Mythos Tanzschule - ein kleines Panoptikum des Grauens

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Erste Stunde

Die erste Tanzstunde – sie ist natürlich Ergebnis einer qualvollen Gängelung durch deine Mutter, die dich unter Zuhilfenahme dieser Sätze bearbeitete: „Dein Vater war früher ein flotter Tänzer!“ „Irgendwann brauchst du’s mal, dann tanzen alle und du kannst es nicht!“ „Das ist auch wichtig für den Job.“ Weil diese Hinweise aber verhallen, muss sie schon mit Enterbung drohen, damit du dich doch noch anmeldest. Da Mütter gut vernetzt sind, melden sich deine drei Kumpels zum Glück auch an, leider aber auch die Clique mit den Traummädchen aus der Parallelklasse. Die wolltet ihr zwar schon immer mal kennen lernen, aber nicht im Tanzkeller der „Tanzschule Adler“. Vor der ersten Stunde macht das Gerücht die Runde, man bräuchte unbedingt Schuhe mit glatten Holzsohlen, um so richtig übers Parkett zu schleichen – leider sind die annähernd einzigen Schuhe, die das erfüllen, die unförmigen Treter von der Konfirmation. Da deine Mutter außerdem noch auf saubere, nicht abgetretene Hose und ein nettes Hemd besteht und du in der ganzen Aufregung auch noch eine Gelfrisur und zwölf Pickel produzierst, fühlst du dich geschmeidig wie ein voller Mülleimer. Macht aber nichts, die andere stehen mindestens genauso gehemmt, wenn nicht schon panisch durchgeschwitzt im Kreis um den Tanzleherer. Schwaden von Axe und Davidoff mischen sich mit der muffigen Tropicana-Deko. Noch stehst du locker im Jungsgrüppchen, aber dann öffnet Achim, der Tanzlehrer, leise lächelnd die Tür zum Grauen: „Hallo, schön, dass ihr da seid. Wir fangen gleich an, ich mach mal Musik und ihr bewegt euch einfach dazu durch den Raum. Fühlt den Rhythmus!“


Der Tanzlehrer

Das sind die Menschen für die das Wort „flott“ erfunden wurde. Wenn er jung ist, wird dein Tanzlehrer eine Mischung aus Unteroffiziersanwärter und Autoscooter-Azubi sein – aber mit makelloser Haut! Er trägt farbige Hemden und schlägt vor, nach der Tanzstunde einen alkoholfreien Cocktail trinken zu gehen. Seine Stoffhosen sind immer einen Tick zu eng im Zwickel, so dass man sein Gemächt erahnt, wenn er beim Vortanzen aufs Ganze geht. Deine Mutter findet „Der macht das doch richtig schwungvoll!“ Obwohl er sich bemüht, immer eine superlockere Stimmung zu verbreiten, ekelt sich der junge Tanzlehrer doch ein bisschen davor, fettige Jungs am Arm zu nehmen und ihnen die Schritte zu zeigen. Deswegen angelt er sich bald eine Vormach-Bärbel (das ist meistens die, die auch schon seit drei Jahren voltigieren geht) und zeigt mit ihr alles vor. Pubertäres Gekicher schluckt er mit der Sterilität eines ProFamilia-Wartezimmers weg. Ist dein Tanzlehrer alt, kannst du Glück haben, und einen ehrwürdigen Maestro voll gütiger Strenge und Charme erwischen. Meistens ist es aber doch nur Manfred Adler, der sich mit der Tanzschule einen Lebenstraum erfüllt hat und vorher LKW-Fahrer war. An den Wänden hängen Fotos von Tanzmeisterschaften, auf denen er in seinem türkisenen Paillettenkostüm zu sehen ist. Den Schnauzbart hat er heute immer noch!


Die Partnerwahl

Das Auffordern stellt den anhaltenden Schrecken deines Tanzkurses dar. Nie wieder wirst du in deinem Leben eine derartige Häufung von 1-zu-1-Intimsituationen durchstehen müssen. Das Irrige daran ist, dass du auf einmal das vollbringen sollst, woran du doch seit Jahren verzweifelst: Frauen locker ansprechen und für dich gewinnen. Der Umstand, dass sie im Tanzkeller zu zehnt nebeneinander auf einer Bank vor einer verspiegelten Wand sitzen, macht die Sache nicht gerade einfacher. Wichtig beim Auffordern sind der richtige Zeitpunkt und die maximal gute Übersicht. Wird es paarweise ausgehen, ist alles nicht so schlimm, sind zu viele Mädchen da, verlagert sich der Druck auf ihre Seite. Denn vorrangig gilt: Bloß nicht alleine dastehen, wenn die ersten Takte von „La Isla Bonita“ durch die Boxen schallen. Denn dann muss der Tanzlehrer die Musik noch mal stoppen, sagen: „Hoppla, wir haben ein Überbleibsel!“ und wird sich schließlich leicht unwirsch deiner annehmen. Diese kleinen Momente musst du Jahre später in teuren Therapiesitzungen bezahlen. Also: rechtzeitig umsehen, gerne auch mal beherzt der erste sein, der fragt, bevor man vor lauter geniert Rumdrücken nicht mehr rankommt. Die größte Angst bei der Partnerwahl ist gar nicht, dass die Ausgewählte „Nein“ sagt, solche Katastrophen passieren selten. Schlimmer ist, dass sie nach einer Minute Tanz mit dir genervt die Augen verdreht und ihren Freundinnen Blicke aus der Kategorie „Vollmies“ zuwirft. Deswegen sollte man auch seiner Könnensklasse gemäß auswählen. Damenwahl hingegen ist natürlich paradiesisch: Im Jungsverband rumfläzen und hoffen, dass die nette Sophie rechtzeitig zu dir durchkommt. Stattdessen wird es natürlich entweder die gut gefütterte Ines sein, die dich packt oder die zänkische Tatjana: „He du Kerl da, willst du mit mir? Pass aber auf, mein Handgelenk ist vom Rhönrad noch verknackst. Und atme nicht so laut!“


