Twin?“ … „Ach der mit dem verrückten Video, da wo er Brüste hat, nee, klar…“ … „Ganz schön laut hier, hmm?“ „…Was hast du noch mal gesagt?“ Ich kam gerade in die 12. Klasse, Vincent machte seinen Zivi. Er war der einzige Junge, den ich kannte, der noch nie in seinem Leben eine frische Tomate gegessen hatte. Und er war der einzige Junge, den ich kannte, der Briefe schreiben konnte, die nicht kitschig, nicht hölzern, nicht peinlich und nicht verklemmt waren. Sondern ehrlich und ja, schön. Durch ihn weiß ich, warum "Thin White Duke" David Bowies glorreichste Phase war, durch mich weiß er leider, wie gegrillte Heuschrecken schmecken. Wir waren fast auf den Tag genau drei Jahre zusammen. Bis uns beide die Ahnung beschlich, dass der andere nicht der letzte Mensch auf Erden gewesen sein kann, mit dem wir ein Bett teilen wollten.


Patrick: Der Platzhalter Mit dem Ende der ersten richtigen Beziehung hört sich das Wort "Liebe" nur noch nach Verarschung an. In so einer Phase kommt der Platzhalter ins Spiel. Der Platzhalter ist Balsam für die geschundene Seele: Er hält warm, er stellt keine Ansprüche und kommt immer vorbei, wenn man ihn anruft. Und wenn wieder jemand auftaucht, dem man sein Herz hinterher schmeißen will, kann man ihn bequem wie ein Zeitungsabo abbestellen . Von Ausnutzen kann hier kaum die Rede sein: Basieren die Bedürfnisse auf Gegenseitigkeit, profitieren ja beide davon. So war es bei mir und Patrick, einem guten Freund von mir. Als es in unser beider Liebesleben kriselte, heulten wir uns beieinander aus. Irgendwann hatten wir keine Lust mehr zu heulen und gingen zum Programmpunkt Knutschen über. Ineinander verliebt haben wir uns trotzdem nicht. Immerhin hatten wir schon gemeinsam Dinge erlebt, die zwar zusammenschweißen, aber nicht zwingend romantischer Natur sind: Synchron aus dem Taxifenster kotzen zum Beispiel. Das Gute: Wären wir heute beide Single, könnte ich ihn ohne Probleme wieder anknutschen. Das Schlechte: -


Leon: Das undefinierte Verhältnis Bald trat Leon anstelle des Platzhalters. Typisch für ein undefiniertes Verhältnis ist sein vielversprechender Anfang. Leon traf ich bei Sonnenaufgang auf dem Melt!-Festival. Es war Hochsommer, die folgenden Wochen verbrachten wir ausschließlich ineinandergekeilt auf der Wiese hinter der Mensa. Alle Zeichen deuteten daraufhin: Das kann nur was echtes sein! Bis nach ein paar Wochen dieses Gespräch statt fand: „Also ehrlich gesagt will ich gerade keine Beziehung.“ „Ich ja eigentlich auch nicht.“ „Ich wollt das nur mal gesagt haben, nicht dass du denkst…“ „Nee, hab ich auch nicht… aber gut, dass du es sagst.“ „Ist doch ganz schön so wie es ist…“ „Bin mir ja auch nicht sicher, ob ich das im Moment kann und will.“ „Außerdem gibt es da noch eine ungeklärte Sache mit einem anderen Mädchen…“ „… Oh. Achso.“ „Ich weiß auch grad nicht… Lass uns mal schaun. Bisher läuft doch alles super.“ „Hmm.“ Als ich aus dem Urlaub wiederkam, erfuhr ich von seinen Mitbewohnern, dass er einige Tage nach Berlin gefahren war. Da war noch die ungeklärte Sache mit dem anderen Mädchen…

Text: xifan-yang - Illustration: Christian Fuchsberger

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