Nazanin aus Kanada kämpft für das Leben von Nazanin im Iran

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Der erste Teil dieser Geschichte hätte überall passieren können. Sie beginnt letztes Jahr. Nazanin saß mit ihrer 15-jährigen Cousine in einem Park herum. Als drei Männer auftauchten, die die beiden Mädchen erst belästigten und schließlich versuchten, sie zu vergewaltigen, war niemand da, um ihnen zu helfen. Also half Nazanin sich selbst: Sie zog ein Messer aus ihrer Tasche und stach erst dem einen Angreifer in die Hand, dann dem anderen in die Brust. Dieser Mann starb an seinen Verletzungen. Ab diesem Moment nimmt die Geschichte eine Wendung, wie sie nicht überall passieren könnte. Weil der Park, in dem Nazanin sich gewehrt hatte, in Teherean liegt, wurde Nazanin vor Gericht gestellt und Mitte Januar dieses Jahres zum Tode verurteilt. Dass sie aus Notwehr handelte, interessierte die Richter nicht. Schließlich werden im Iran schon oft Frauen wegen wesentlich geringerer Vergehen mit dem Tode bestraft – etwa Zwangsprostituierte, deren Kapitaldelikt wiederholter außerehelicher Geschlechtsverkehr heißt. Im Juni soll Nazanin gehängt werden.

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Illustration: Julia Schubert

Nazanin Das berichtet eine Website der iranisch-stämmigen Nazanin Afshan-Jam. Sie ist Sängerin und eine ehemalige Miss-Kanada und trägt denselben Vornamen wie das Mädchen, dessen Leben sie mit einer Internetpetition retten will. Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kennt den Fall – er ist symptomatisch für einen gravierenden Missstand im Iran. Nicht nur antisemitische Hetze und eine eventuelle nukleare Bedrohung sind Folgen des Antritts von Präsident und globaler Dauerirritation Mahmud Ahmadinedschad: „Gerade im letzten Jahr haben wir einen rapiden Anstieg der Todesurteile gegen minderjährige Straftäter im Iran festgestellt“, sagt Ruth Jüttner, Nahostexpertin von Amnesty International. 2005 wurden dort acht Jugendliche hingerichtet – mehr als in allen anderen Ländern der Welt. Theoretisch sollte das gar nicht möglich sein, denn Iran hat zwei internationale Abkommen ratifiziert, die Menschen unter 18 vor der Todesstrafe schützen: den Internationalen Pakt über zivile und politische Rechte und die Konvention über die Rechte des Kindes. Doch das geltende Strafrecht im Iran ist die islamische Scharia und nach dortiger Interpretation wird Volljährigkeit nach Mondjahren gezählt. Das bedeutet, dass Jungen ab 15 und Mädchen sogar schon im Alter von neun Jahren als volljährig gelten und damit zum Tode verurteilt werden können. „Die internationale Rechtslage ist aber vollkommen eindeutig“, betont Ruth Jüttner, „denn in den Abmachungen steht klar und deutlich, dass jugendliche Straftäter unter 18 nicht zum Tode verurteilt werden dürfen. Deswegen fordern wir, dass der Iran seine eigene Gesetzgebung an die internationalen Standards angleicht.“ Das kann allerdings noch sehr lange dauern. Zwar wurde in den letzten Jahren immer wieder über eine Anhebung der Altersgrenze für Hinrichtungen diskutiert, doch die Wahl Ahmadinedschads setzte der progressiven Politik vorläufig einen Deckel auf. Todeskandidaten wie Nazanin sind also weiterhin dem iranischen Rechtssystem schutzlos ausgeliefert und auf internationalen Druck angewiesen. „Vor allem in besonders harten Fällen, wo die Ungerechtigkeit unübersehbar war, haben wir immer wieder mit Protestaktionen Exekutionen verhindern können“, sagt Ruth Jüttner. Mit der Petition soll genau das passieren. Namensgenossin der zum Tode Verurteilten Nazanin Afshan-Jam hat immerhin schon über 150.000 Unterschriften gesammelt. Am fünften und sechsten Juni wird sie vor dem kanadischen Parlament sprechen und will dann die Petition vor die Vereinten Nationen bringen. Die Hoffnung ist, dass genügend Stimmen aus der ganzen Welt den Richtern im Iran klar machen, dass auch ihr Land kein Ort sein sollte, an dem ein 18-jähriges Mädchen sterben muss, weil es sich gewehrt hat. Mehr Informationen zu Nazanin und der Kampagne gibt es hier . Foto: save.nazanin.googlepages.com

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