Mit der Retrokamera bei den US-Marines

Hipstamatic ist überall, auch mitten im Afghanistan-Krieg. Über ein sehenswertes Flickr-Fundstück.
max-scharnigg


Es hat etwas seltsam Nahes, wenn Symbole aus unserer Alltagswelt in ganz anderem Kontext auftauchen. Das Coca-Cola-Schild an einer Hütte in Mosambik, das Facebook-Grafitti am Tahrir-Platz in Kairo und jetzt Hipstamatic im Afghanistan-Krieg.

Dieses erstaunliche Fotoalbum auf flickr hat ein Nutzer namens basetrack angelegt, der, soviel ist aus den Beschreibungen zu erfahren, Mitglied eines US-Marines-Battalions in Afghanistan war. Er hat mit der iPhone-App seinen Alltag im Camp und auf den Straßen fotografiert und das Leben der US-Soldaten in jener Ästhetik dokumentiert, die uns seit zwei Sommern so vertraut ist - als die Ästhetik von Grillfesten und Städtetrips, von Konzertfotos und Profilbildern.

Hipstamatic ist ein Spaßtool, immer nur in guten Momenten verwendet, niemals würden wir damit doch den Blechschaden am Auto oder die Beerdigung einer Großtante fotografieren. Weil es dafür irgendwie nicht seriös genug ist, mit seinem Retro-Gefummel, weil es Spiel ist. Nun hat das Spielzeug aber auch die Bilder von Waffen, Soldaten, Einsätzen aufgenommen und diese Bildsprache stellt beim Durchblättern des flickr-Albums eine Nähe her, die wir für den Afghanistan-Konflikt eigentlich längst nicht mehr aufzubringen bereit waren. Eine Nähe nicht unbedingt zum Konflikt, aber zu den Menschen, die (deswegen) dort sind, zu dem Hipstamatic-Benutzer basetrack, der genau wie wir an den besonderen Momenten seines Tages auf dem Telefon rumtippte und mit dem ungenauen Sucher hantierte.



Neben dieser seltsamen Vertrautheit mit der Produktion ist gerade das Simple dieser Bilder so ansprechend. Die Tatsache fasziniert; dass hier nicht ein Kriegsfotograf eine aufwändige Bilderserie für ein Wochenmagazin vorgelegt hat, sondern dass ein zwei Dollar teures Filterprogramm in einer Smartphone-Kamera zusammen mit einer Onlineplattform mindestens genauso viel Atmosphäre und fotografische Dringlichkeit transportieren können.

Letztlich ist es auch der schöne, traurige Beweis dafür, wie normal das alles ist: Der fast vergessene Krieg reiht sich in meine flickr-Empfehlungen des heutigen Tages nahtlos ein, zwischen Neues von der Design-Bloggerin aus Stockholm und den Fotos, die Freunde vom Fusion-Festival am vergangenen Wochenende gemacht haben. Alles Hipstamatic, alles Flickr, alles Gefällt-mir!-Button. Oder diesmal doch lieber nicht?

  • teilen
  • schließen