Musik für den abstürzenden Aufzug

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Die Bedeutung und Nutzung der Worte „Scheiße“ und „Shit“ im alltäglichen Sprachgebrauch könnte gegensätzlicher kaum sein. Zeichen der Ablehnung und Missfallensausdruck einerseits, sind solche Begrifflichkeiten wie „heißer Scheiß“ oder „deep shit“ andererseits unbedingt positiv besetzt. Wenn das Label Shitkatapult demnächst seinen 100. Tonträger unters elektrisierte Szenevolk bringt, kann eigentlich nur besagter „heißer Scheiß“ gemeint sein, wie er nun mal von diesen Berlinern in steter Regelmäßigkeit auf die Ohren der Partymeute geschleudert wird.

Das ist Release Nr.99. Ein Schal mit Musik Dabei war die Gründung des (damals noch in Heidelberg ansässigen) Labels im Jahr 1997 eher ein Schnellschiss…Verzeihung…-schuss, denn von langer Hand geplant, wie Gründer Marco Haas aka T.Raumschmiere erklärt: „Das war reiner Zufall, weil ich mit meiner damaligen Gruppe ‚Stormbow’ bei einem Band-Wettbewerb einen Studioaufenthalt gewonnen habe. Und da wir eben noch kein Deal bei einer Plattenfirma hatten, haben wir kurzerhand unsere eigene gegründet.“ Sämtlichen Zweiflern, die darin seinerzeit nicht mehr gesehen haben als den vielzitierten Griff ins Klo, hat Haas mittlerweile gezeigt, wie man aus der zutage geförderten „Scheiße“ wert- und gehaltvolles Gold machen kann.

Chef vom Shit: Herr T. Raumschmiere, bürgerlich Marco Haas Eines der vielen Geheimrezepte des Labels, dem nach mehreren Wechseln in der Belegschaft mittlerweile neben Marco Haas lediglich Sascha Ring aka Apparat vorsteht, ist die stilistische Offenheit, mit der vorgegangen wird. „Wir haben noch nie ein künstlerisches Konzept verfolgt und werden das auch nie tun“, so Haas, der seine Vorstellungen von kreativer Freiheit mit dem Shitkatapult immer schon über sämtliche Grenzen und Mauern der Engstirnigkeit hinweggeschleudert hat. „Das unterscheidet uns eben auch von anderen Elektro-Labels. Wir hatten nie vor, eins zu sein.“ Zwar hat sich Shitkatapult nach seinem rockigen Einstand mit Stormbow zu einem Inbegriff für minimalistischen Knattertechno und punkverseuchtem Reduktionselektro entwickelt, doch das Haas’sche Lebensmotto „Stay Anti“ manifestiert sich nicht zuletzt in der musikalischen Bandbreite des Label-Rosters: Das Vordringen in unbekannte Soundsphären durch Apparat, mit seinen verschnippselten Clicks und absichtlich eingearbeiteten Fehlern im Beatgebälk, gehört dabei genauso zum Shitkatapult-Universum wie der schäumende Elektropunk von Das Bierbeben oder die audiovisuelle Schnittstelle von Mensch und Maschine durch Rechenzentrum. Ganz zu schweigen von T.Raumschmiere selbst, der dank der musikalischer Einbettung von Kabelbrand-Geräuschen, vertonten Stromschleifen und zerschreddertem Synapsengeknister in seine Songs auch immer wieder als „King Of Gnarz“ bezeichnet wird. Ein Vertreter des Goethe-Instituts hat diesen Umstand mal recht treffend in Worte gefasst: „Er hat die weichen und irgendwie immateriellen Sinuskurven der digitalen Computersounds so lange zerhackt, zerquält und hochgedreht, bis sie wieder eckig, rockig und damit auch greifbar wurden, sich wie grobes Sandpapier an den Trommelfellen rieben und die Boxen der Clubs im Wortsinn zum Platzen brachten.“ Schöner hätte man sein künstlerisches Schaffen eigentlich kaum beschreiben können. "Wir Kinder vom Bahnhof Strom" von T.Raumschmiere:

Jetzt ist es bereits zwölf Jahre und ganze hundert Tonträger her, dass dieser akustikterroristische Tausendsassa und kindlich-verspielte Technopunk uns ins Mündungsfeuer seiner reduzierten Soundschnipsel geworfen und Berlin auf die elektromusikalische Weltkarte gesetzt hat. Mit „Special Musick For Special People“, wie es auf der labeleigenen Homepage heißt. "Strike 100", das Jubiläumsrelease, kommt daher dem Anlass entsprechend auch in einem edlen Zweiteiler, sprich: Im Doppel-CD-Format. Mit leichter Ambient-Fokussierung ziehen darauf selbstverständlich sämtliche Lichtgestalten des großen, weiten Shitkatapult-Kosmos wie The Orb, Jan Jelinek, Daniel Meteo oder Anders Ilar ein musikalisches Ass nach dem anderen aus dem Ärmel und shitkatapultieren sich damit in eine hervorragende Ausgangsposition für die nächsten hundert Platten. „Es war mir immer schon klar, dass ich keine Fahrstuhlmusik machen will“, betont T.Raumschmiere und fügt mit einem leicht dämonischen Lächeln hinzu: "Außer vielleicht für einen, der abstürzt.“ Die Compilation "Strike 100" von Shitkatapult ist ab Mitte Februar erhältlich.

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