Mixtape reloaded

Seit dem das Tapedeck sich aus den meisten Anlagen verabschiedet hat, haben Mixtapes als Liebesbeweis ausgedient. Und was ist jetzt? Wir werfen einen Blick auf die Mixtapes von heute und testen ihren Romantik-Faktor
marie-piltz

[b]Der Klassiker: Die Kassette[/b] Um Freund oder Freundin musikalisch zu beeindrucken, musste früher viel Zeit, Kreativität und guter Wille investiert werden. Geld war eher nebensächlich, denn Leerkassetten gab’s an jeder Supermarktkasse für ein paar Mark. Entscheidend war, dass das Mixtape für den Beschenkten eine klare Nachricht transportierte: Hier liebt dich jemand so sehr, dass er eine chronische Fingergelenkversteifung vom stundenlangen und synchronen Play/Record-Stop/Pause-Rückspulen-Vorspulen- Tasten-Drücken riskiert, nur um dir eine Freude zu machen. Tränen der Rührung waren einem schon deshalb so gut wie sicher. Wer einmal Nick Hornbys „High Fidelity“ gelesen hat, weiß aber, dass das Mixtape-Bespielen über das stumpfe Tastenbedienen weit hinaus geht. Es ist eine Kunst, die manchmal ganze Tage und Nächte kostet: Welche Stimmung soll die Kassette transportieren? Mit welchem Lied ein-, mit welchem aussteigen? Kann ich dieses knarzige Elektro-Gefrickel wirklich direkt hinter ein Oldschool-Brett von Kurtis Blow setzen? Fragen, die gnadenlos über Erfolg und Misserfolg entscheiden können.Und als sei das alles nicht genug sind auch noch ein Händchen für die richtige Covergestaltung und Rechenkünste gefragt: Wie viele Songs kann ich auf die A-Seite spielen, ohne dass mir am Ende ein „Klick“ den geilsten Chorus zersäbelt? Irgendwann zu Beginn des neuen Jahrtausends mehrten sich dann leider die verständnislosen bis peinlich berührten Blicke der Beschenkten: „Is ja voll lieb von dir, aber ich hab doch gar kein Tapedeck mehr.“ Seitdem fristet das gute alte Mixtape ein Nischendasein unter Vinylsammlern und anderen nostalgischen Musik-Nerds. Wer sich dazu zählt, hat heute noch folgende Möglichkeiten: [li] Weiterhin fröhlich Mixtapes aufnehmen und sie bei der Kassette Leipzig mit anderen Nerds tauschen [li] Hier auf jetzt.de nachlesen, wie das noch mal richtig ging [li] Sich auf rarerecords.de Anregungen für eine kreative Hüllen-Gestaltung holen [li] Die alten Kassetten unterm Bett hervorholen und digitalisieren [li] Neue Tapes zukünftig, wie auf thattherepaul.com beschrieben, mit dem Computer aufnehmen [li] Oder schlicht beim Anblick dieser alten Modelle ordentlich in Nostalgie schwelgen Alle anderen dürfen auf cassettefrommyex.com noch schnell die Geschichte vom kauzigen Ex mit dem Kassettendeck loswerden und sich ansonsten den moderneren Alternativen auf den nächsten Seiten widmen.


[b]Mixtape für die Massen: Die CD[/b] Während Tapedecks und mit ihnen die Mixkassetten schleichend aus unserem Leben verschwanden, stieg die Anzahl der Computer mit integriertem CD-Brenner rapide an. Plötzlich konnte man den ganzen Heckmeck mit der gedrückten Aufnahmetaste sein lassen und seine musikalischen Liebesbekenntnisse in einem Bruchteil der Zeit auf CD bannen. Nur leider hatten das bald auch die letzten Pop-Banausen kapiert, die das Wort „Compilation“ bislang mit Bravo-Hits oder Kuschelrock übersetzt und sich ihren Geschmack bei The Dome abgeschaut hatten. Von da an bekam man zum Geburtstag, zu Weihnachten oder auch ganz ohne Anlass, lieblos zusammenkopierte Schrott-Hitparaden zugesteckt, die sich bald in durchsichtigen Einheitshüllen im CD-Regal stapelten. Wer aus diesem Einerlei herausstechen und mit Romantik punkten wollte, musste sich schon richtig Mühe geben – und dafür letztlich mindestens so viel Zeit wie für die gute alte Kassette aufbringen: Eine wohl durchdachte Komposition wurde durch geschickte Übergänge am digitalen Mischpult perfektioniert, ein Hidden-Track für den Überraschungseffekt deponiert und je nach Fähigkeiten noch weitere Special Effects eingebaut. Wohlwissend, dass der CD das Image „schnell-mal-eben-zusammenkopiert“ anhaftete, kreierte man gleich mehrere und versenkte sich über Stunden und Tage in die Weiten und Tiefen digitaler Covergestaltung. Unter Beachtung der üblichen Sorgfaltsregeln funktioniert die Mix-CD zwar heute auch noch – nur muss man leider damit rechnen, dass der Beschenkte den mühevoll komponierten Mix anschließend auf seine Festplatte lädt und dort im Nirvana der gesammelten Musik-Terabytes vom Zufallsprinzip zerhäckseln lässt.


