"Musst du unbedingt im O-Ton schauen!"

Alle reden ständig über Serien. Mindestens eine dieser neun Bemerkungen fällt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bei jedem Partygespräch. Wir verraten, was sie wirklich bedeuten. Eine kleine Satzkunde.
jetzt-redaktion

Dass das Seriengucken seit einiger Zeit zu den liebsten und häufigsten Vergnügungen junger Menschen zählt, hat auf Partys und anderen Begegnungsanlässen einen angenehmen Effekt: Wenn man sich sonst nichts zu sagen hat, dann kann man immer noch über Serien sprechen. Was deshalb allerdings auch mit ermüdender Häufigkeit geschieht. Manchmal ist es auch nur ein Zitat oder ein Vergleich, das oder der in einem ansonsten völlig serienfernen Gespräch auftaucht. Und manche Sätze fallen besonders oft. Damit du für den nächsten Seriendiskurs gewappnet bist: eine kleine Interpretations- und Reaktionshandreichung.     

Der überflüssige Satz des Abends


Was eigentlich gesagt wird: "Ich hatte übrigens Leistungskurs Englisch."
Wer sagt das denn? Wer mit solchen Allgemeinplätzen um sich schlägt, der hat vermutlich gerade beim letzten Einkaufsbummel die Serien-Wand bei „Saturn Hansa“ entdeckt, daraufhin alle Staffeln von „Knight Rider“ gekauft, und möchte nun dieses Wissen mit der Welt teilen. Die darauf leider nicht gewartet hat.
Die richtige Reaktion: Am Arm nehmen und zu einer Gruppe älterer Herrschaften in der Ecke führen, die sich bestimmt über diese neuen Informationen freuen werden.



Der Gelehrten-Satz


Was eigentlich gesagt wird: "Für mich ist eine TV-Serie nur gut, wenn sie mich geistig herausfordert. Das ist aber ziemlich schwer, weil ich echt ziemlich genau Bescheid weiß in der Amerikanischen Kulturgeschichte."
Wer sagt das denn? Der ambitionierte Amerikanistik-, Politik- oder Geschichtsstudent, der darauf lauert, sein (Halb-)Wissen aus dem letzten Seminar in möglichst vielen Gesprächen anzubringen. Das kann durchaus interessant sein, wird aber anstrengend, wenn er beginnt, seine Standpunkte in kurzreferat-artigen Monologen auszuweiten.
Die richtige Reaktion: "Mhmm..." 



Die große Rechtfertigung


Was eigentlich gesagt wird: „Eigentlich weiß ich nichts über Serien. Sondern nur über diese eine. Also erwartet von mir besser keine bereichernden Beiträge zu diesem Gespräch – außer natürlich zu ‚The Wire’, darüber weiß ich alles!“
Wer sagt das denn? Natürlich jemand, der „The Wire“ gesehen hat. Danach aber nicht mehr allzu viel.  Wahrscheinlich, weil die Zeit fehlte oder die Geduld oder das Material, man weiß es nicht genau. Wovon man aber ausgehen kann: Diese Person hat „The Wire“ wirklich sehr geliebt. Aber sie ist sich auch bewusst, dass die Serie so beliebt und erfolgreich war, dass man sein ansonsten aus meist halben Staffeln, Popkultur-Artikeln und dem Gerede der anderen zusammengetragenes Halbwissen über andere Serien verdammt gut dahinter verstecken kann. Es war eben die erste große Liebe, mit der man lange, schlaflose und aufregende Nächte verbracht hat, und an die reicht erstmal nichts heran – alle anderen müssen sich hinten anstellen.
Die richtige Reaktion: „Dann hast du anscheinend ‚Breaking Bad’ nicht gesehen“ sagen und über das leicht zerknirschte Gesicht des anderen schmunzeln, weil sofort alle über Walt White reden - und keiner über McNulty.



Die ganz persönliche Empfehlung


Was eigentlich gesagt wird: „Ich kenne viele Serien und ich kenne dich – sogar besser als du denkst!“
Wer sagt das denn? Jemand, der glaubt, dass er seinen Gesprächspartner verstanden hat. Und nicht nur den, sondern auch all die vielen Serie und deren ganz spezielle Eigenheiten, die feinen Unterschiede zu den anderen, den ihr innewohnenden Ton. Da man das kaum einfach so in die Runde hineinsagen kann, ohne sofort skeptisch beäugt zu werden, verpackt man diese Tatsache in einen zwischenmenschlichen, gut gemeinten Rat. So hält man sogar das Gespräch am Laufen, weil der andere unter Garantie wissen will, warum er und die Serie denn angeblich zusammenpassen. Er wird sie dann allerdings nie unbefangen anschauen können.
Die richtige Reaktion: Erwartet wird natürlich die Nachfrage: Warum, wieso, was passiert denn da? Wenn man gerne Empfehlungen haben möchte, raus damit. Wenn nicht, kann man im besten Falle „Hab ich schon gesehen, fand ich nicht so“ sagen und sollte ansonsten ein möglichst emotionsloses „Okay“ erwidern und abwarten, ob der andere dann noch genug Empfehlungs-Motivation aufbringt um weiterzusprechen.


