Normalität an den französischen Unis oder: Welche Zutat es für eine Revolution braucht

Zurück im Hörsaal: In Paris öffnete Anfang der Woche die Sorbonne wieder ihre Pforten und gleich besetzten 200 Studenten ihre Lehranstalt. Die Polizei vertrieb die Besetzer - und niemand wehrte sich. Nur vereinzelt flammt noch Revolutionsgeist auf und die Studenten erkennen, wovon die Proteste zehrten: Von einem klaren Feindbild, einer klaren Forderung. Die neuen Forderungen sind vage und werden deshalb wohl ungehört bleiben.
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Thalia Breton geht seit Montag wieder in die Universität - und mit ihr die große Mehrheit der französischen Studenten. Zwei Wochen, nachdem Staatspräsident Jacques Chirac die Rücknahme des Contrat Prémière Embauche (CPE) verkündet hat, wurden die Kurse im ganzen Land wieder aufgenommen. „Die Studentenbewegung ist erst mal zum Stillstand gekommen“, sagt Thalia über die ursprünglich seit März andauernden Proteste gegen das „Gesetz zur Chancengleichheit“, dessen Hauptbestandteil der CPE war.

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Illustration: Julia Schubert

Thalia Breton organisierte für die UNEF (Union Nationale des Etudiants de France) die Proteste mit. Jetzt ist aber Schicht im Schacht und die letzten nimmermüden Besetzer der Uni lassen sich zu Gunsten eines normalen Unibetriebs dann doch ohne viel Aufhebens aus dem Gebäude tragen. Den Revoluzzern mangelt es nun schlicht an einer eingängigen Forderung. (Foto: Florian Kaindl) „Die Studentenorganisation UNEF koordiniert keine größeren Aktionstage mehr. Am 1. Mai soll allerdings, in Verbindung mit den Gewerkschaften, wieder eine Kundgebung stattfinden“, erklärt Thalia zur gegenwärtigen Haltung der größten französischen Studentenorganisation. Man müsse sich jetzt „auf das Wesentliche konzentrieren, und das sind für die meisten Studenten nun mal anstehende Examen und eine Fortsetzung des Unibetriebs“. Thalias Stimme verrät keinerlei Wehmut bezüglich der Rückkehr zur Normalität. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ihre zentrale Forderung, die Rücknahme des CPE, ja berücksichtigt wurde. „Das ist natürlich sehr zufriedenstellend“, meint Thalia rückblickend. „Man hat gemerkt, dass Engagement wirklich etwas bewirken kann. Und man sieht trotzdem, dass bei einigen Studenten immer noch die Bereitschaft vorhanden ist, etwas zu tun.“ Thalia spricht in diesem Zusammenhang von einer nationalen Studentenversammlung am vergangenen Wochenende in Bordeaux. Dort wurde einstimmig die Fortsetzung des Kampfes gegen das „Gesetz zur Chancengleichheit“, gegen ungeliebte Maßnahmen wie den Contrat Nouvelle Embauche (CNE) beschlossen. Die UNEF selbst hat ein Thesenpapier entwickelt, in dem Forderungen wie ein höherer Kostenzuschuss zu den Lehrmaterialien für die Studenten und landesweit höhere Ausgaben für Bildung zur Sprache kommen. Das sind also eher abstrakte Forderungen, deren Erfüllung sich nicht direkt einfordern lässt, die niemand zu einem Protest bewegen werden. „Es ist deswegen momentan nicht mit größeren Protesten zu rechnen“, sagt sie. „Studentenversammlungen haben beträchtlich an Kraft, an gemeinsamer Motivation zum Protest, verloren.“ Eine kleine Revolution, das erkennen die Studenten jetzt, lebt vor allen Dingen von einer konkreten und leicht artikulierbaren Forderung. Am Montag schien es kurz, als flackerte der explosive Geist der Studentenbewegung wieder auf: Ab dem Nachmittag hatten etwa 200 Studenten, zum zweiten Mal dieses Jahr nach dem 11. März, die Sorbonne besetzt. Gegen 20.30 Uhr am Montagabend wurden die Besetzer jedoch von Einsatzkräften der Polizei aus der Universität vertrieben. Am 11. März hatte das noch zum Aufflammen der Proteste geführt. Am Dienstag aber wurden die jugendlichen Besetzer vom Rektorat der Sorbonne als „Unbelehrbare“, die „pure Provokation“ betreiben, und „nur für sich selbst sprechen“ disqualifiziert. Und niemand widerspricht dieser Einschätzung. Auch nicht Thalia Breton. „Unser weiteres Vorgehen braucht Zeit“, sagt sie. „Natürlich kann man nicht einfach so aufhören, dafür wurden zu viele Sachen einfach nicht angesprochen. Für die Mitgestaltung von Gesetzesentwürfen sind wir aber in erster Linie an Gewerkschaften gebunden, die in Kontakt mit der Regierung stehen.“ Auf der Straße also, dort, wo die Studenten ihre Kräfte so wirkungsvoll bündeln konnten, ist in absehbarer Zeit nicht mit neuen Proteststürmen zu rechnen. Die Demonstranten sitzen wieder in den Hörsälen.

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