Minus statt Plus

Seit Freitag waren 15 000 hessische Abiturienten im Ungewissen, jetzt hat das Kultusministerium doch eingelenkt: Die fehlerhafte Mathe-Prüfung darf wiederholt werden. jetzt.de erklärt die Hintergründe
andreas-glas

Drei Tage lang herrschte Ungewissheit und Schweigen. Nun hat das hessische Kultusministerium doch eingelenkt. 15 000 Abiturienten bekommen eine zweite Chance und dürfen die schriftliche Prüfung in Mathematik wiederholen. Ministerin Dorothea Henzler (FDP) räumt damit ein, dass die Matheaufgaben aus den Abiturprüfungen vom vergangenen Freitag fehlerhaft und unlösbar waren. Eine geplante Großdemonstration der Abiturienten konnte somit abgewendet werden.

Irgendwas stimmt hier nicht! Eine Schülerin brütet gestresst über einer schriftlichen Prüfungsaufgabe. Nach dieser Entscheidung dürfte auch das Handy von Katharina Horn, der hessischen Landesschülersprecherin, wieder stiller stehen. „In den letzten Tagen haben mich weinende Schüler angerufen, die total verzweifelt waren. Viele hatten Angst, dass sie durchgefallen sind“, erzählt die 20-Jährige. Die Ursache der kollektiven Besorgnis war ebenso unscheinbar wie folgenschwer: Ein Minuszeichen stand dort wo ein Pluszeichen hätte stehen sollen, ein x dort wo ein t stehen sollte. „Einige der Schülerinnen und Schüler haben sich in den fehlerhaften Aufgaben so stark verrannt, dass sie auch mit den nachfolgenden Rechnungen nicht mehr klar gekommen und in Panik geraten sind“, sagt Katharina Horn. Selbst Schülerinnen und Schüler, die in Mathe für gewöhnlich gute Leistungen erzielen, hätten sich für eine freiwillige Wiederholung der Prüfung eingesetzt. Während sich zahlreiche Schüler und Eltern ratsuchend an die Landesschülersprecherin wandten, wartete Katharina vergeblich auf einen Rückruf des Kultusministeriums: „Ich habe unzählige Male versucht, dort anzurufen, aber es ging das ganze Wochenende über niemand ans Telefon. Es ist eine Zumutung für die Schüler, die im Ungewissen gelassen wurden, obwohl am Montag schon die nächste Prüfung anstand." Schade finde es Katharina daher, dass die hessische Kultusministerin so spät Verantwortung übernommen habe. Schließlich sei auf diese Weise die Vorbereitung auf weitere Abiturprüfungen gestört worden. Katharina Horn war selbst nicht von der Abi-Panne betroffen. Zwar schreibt auch sie derzeit Abitur, doch besucht sie eine Fachoberschule. Während Katharinas Mathelehrerin die Aufgaben dort selbst festlegt, werden die Abiturprüfungen für die Gymnasien zentral vom Kultusministerium ausgearbeitet. Mögliche Fehler können die Lehrer der jeweiligen Gymnasien meist nicht rechtzeitig entdecken, weil sie die Aufgaben erst unmittelbar vor Prüfungsbeginn einsehen dürfen. Gäbe es das Zentralabitur nicht, wäre auch diese Panne nicht passiert, glaubt Katharina Horn und fordert daher dessen Abschaffung. „Durch das Prinzip des Zentralabiturs wird man ohnehin nur darauf getrimmt, die Abiturprüfung zu schaffen. Wir wollen aber für unser Leben lernen und den Stoff nicht nur reinfressen und wieder auskotzen. Wir haben dieses Bulimie-Lernen satt“, sagt sie. Die Abschaffung des Zentralabiturs scheint in Hessen allerdings nicht geplant zu sein. Stattdessen möchte Kultusministerin Henzler mögliche Fehler in Zukunft durch strengere Kontrollen ausschließen. Katharina Horn, die Landesschülersprecherin, will weiterhin gegen das Zentralabitur kämpfen. Unterdessen müssen sich viele der 15 000 hessischen Abiturienten ein zweites Mal auf das Mathe-Abitur vorbereiten. Termin für die freiwillige Wiederholung ist der 30. April. Die bessere Note der beiden Prüfungen soll dann als endgültige Abiturnote gewertet werden. Foto: dpa

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