Nachteil Becker: Aus dem Leben des Tennisprofis Benni Becker (II)

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Au revoir Lyon, es war schön! Und auch ein bisschen lehrreich. Mein Schläger-Sponsor Babolat sitzt in Lyon und hat mich auf einen Rundgang durch die heiligen Firmenhallen eingeladen. Ganze zwei Stunden wurde mir vorgeführt, wie Saiten und Schuhe hergestellt werden und mit welchen aufwendigen Tests stetig an der Verbesserung des Materials gearbeitet wird. Ich konnte auch ein paar Wünsche und Bedürfnisse im Hinblick auf meinen Schläger loswerden. Es ist natürlich klasse, wenn man als Spieler mit eigenen Anregungen bei der Weiterentwicklung helfen kann.

Benni Becker. Dann ging es aber weiter: das gleiche Land, nur eine andere Stadt. Diese Woche darf ich meinem Job in Paris nachgehen. Also ging es mit dem Auto in die berüchtigte Stadt der Liebe. Für mich aber eher die Stadt des Fahrchaos - ohne mein Navi wäre ich hier aufgeschmissen. Wieder einmal im Hotel einchecken und die Koffer auspacken. Allerdings war der Aufenthalt in der ersten Herberge nur kurz: Minizimmer und enorm laute Nachbarn. An Schlaf war hier nicht zu denken. Jetzt bin ich wieder im offiziellen Spielerhotel des Turniers untergekommen und muss das Zimmer auch nicht stundenweise bezahlen. Da ich für das Masters-Turnier nicht direkt qualifiziert bin, musste ich am Samstag in der Qualifikation ran. Ein kleines Vorturnier, bei dem sechs der 64 Plätze ausgespielt werden. Leider hat es nicht geklappt und ich musste eine Niederlage gegen Nicolas Lapentti einstecken. Das ist natürlich frustrierend, bin ich doch mit anderen Erwartungen angereist und hatte die Hoffnung auf wichtige Punkte für die Weltrangliste. Aber das ist eben Tennis. An einem Tag schlägst du jemanden aus der Top Ten, beim nächsten Match kann es gegen einen weit hinter dir platzierten Spieler schon wieder ganz anders aussehen. Aber grade das Unberechenbare macht für mich diesen Sport so reizvoll und lässt meinen Beruf nicht langweilig werden. Ich werde dennoch für ein paar Tage bleiben und werde hier trainieren. Die Bedingungen in der Halle in Bercy sind toll, der ausgelegte Boden lässt sich gut bespielen. Wir „Ausgeschiedenen“ sind auch gern gesehene Trainingspartner für die anderen Spieler, da für uns der Druck des Turniers schon abgefallen ist. Klar wäre ich lieber richtig dabei, aber so kann ich natürlich Spielpraxis mit den Topstars des Tennis sammeln und mich außerhalb der Konkurrenz mit ihnen messen.

Abseits des gelben Balls beschäftige ich mich momentan mit großem Eifer und viel Spaß mit meinem „soccer manager“ Spiel. Danach bin ich schon fast ein wenig süchtig geworden. Ich spiele zusammen mit 10 Freunden in einer Community, was den Anreiz noch erhöht und mir auch ermöglicht, den Kontakt zu meinen alten Kumpels trotz der vielen Reiserei aufrecht zu halten. Es ist nämlich auch nicht immer ganz so einfach, der Familie, meiner Freundin und guten Freunden gerecht zu werden und allen die eigentlich verdiente Aufmerksamkeit zu schenken. Die Zeitverschiebung in ferneren Ländern und häufig seltsame Arbeitszeiten lassen einen geregelten Alltag leider nicht zu. Dafür bin ich dem Internet dankbar – meine unentbehrliche Verbindung in die Heimat. Und nicht nur meine. Schaut mal in die Lobby eines Spielerhotels: Da sitzen vermeintliche Rivalen auf dem Court brav nebeneinander auf der Couch, den Laptop auf dem Schoss und es wird getippt und gemailt was das Zeug hält. In diesem Punkt sind wir alle gleich. Es grüßt aus Paris Benni +++ Mehr Benjamin Becker: Hier geht es zum ersten Tagebucheintrag.

Text: benjamin-becker - Fotos: ap, dpa

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