Neue Arbeitswelt - mit Faulheitsprämien

Unsichere Arbeits-Zeiten - der jetzt.de-Schwerpunkt zur Zukunft unserer Arbeit. Wie werden wir künftig arbeiten? Was muss sich in der Arbeitswelt grundsätzlich ändern? Wir zeigen heute fünf Ansätze, wie unsere Arbeitswelt künftig aussehen könnte. Mal sind es nur Gedankenspiele, mal sind es handfeste Konzepte. Stellt sich die Frage: Können wir mit diesen Ideen etwas anfangen? Sind sie umsetzbar?
peter-wagner
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Illustration: Julia Schubert

Ist das schon das beste Konzept einer neuen Arbeitswelt: Jeder der keine Arbeit hat raus auf den Acker? Gibt es nicht noch andere Modelle, wie wir die Wirtschaft künftig organisieren können? Gibt es natürlich! (Foto: ap) Ansatz 1: Arbeiten, wenn Arbeit da ist Volkswagen hat damit in den Neunzigern begonnen und viele Betriebe haben das Konzept abgekupfert: Der Autohersteller arbeitet nicht mehr im Schichtbetrieb, in Wolfsburg wurde das Prinzip der "atmenden Fabrik" entwickelt. Wenn Feierabend ist, strömen die Leute nicht mehr aus den Hallen, sie "tröpfeln" aus der Fabrik. Die Mitarbeiter haben Arbeitszeitkonten, sie müssen nur mittelfristig auf ihre Wochenarbeitszeit kommen. Eckart Hildebrandt vom Wissenschaftszentrum Berlin sagt, dass damit den Mitarbeitern die Organisation ihrer eigenen Abwesenheit selbst überlassen bleibt. Wer Freitag ins Wochenende fahren mag oder einen Tag für einen Arzttermin frei haben will, muss nicht Urlaub nehmen und das beim Personalchef vorbringen sondern klärt das innerhalb des Teams. Weil die Kollegen am besten wissen, wie viel Arbeit anliegt. Dieses Konzept ist mit ein Grund, warum sich derzeit die Gewerkschaften so schwer tun, ihre Forderungen nach tariflich festgelegter kürzerer Arbeitszeit durchzubringen: Den Arbeitnehmern gefällt die eigenverantwortliche Organisation ihrer Arbeit. Ansatz 2: Darwiportunismus Das ist eine Wortkreation des Saarbrückener Professors Christian Scholz, der den Lehrstuhl für BWL und insbesondere Organisation, Personal- und Informationsmanagement hält. Seine These: Darwinismus und Opportunismus sind die Grundelemente des Wirtschaftslebens. Unternehmen umwerben hochqualifizierte Mitarbeiter mit hohen Gehältern, um sich dann wieder mit riesigen Abfindungen von ihnen zu trennen. Scholz sagt: „Nur die stärksten Spieler überleben! Aggressive Kündigungspolitik bei nachlassender Konjunktur oder Fusionen, Rationalisierung und interner Wettbewerb im Unternehmen bis an die Belastungsgrenze – die Schwächeren sind nicht gefragt.“ Soweit die Sache mit dem Darwinismus. Die neuen Mitarbeiter seien Opportunisten: „Sie nutzen die Chancen, die sich ihnen bieten, ohne Rücksicht auf andere und ohne Rücksicht auf die Unternehmen. Was allein zählt, ist der eigene Marktwert!“ Scholz meint, man könne den sozialen Kontrakt zwischen Unternehmen und Mitarbeitern nicht mehr aufrecht erhalten, weil die Interessen verschieden sind. Als Erstes also müsse man den Mitarbeitern klar machen, dass es keine Stammplatzgarantie gibt. Nichts sei für Mitarbeiter schlimmer, als eine soziale aber am Ende doch haltlose interne Werbung, wonach der Mitarbeiter im Mittelpunkt stehe, wonach das Unternehmen dauerhaft stabile Beziehungen anstrebe und sich "in guten wie in schlechten Tagen" sozialverantwortlich um den Mitarbeiter kümmern wolle. Weil, so Scholz, nicht die Unternehmen mit dem stärksten Darwinismus oder die Mitarbeiter mit dem ausgeprägtesten Opportunismus gewinnen werden, braucht es einen neuen Deal: Den Darwiportunismus. Laut Scholz fordert mit diesem Begriff vor allem eines: Eine neue Ehrlichkeit, in der ein Unternehmen nicht