Die Gastherren

Sie kommen gerne mit einer Vespa fünf Minuten nach Beginn der Tanzstunde angeknattert, schleudern die Lederjacke über den Wasserspender und erlösen wie weiße Prinzen jene Damen, die aus Jungsmangel keinen Tanzpartner abgekriegt haben. Diese jauchzen sogleich vor Vergnügen, nicht nur weil sie jetzt auch mitsteppen dürfen, sondern auch, weil die Tanzherren sich natürlich schon die Sahnespange Gold ertanzt haben und das bei jeder Drehung unter Beweis stellen. Nebenbei sehen sie auch noch blendend aus, haben aber schon mit Anfang zwanzig eine Halbglatze. Sie heißen Marc, Johannes, Rolf und jeder männliche Kursteilnehmer hasst sie, weil sie mit genau der Konzentration, mit der sie die Rosinenmädchen aus dem Kurs herauspicken, die Jungs missachten und abfällig beim Linkswalzer überholen. In ihrem echten Leben sind sie Banklehrlinge oder angehende Verwaltungsfachwirte, im Tanzkeller spielen sie Zorro ohne Maske. Die Mädchen wünschen sich nach einer Stunde, dass immer nur Gastherren da sein sollen „weil die so gut führen“. Die Jungs schauen sich höchstens neidisch irgendwelche Fußschlenker ab, die im Selbstversuch völlig daneben gehen. Die Abgreifrate der Gastherren dürfte phänomenal sein, vor allem bei den so genannten „Tanzpartys“, die zu jedem Kurs gehören und bei denen das Erlernte in lockerer Party-Atmosphäre gezeigt werden soll. Zu diesen freiwilligen Partys geht kein Junge, der nicht muss. Die Gastherren aber ernten dort genüsslich, was sie mit flottem Hüftschwung in den diversen Kursen gesät haben.


Abschlussball

Gerade wenn dir der Tanzkurs nicht mehr wie psychische Hochleistungsarbeit vorkommt, sondern sogar beinahe mal nett ist, kommt der Abschlussball. Das „Tolle“ daran ist, das alles aufgezogen ist wie ein richtiger Ball. Das bedeutet vor allem, dass etwa ab der zweiten Tanzstunde die Frage der „Ballpartnerin“ über dem Kurs schwebt wie unsichtbarer Zeppelin. Wenn du dir nach der siebten Stunde endlich mal das Herz nimmst und die nette Sophie beim zwanglosen Warten auf den Schulbus danach fragst, musst du feststellen, dass sie längst vergeben ist. Sie sagt aber noch mehr als "Nein", sie sagt: „Ich glaube nur Ines ist noch frei, frag mal die!“ So kommt es dann. Neben der Horror-Partnerin fällt dann das Affenkostüm vom C&A, der verknickte Blumenstrauß und die gerührt heulende Mutter im Buttercreme-Kleid gar nicht mehr so ins Gewicht. Der Abschlussball ist immer schrecklich. Die Tanzlehrer verwendeten Extra-Stunden dazu, diverse Polonaisen einzustudieren, die dann immer daran scheitern, dass vierzig Väter mit laufenden Camcorder im Weg stehen. Deine Partnerin erleidet in der Lobby des Ballsaals einen Heulkrampf feat. Schreien, weil dein Blumenstrauß nicht zu ihrem Chiffonkleid passt. Ihre Eltern erwarten, dass du dich nach vier Tänzen mit der Tochter an ihren Tisch setzt, der Vater bestellt zu diesem Zweck Rheinwein. Eine Oma sitzt da gerne auch noch. Deine Partnerin hat sich unterdessen am Klo eingesperrt, was aber nichts macht, weil ohnehin gerade der „Mütter-Söhne“-Tanz aufgerufen wird, was deine Mutter in nicht mehr zu bremsende Aktivität versetzt. Während du sie wie eine Abrissbirne durch den Saal bugsierst, flüstert sie dir zu: „Dein Mädchen ist ja ganz reizend!“. Auf der Toilette stellst du dann fest, dass den ganzen Abend schon eine Rasierwunde deinen Hemdkragen vollblutet und an deiner Krawatte noch ein Preisschild hängt. Egal, später am Abend überrascht dich dein Kumpel auf der Empore noch mit der Mitteilung „Du, Bine hat mich überredet noch den Fortgeschritten-Kurs zu machen. Mach doch auch mit! Ist doch irgendwie voll der Spaß, oder?“

Text: max-scharnigg - Illustrationen: Katharina Bitzl

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