Mit dem Bus durch Polen - Teil 2

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Die Comiczeichner werden morgens von TV-Reportern interviewt. Dann folgt eine dramatische Abschiedsszene, bei der sich ein weiteres Mal offenbart, warum man dringend nach Polen fahren muss - wenn man eine Frau ist. Ich lasse mir zumindest gerne erzählen, dass ich aussehe wie Romy Schneider, auch wenn sich dann der Herr stellvertretender Projektleiter vor Lachen nicht mehr halten kann. Hannes, Anna, Beata, der Fahrer Wolfgang und ich setzen uns dann endlich in Bewegung Richtung Osten.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Reisen mit dem Bus. Tanklastzüge überholen uns zügig. Lieder, die man schon seit zehn Jahren auswendig kennt, bekommen plötzlich einen ganz neuen Charakter, wenn sie vom Dröhnen eines 40-jährigen Dieselmotors begleitet werden. Unsere Reise führt uns tiefer und tiefer in das Kernland Polens. Zumindest sehe ich häufiger Dinge, die ich für polnisch halte. Blumengeschmückte Kruzifixe am Straßenrand, ein Pferdespannwerk, deutlich ramponierte Häuser. Nach etwa drei Stunden Fahrt taucht das erste Hinweisschild für "Radio Maryja" auf, das angeblich sogar den polnischen Bischöfen zu reaktionär ist. Ansonsten fällt die enorme Dichte von "Meble"-Geschäften auf. Anscheinend dekorieren die Polen öfter mal um - "Meble" sind Möbel. Mit Seitenblicken auf die polnische Phonetik stellt man schnell fest, dass man sich ab und an doch mal ein Wort erschließen kann. Dazu gehört "reservacja" (c wird als scharfes s gesprochen) oder auch das sehr sympathische "knajpy". Ein Y entspricht einem offenen E. Andere Wörter sind auch deswegen sympathisch, weil sie so merkwürdig wirken. "Sklep" für Geschäft finde ich immer toll.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

In Lodz werden wir mit einer weiteren Besonderheit des Reisens im Bus konfrontiert. Manche Straßen bleiben unpassierbar, weil der Bus nicht unter die eine oder andere Brücke passt. Eine Besonderheit von Lodz ist es, auf Straßenschilder zu verzichten, weswegen die Planung der Ausweichroute sich schwierig gestaltet. Ein Einheimischer gibt uns freundlicherweise einen Tipp, wie wir das Problem umfahren können. "Wirklich hier lang?!", höre ich Wolfgang mehrmals fragen. Als der Asphalt im Nichts endet, bin auch ich besorgt. Das Hotel, das wir glücklicherweise dann doch erreichen, liegt an einer geteerten Straße mitten in der Stadt. Allerdings würde die Fassade mehr zu einem Trampelpfad passen. Lodz hat eine völlig andere Atmosphäre als Poznan. Beata, unsere polnische Begleitung, sagt, sie habe Lodz als riesigen Slum empfunden. Als wir mit dem Taxi die Orte abklappern, die der Bus morgen ansteuern soll, gebe ich ihr Recht. Es ist überall dunkel, die Häuser sind schmutzig und verfallen - egal, ob es sich um sozialistische Plattenbauten oder Gründerzeithäuser handelt. Bei meinem letzten Besuch hatte ich den Eindruck, dass es mich in den falschen Teil der Stadt verschlagen hätte. Aber auch diesmal brechen zwei Besoffene vor dem Taxi zusammen, als wir an der Ampel stehen, und es sieht so aus, als würden sie das öfter machen. Und als wären sie damit nicht allein. Fertige Menschen sehen wir einige im Manchester des Ostens, und wir wissen ja, was für Typen aus Manchester kommen: Oasis. Lodz hat vor langer Zeit von der Industrialisierung profitiert. Und unter deren Ende sehr gelitten. Allerdings soll es hier eine rege Kulturszene geben, und die Filmhochschule von Lodz ist berühmt. Wir sehen nur eine Straße, die aufgeräumt ist: die ulica Piotrkowska. Sie sei das Herz der Stadt, erzählt Beata. Hannes, Beata und ich essen dort in einem Kebabhaus zu Abend. Als sie das Bier mit Strohhalm servieren, wird uns klar: Wir sind nicht die Zielgruppe und gehen schlafen.

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