[b]Für den Hintergrund: Die Playlist[/b] Seit sich die Freude am Haptischen aus dem Musikgenuss weitgehend verabschiedet hat, lässt man seine Lieblingssongs zuhause, auf Partys und unterwegs in vorher zusammengestellten oder nach dem Zufallsprinzip rotierenden Playlists ablaufen. Dem Freund oder der Freundin etwas in die Hand zu drücken, was auch nur im Entferntesten nach Tonträger aussieht, ist hoffnungslos altmodisch geworden. Bleibt nur, sich im Netz umzuschauen, und dem Angebeteten eine richtig gute Playlist zusammenzustellen. Was die Quantität angeht, kann man hier richtig auf die Glocke hauen, schließlich stoppt einen kein B-Seiten-Ende oder 80-MB-Speicherlimit. Dennoch zählt auch hier Klasse statt Masse. Also tunlichst von den beliebtesten Downloads auf Last FM oder Project Playlist fernhalten, die hat der andere eh schon längst – oder will sie partout nicht hören. Egal mit wie viel gutem Geschmack die Songs ausgewählt wurden, romantische Rührung mag nicht so recht aufkommen. Ein per Mail verschickter Playlist-Link verbreitet einfach nicht diesen gewissen Hauch des Selbstgemachten. Geeignet ist dieses virtuelle Mixtape daher vor allem für Fernbeziehungen, wenn man den anderen in einer einsamen Stunde mal kurz an seinem musikalischen Leben teilhaben lassen oder ein Endlostelefonat mit dem richtigen Sound unterlegen will. Fazit: Eine originelle Playlist beim Date im Hintergrund dudeln lassen ist in Ordnung. Da tut es dann im Zweifel auch eine, die jemand anders hier oder dort bereits zusammengestellt hat. Um den anderen zu beeindrucken muss man dazu aber schon ein besonders leckeres Essen servieren.


[b]Digitales Überraschungsei: Der USB-Stick[/b] Wer keine schnöde Playlist verschicken, sondern richtig Eindruck schinden will, kauft einen iPod, lädt seine komplette iTunes-Bibliothek drauf und klopft sich beim Verschenken selbst auf die Schulter ob soviel finanzieller Großzügigkeit. Mit Originalität hat das wenig zu tun, aber wer glaubt, Liebe kaufen zu können, fährt damit sicher ganz gut. Mehr Charme entfaltet der simple USB-Stick. Vom Prinzip her funktioniert er ähnlich wie der iPod, ist aber deutlich günstiger und bietet nette kleine Extras. Neben Musik lassen sich Fotos, Videobotschaften und ganze Ordner voller Liebesbriefe mit abspeichern. Und auch wenn die Abspielreihenfolge nicht mehr steuerbar ist, wie einst beim Mixtape, so kann man immerhin einen optionalen roten Faden durch die einzelnen Ordner des Sticks fädeln, dem der Beschenkte folgen kann – oder auch nicht. So komponiert man statt A- und B-Seiten einzelne Ordner, die mit Musik, Bild oder Text jeder für sich ein multimediales Gesamtkunstwerk ergeben und je nach Speicherplatz für eine Woche oder ein ganzes Jahr vorreichen. Wer dann noch die richtige Verpackung wählt, ist mit seinem Mixtape wirklich in der Gegenwart angekommen, ohne unterwegs an Romantik verloren zu haben. [i]Illustrationen:Dominik Pain[/i]

Text: marie-piltz - Illustration: Dominik Pain

  • teilen
  • schließen