Lina Bartusch freut sich. Die 19jährige studiert seit ein paar Wochen Medienwissenschaft an der Uni Paderborn und hat zur Begrüßung neben den üblichen Goodies noch ein ganz besonderes Geschenk von ihrer neuen Alma Mater bekommen: ein Netbook. Diese Aktion solle das Leitbild der Uni, die „Universität der Informationsgesellschaft“ zu sein, unterstreichen, sagt Präsident Nikolaus Risch. Er wirbt nicht nur mit dem außergewöhnlichen Willkommensgeschenk, sondern auch mit einem neuen Content-Management-System, das auf dem Campus eingeführt wurde. „Das organisiert das gesamte Prüfungs- und Veranstaltungswesen für die Studierenden“, sagt er. „So gibt es kein Schlangestehen mehr vor den Prüfungsämtern.“

Lina mit ihrem Netbook. Dafür gibt es jetzt allerdings Schlangen in der einzigen Mensa der Uni. Um 41 Prozent ist die Zahl der Studienanfänger im Vergleich zum vorigen Wintersemester gestiegen. Es könne schon sein, dass der ein oder andere auch wegen der Netbooks da sei, sagt Risch. Auch Lina kann sich das gut vorstellen. Sie selbst erfuhr von dem außergewöhnlichen Geschenk allerdings erst, als sie schon ihre Zulassung hatte – und einen nigelnagelneuen Laptop. Der steht jetzt Zuhause rum. „Das Netbook ist einfach viel praktischer“, sagt sie. „Weil es so klein ist, kann man es überall mit hinnehmen und hat immer gleich Zugriff aufs Intranet.“ Außerdem hat die Universität extra ein Netbook-Cafè eingerichtet, wo Hilfe bekommt, wer mal ein technisches Problem hat. Trotzdem war Lina anfangs eher skeptisch. „Als ich es abholte, wurde mir gesagt, ich soll den Karton lieber verstecken, weil mich sonst alle böse angucken“, sagt sie. Die höheren Semester fänden es nämlich gar nicht so toll, dass die Erstis beschenkt werden und sie selbst leer ausgehen. „Inzwischen nennen wir sie schon liebevoll unsere Dellis“, sagt Sonja Kiekens vom AStA in Anspielung auf den Hersteller der Geräte. Dass die höheren Semester sich ärgern, kann sie gut verstehen. „Natürlich ist das unfair, wenn die Neuen alle Netbooks kriegen und wir nicht“, sagt sie. Die meisten schiefen Blicke und stichelnden Sprüche seien aber eher scherzhaft gemeint. Viel schlimmer findet sie, dass die Uni nun völlig überfüllt sei. „Die Netbooks sollten nicht nur das Image der Uni verbessern, sondern auch mehr Studenten anlocken“, da ist sie sich sicher. Tatsächlich sind jetzt 13 400 Studenten an der Uni eingeschrieben, fast so viele wie vor Einführung der Studiengebühren in Nordrhein-Westfalen. „Die Uni bekommt 1500 Euro pro Student“, sagt Kiekens. „Und um noch mehr zu kriegen, wurden nicht nur die Netbooks verschenkt, sondern auch NCs gesenkt oder ganz gestrichen.“ Was für die Studenten Überfüllung ist, nennt Unipräsident Risch „strategisch an die Grenzen gehen“. Er legt auch Wert darauf zu betonen, dass die eine Million Euro teure Aktion nicht von Studiengebühren, sondern von Sponsorengeldern bezahlt worden sei. „Eine Finanzierung durch Studiengebühren schließe ich so lange aus, wie unsere Studenten und AStA-Vetreter das nicht wollen“, sagt er. Sonja Kiekens nimmt ihm das nicht ab. „An der Uni halten sich Gerüchte, dass da eben doch Gebühren im Spiel waren“, sagt sie. „Selbst Dozenten haben das schon angedeutet.“ Anfangs hätte es sogar geheißen, es gäbe einen großzügigen Sponsor, der ungenannt bleiben wolle. „Aber wie kann das sein, wo er doch so eine gute Publicity kriegt?“ Inzwischen werden auf der Uni-Website neben örtlichen Banken auch die Firma, die das neue Intranet entwickelte, und „Professoren und das Präsidium der Universität Paderborn, die aus privater Tasche ebenfalls einen Zuschuss leisten“ als Sponsoren genannt. Die Studenten bleiben trotzdem misstrauisch, vor allem, seit bekannt wurde, dass 24 Prozent der Studiengebühren in Paderborn einfach „verschwunden“ sind. Den schriftlichen Prüfungsbericht sowie die Stellungnahme des zuständigen Gremiums erklärte das Präsidium kurzerhand zur Verschlusssache, wie eine Lokalzeitung schreibt. Lina Bartusch hat sich unterdessen damit abgefunden, dass sie mit ihrem blau leuchtenden Netbook immer gleich als Ersti zu identifizieren ist. „Das Gute ist ja, dass ich so auch immer gleich alle erkennen kann, denen es genauso geht wie mir.“