Och, geht schon

Die Shell Jugendstudie ist so etwas wie das amtliche Messinstrument für die Befindlichkeit junger Menschen. Die neue Ausgabe lässt den Schluss zu, dass es uns ganz gut geht - eine Übersicht in 12 Punkten
peter-wagner
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Illustration: Julia Schubert

1. Die neue Shell Jugendstudie kann man, wenn man keine Prozentzahlen verwenden will, in diesen fünf Sätzen zusammenfassen: - Die Jugendlichen ganz allgemein schauen optimistisch in die Zukunft. - Allerdings sehen mehr Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien ihre Zukunft düster. - Die meisten Jugendlichen haben ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. - Junge Frauen machen immer häufiger die besseren Schulabschlüsse. - Persönlicher Erfolg ist den meisten immer noch sehr wichtig. *** 2. Vor 57 Jahren erschien die Studie zum ersten Mal. Dieses Jahr, zur 16. Ausgabe, wurden 2605 Jugendliche von 12 bis 25 Jahren zu ihrem Leben, zum Glauben und zur Politik befragt. *** 3. Eine Übersicht über die drei vielleicht meistgebrauchten Schlagwörter in der Berichterstattung zu den vergangenen Shell-Studien: 2002: Egotaktiker, Wertecocktail, pragmatisch 2006: Geschlechterkampf, Druck, fleißig 2010: Optimismus, soziale Kluft, pragmatisch *** 4. Mit einem Blick auf die Schlagworte versteht man auch die Schwerpunktsetzung in der Berichterstattung zur neuen Studie am Dienstagnachmittag:

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*** 5. Das Buch zur Umfrage ist tatsächlich leidlich unterhaltsam, weil sich in den Umfragen offenbar Typen rauskristallisieren. Die Antworten zum Thema „Onlinenutzung“ haben die Macher zum Beispiel zu dieser Gruppierung veranlasst: - 24 Prozent der Jugendlichen mit Netzzugang sind Gamer und verbringen ihre Zeit im Netz vor allen Dingen mit Computerspielen. - Die digitalen Netzwerker machen 25 Prozent aus und sind vor allem jüngere weibliche Jugendliche, die sich auf Facebook oder StudiVZ bewegen. - Dann gibt es die Funktions-User, die 17 Prozent ausmachen. Das sind eher weibliche Jugendliche, die das Web für Einkäufe oder Mails nutzen. - Und dann gibt es mit 34 Prozent Anteil an allen Befragten mit Netzzugang die Multi-User, die alles ein bisschen machen. *** 6. Das Gesicht der Studie ist immer wieder Klaus Hurrelmann:

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Der Sozialwissenschaftler hat die Erhebung zwar gemeinsam mit den Bielefelder Kollegen Matthias Albert und Gudrun Quenzel und dem Münchner Forschungsinstitut TNS Infratest Sozialforschung gemacht, ist aber trotzdem zu so etwas wie dem offiziellen Pressesprecher der deutschen Jugend geworden. Vielleicht, weil er so feine Sätze sagen kann, die man, wenn es den denn gäbe, zum Jugendstudienjargon rechnen müsste. Zur Studie aus dem Jahr 2006 sagt er zum Beispiel: „Der Pragmatismus gerät ins Schleudern. Unter der Oberfläche entsteht Unruhe. Die heutige Jugend lebt mehr in der Angst als jemals zuvor in der Nachkriegszeit.“ Nach 16 Jahren an der Universität Bielefeld wurde er im vergangenen Jahr emeritiert und ist seitdem Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Die Shell Jugendstudie betreut er seit 2002. (Sie erscheint seitdem alle vier Jahre.) *** 7. Und noch eine Typologie, die sich aus den Fragen zur Einstellung zum Klimawandel ergeben hat: - Die Kritiker des Klimawandels „geben den reichen Industrieländern die Schuld für die ökologischen Veränderungen“ heißt es in der Studie. - Die Klimaoptimisten finden den Klimawandel problematisch, „halten die öffentliche Darstellung jedoch für übertrieben“. - Die fatalistischen Beobachter „gehen fast zur Hälfte davon aus, dass es bereits zu spät sei, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen.“ *** 8. Manche Sachen in der Studie sind auch gar nicht aufregend. Hier fünf Beispiele: - Das Interesse an der Politik nimmt leicht zu. - Die Globalisierung finden die meisten positiv (84 Prozent der Befragten verbinden sie mit vor allem mit der Freiheit, überall arbeiten und überallhin reisen zu können). - Religion spielt kaum eine Rolle. - Mehr als drei Viertel der Befragten sagen, dass man eine Familie braucht, um glücklich leben zu können. - Die meisten glauben daran, ihren Wunschberuf zu bekommen. *** 9. Nun kann man freilich schon auch fragen, wofür Jugendforschung gut ist. Die Shell Jugendstudie ist so etwas wie die Bibel und immer wenn in den kommenden Jahren etwas mit den Jugendlichen passiert oder wenn Jugendliche etwas anstellen, kann man Klaus Hurrelmann anrufen oder in seiner Studie blättern. Man wird Muster finden, die einem helfen, die Jugend von heute zu verstehen. Die Studie ist also eine Erklärungshilfe für Erwachsene, die den Draht nach unten verloren haben. Ein Journalist der Frankfurter Rundschau schrieb 2002: "Jugendforschung dient immer der Angstbannung." Indem man bei Jugendlichen nachfrage, was sie dächten, bezwinge man das Unbehagen, „die Heranwachsenden womöglich nicht genügend unter Kontrolle zu haben.“ *** 10. Und weil das Zitat bei keiner amtlichen Betrachtung der Jugend fehlen darf, sei an dieser Stelle Sokrates die Ehre gegeben. Der Philosoph hat vor ungefähr 2400 Jahren angeblich das hier gesagt: Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren die Lehrer. Nun steht in der Shell Studie wirklich kaum Schlechtes. Wenn Erwachsene aber ganz privat und für sich bei einem schlimmeren Urteil landen, kann man ihnen mit diesem Zitat kommen. Es sagt das Immergleiche: Jugend ist immer schwierig und wird trotzdem zur Zukunft. *** 11. Noch ein Vergleich - die Titel der vergangenen drei Studien: "Jugend 2002 – Zwischen pragmatischem Idealismus und robustem Materialismus" "Jugend 2006. 15. Shell Jugendstudie: Eine pragmatische Generation unter Druck" "16. Shell Jugendstudie: Jugend trotzt der Finanz- und Wirtschaftskrise" *** 12. Familienministerin Kristina Köhler hat die Ergebnisse der Befragung am Dienstagmittag in Berlin gemeinsam mit dem deutschen Shell-Chef präsentiert. Am Nachmittag um halb fünf muss sie noch mal reingeblättert haben. Auf Twitter schrieb sie: 73% der Jugendlichen wollen die eigenen Kinder so erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Das hätte man sich '68 nicht träumen lassen :-). Kurz darauf antwortete Priska Hinz von den Grünen auf den Tweet. Und zwar so: @kristinakoehler: Das sind die Kinder der 68er, die mit ihrer Erziehung zufrieden waren :-)

Text: peter-wagner - Fotos: cinematic/photocase.com; Screenshots; oh

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