Die Erzähltheorie


Was eigentlich gesagt wird: „Ihr habt nur die Handlung verfolgt. Ich habe verstanden, wie sie funktioniert!“
Wer sagt das denn? Serien anschauen ist für diesen Menschen mehr als nur Unterhaltung, es ist eine Wissenschaft. In einem früheren Leben hätte er kein Buch ohne Bleistift in der Hand gelesen. In seinem jetzigen ist sein Blick geschärft für die Symbolhaltigkeit der Fernsehbilder, für die verschiedenen Bedeutungsebenen und Charakterentwicklungen, für die Sprache der Einstellungen, der Lichtverhältnisse, der Schnitte und der Requisite. Handlung, findet er, ist doch nur die monochrome Fläche, auf der Tiefe und Bedeutung durch kunstvolle Malerei erst noch erschaffen werden müssen! Und so ergeht er sich in theoretischen Abhandlungen und kann zu allem, was gesagt wird, immer noch ein mit „Aber das ist doch viel zu oberflächlich betrachtet!“ eingeleitetes Referat halten. Serien sind eben die Romane des 21. Jahrhunderts und er ist der Wissenschaftler, der sich daran festgesaugt hat.
Die richtige Reaktion: „Also mir reicht’s ja eigentlich, wenn ich dabei einschlafen kann.“


Serie versus Real Life


Was eigentlich gesagt wird: "Mein eigenes Leben finde ich ziemlich öde. Ich kenne jede Szene dieser Serie auswendig und das sollen auch alle wissen. Steckt nicht in jedem ein Barney Stinson?"  
Wer sagt das denn? Jemand, dessen Leben wohl nicht sooo spannend ist. Die Serienwelt dagegen findet er total aufregend und unterhaltsam, liebt jeden der Charaktere und was wäre das für ein Spaß, wenn er mal für einen Abend mit ihnen um die Häuser ziehen könnte? Ach, geht ja gar nicht. Dann vielleicht ein bisschen "How I met your mother" ins eigene Leben streuen? Er hofft auf Gleichgesinnte, die dann voll darauf einsteigen.  
Die richtige Reaktion: Es hilft nur eins, um ihn abrupt zu bremsen: die kalte Schulter zeigen. Sowas wie „Hö? Weiß nicht, was du meinst, ich guck das nicht“ bietet sich wahrscheinlich am besten an.


Das Hank-Moody-Zitat


Was eigentlich gesagt wird: "Hey, junges Fräulein, schau mich an: Ich bin ein - mindestens! - genauso scharfer Typ wie Hank Moody: Smart, kreativ, supersexy und nie um einen guten Spruch verlegen. Und weil du so eine Gelegenheit wohl nie wieder bekommst, sag schnell, Baby: Gehen wir jetzt zu mir oder zu dir?"
Wer sagt das denn? Natürlich ein Typ und natürlich, weil er ein Mädel rumkriegen will. Er beneidet Hank Moody aus "Californication" um seinen Schlag bei Frauen, den er wegen genau jener Eigenschaften hat: Intelligenz, Kreativität, Sexyness und Eloquenz. Bei ihm selbst sind sie zwar nicht gleichermaßen ausgeprägt wie bei Moody. Er irrlichtert aber, dass sie durch das Zitieren auf wunderbare Weise auf ihn übergehen und die angeflirtete Dame ihm deshalb trotz seiner Dreistigkeit sofort an die Wäsche will.
Die richtige Reaktion: "Ach, geh weg, Charlie Runkle!"


Die Hintergrundexpertise


Was eigentlich gesagt wird: "Vor einem Fernsehabend sammle ich alle relevanten Infos zu allen Serien, die wir an dem Abend schauen könnten, auf Wikipedia, um dann alle - ungefragt - mit wichtigen Hintergrundinfos zu versorgen."
Wer sagt das denn?‪ Wer diesen Satz bringt, kennt alle, auch die Nebendarsteller und Gastrollen bei ihrem richtigen Namen. Er spricht dann von Kaley Cuoco, wohlwissend, dass alle anderen im Raum mit diesem Namen nichts anfangen können. Das klärt er dann ganz großzügig auf: "Ah, das ist Penny, ich vergesse immer, dass die meisten nur ihren Seriennamen kennen." Er weiß natürlich auch, in welchen anderen Serien die Gastdarsteller schon mal einen Auftritt hatten. ‬
Die richtige Reaktion: "Ach, du schaust die Synchronfassung?"



Die Totalverweigerung


Was eigentlich gesagt wird: "Ich halte es in dieser Gesprächsrunde keine Sekunde länger aus. Wenn mir noch jemand begeistert von 'The Big Bang Theory' vorschwärmt, kann ich für nichts mehr garantieren. Besser, ich hole mir mal ein Bier und unterhalte mich mit jemandem, der im letzten Jahr mal draußen vor der Tür war."
Wer sagt das denn? Der desillusionierte Early Adopter, der es einfach nicht fassen kann, dass auch 2012 auf Partys noch Menschen davon erzählen, wie toll 'The Wire' ist. Ja, stimmt. Seit 2002.
Die richtige Reaktion: "Warte, ich komm’ mit"


Text: jetzt-redaktion - Illustrationen: Torben Schnieber

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