Musik nur noch vom Erzeuger: Radiohead machen ernst

Das nächste Werk der Band kommt frisch aus dem Studio auf den digitalen Tisch. Und ist entweder schön billig oder schön teuer, ganz wie's beliebt.
max-scharnigg

Hello everyone. Well, the new album is finished, and it's coming out in 10 days; We've called it In Rainbows. Love from us all. Jonny

Mit diesen kleinen Worten kündigt Gitarrist Jonny Greenwood auf der Radiohead-Homepage ein ersehntes Ereignis dieses Plattenjahres an. Die Sensation dabei ist nicht, dass es ein neues Radiohead-Album geben wird, sondern der Umstand, dass es schon wenige Tage nach seiner Fertigstellung zu erwerben ist. Ein derart schneller Transport der fertigen Musik in die Stereoanlagen der Hörer war bisher unmöglich, da gerade die großen Bands an die Marketing- und Strategiepläne ihres Plattenlabels gebunden waren. So verstrichen schon mal sechs bis acht Monate zwischen Ende der Aufnahmen und dem VÖ-Termin.

Radiohead haben sich davon gänzlich befreit und ihr neues Werk selber aufgenommen, abgemischt und verkaufen es nun am 13. Oktober von ihrer Homepage aus – quasi direkt vom Erzeuger. Der Käufer kann sich entscheiden, ob er sich für sehr viel Geld eine opulente Discbox mit allerlei Zusatzgimmicks schicken lassen möchte, oder sich mit dem puren Download der neuen Stücke begnügt. Überraschend dabei: Wer den Download wählt, dem überlässt es die Band, wie viel er dafür zahlen möchte. Wer tatsächlich nichts geben will, bezahlt lediglich die paar Cent Transaktionsgebühren seiner Kreditkarte, die auch bei einer Summe von 0,00 Pfund anfallen.

Damit der Innovation nicht genug – Radiohead verweigern ihr neues Werk auch den gängigen Downoad-Portalen von Apple und Microsoft, mit der Begründung, dass dort alle Lieder einzeln angeboten werden. Die Band möchte aber die Ganzheit des Werks betonen und verkauft deswegen zusätzlich zum Eigenvertrieb nur beim neuen Amazon MP3-Store – dort können die Urheber die Formate ihrer Werke selber bestimmen. Wie viele Kunden dort dann einen normalen Albumpreis für ein Werk bezahlen, für das sich andere einen Klick weiter ganz legal selber einen Preis ausdenken, ist fraglich. Gleichzeitig ist dieser Vorstoß von Großbritanniens maßgeblichster Rockband ein wichtiges Signal, wenn auch bestimmt nicht allgemeingültig. Denn kaum eine Band hat so eine treue und engagierte Fanschar, von der anzunehmen ist, dass sie ihre Wertschätzung zu einem guten Teil mit barer Münze bekundet. Zudem verursacht die Radiohead-Pioniertat heute ein werbewirksames Rauschen in der Online-Musikszene, das sich bald abnutzen dürfte, wenn nämlich immer mehr Bands zu Selbstversorgern werden. Aber das ist eben der Gewinn des Mutigen. Richtig unglücklich dürfte mit diesem neuen Kapitel der Musikkultur nur derjenige sein, der gerne und wie gewohnt am VÖ-Tag in den Plattenladen gegangen wäre, dort sein Platte gekauft, daheim sorgfältig ausgepackt, gehört und wonnig in den Schrank sortiert hätte. Falls es solche Menschen noch gibt, müssen sie im Fall von Radiohead 40 Pfund überweisen – eine teure Nostalgie.

  • teilen
  • schließen