sozial tut und der Mitarbeiter nicht loyal. Konzept 3: Neue Arbeit Der amerikanische Philosoph und Arbeitsforscher Frithjof Bergmann will zusätzliche Arten der Arbeit entwickeln, die den Wunsch der Menschen nach sinnvoller Beschäftigung erfüllen. Er will, dass die Menschen herausfinden, was sie wirklich als ihre Arbeit wollen. Er sagt: Es sollten Stipendien für Arbeitslose eingerichtet werden, mit denen sie ihre Vorstellung von selbstbestimmten Arbeiten umsetzen können. Und gerade diese Arbeiten sollen nicht vom Markt abhängig sein - die Menschen sollen dezentrale Fabriken gründen und damit die Macht der Konzerne auflösen. Aber das ist schon die konkreteste Form, in die man die Visionen von Bergmann gießen kann. In Wahrheit geht es ihm darum, die überkommene Logik „Wettbewerb plus Wachstum gleich Arbeit“ zu stürzen. Er will eine Neudefinition des Begriffs Arbeit, die nicht an „Gewinnmaximierung“ gekoppelt ist. Er hat bewusst keine Vorzeigeprojekte bei der Hand, die seine Visionen bebildern. Sein größter Wunsch: Die Menschen zur Freiheit erziehen. Das könne heißen, dass der Staat irgendwann nicht mehr Arbeitslosigkeit finanziert sondern wie eine Stiftung funktioniert, die Menschen mit guten Ideen fördert. Konzept 4: Arbeitsfairteilung Vor der Bundestagswahl im vergangenen Jahr veröffentlichte eine überparteiliche Initiative den Aufruf „Massenarbeitslosigkeit überwinden – Arbeit solidarisch verteilen!“ Ihr gehörten unter anderen Alice Schwarzer, Sven Giegolf von attac und eine Reihe von Professoren deutscher Universitäten an. Massenarbeitslosigkeit, so steht es im Aufruf, verstößt gegen Menschenrechte und verhindert eine faire Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben. Eine Arbeitszeitverlängerung – wie sie zurzeit auch Gegenstand der Tarifstreits ist – sei kontraproduktiv und erzeuge noch mehr Arbeitslosigkeit, weil sich die ohnehin knappe Erwerbsarbeit auf immer weniger Menschen konzentriere. Außerdem führten längere Arbeitszeiten zu Gesundheitsproblemen und sind familien-, kinder-, und frauenfeindlich. Zitat aus dem Aufruf: „Wir brauchen ausreichend Zeit zum Leben, Lachen und Lieben“. Also fordern die Aufrufer eine „Vollbeschäftigung“ neuen Typs mit kürzeren Arbeitszeiten. Durchschnittlich 30 Stunden die Woche und gut. Diese „Arbeitsfairteilung“ auf mehr Menschen bei geringerer Arbeitszeit sei sehr wohl kein einfaches Rezept, das man so eben in die Tat umsetze. Aber noch viel schwieriger sei es, tatsächlich neue Arbeitsplätze zu schaffen. Konzept 5: Faulheitsprämie Eine „Faulheitsprämie“ schlägt der Philosoph, Lehrer und Autor Fritz Reheis vor. Er stellt fest, dass sich die Produktivität in Deutschland in den letzten 100 Jahren verzwanzigfacht hat. Das hat uns aber nicht glücklicher gemacht, im Gegenteil, wir arbeiten nur noch schneller und produzieren schneller und haben Angst, dass uns die Arbeit ausgeht. Seltsam dabei: Ein immer kleinerer Teil der Gesellschaft muss immer mehr arbeiten und ein immer größerer Teil kann gar nicht mehr arbeiten. Reheis sagt: Wenn es schon der Zweck der Produktivität war, uns ein müheloseres Leben zu ermöglichen, sollten wir nun konsequent „Stillegungsprämien für Arbeit“ zahlen. Die Wirtschaft also entschleunigen und langsamer arbeiten, kreativer, spielerischer. Das Ergebnis kann dann auch Arbeitsteilung heißen oder mehr Anreize zur Teilzeitarbeit und zu Sabbatjahren bergen, eventuell durch eine soziale Grundsicherung. Woher dazu das Geld kommen soll? Reheis weißt darauf hin, dass bei jedem der 300 reichsten Deutschen stündlich ein fünf- bis sechsstelliges Einkommen anfällt.

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