Petition vs. Playlist

Wie Amnesty International neue Mitglieder gewinnen will
meredith-haaf

Romantisch ist die Beziehung zwischen Pop und Politik nicht gerade. Dafür aber beständig –bei allen Gegensätzen sind sie seit Jahren immer wieder füreinander da. Wo es der guten Sache an Charisma fehlt, springen Popstars mit Sex-Appeal und Sound ein. Und dem oberflächlich-materialistischen Image des Popbetriebs wirkt das politische Engagement eines Künstlers entgegen. Veranstaltungen wie Live8 funktionieren. Robbie Williams mobilisiert eben doch ganz andere Massen als es eine stinknormale Protestkundgebung jemals könnte. Auch die Menschenrechtsorganisation amnesty international (ai) wird seit Jahren von Bands wie The Cure oder Coldplay unterstützt. Ihre Mitgliedszahlen sinken trotzdem, vor allem unter Jugendlichen. Die neue Kampagne „Make Some Noise“ soll das ändern. Drei Top-Massengaranten sind dabei mit im Spiel: Internet, mp3s und John Lennon. „Wir haben gemerkt, dass das Menschenrechtsthema bei jungen Leuten kaum noch wahr genommen wird“, erzählt Nico Glänzel, als externer Berater für den musikalischen Bereich der Kampagne in Deutschland zuständig. „Und wir wollen ja nicht bei den 68ern hängen bleiben.“ Angesichts des Erfolgs von politischen Communities wie etwa indymedia.org drängte sich das Internet als neue Plattform geradezu auf. Dann übergab John Lennons Witwe Yoko Ono der Organisation die Bearbeitungsrechte für dessen Solosongs. Aus der Kombination entstand ein Musicstore für Menschenrechte. Auf der hübschen Internetseite der Kampagne werden jetzt jeden Monat neue Lennon-Coverversionen von The Postal Service, Snow Patrol oder den Black Eyed Peas zum Download zur Verfügung gestellt. Ein Track kostet 99 US Cent, die Einnahmen, etwa für die glamourös herzzerreißende The Cure-Version von „Love“ oder die hübsch minimale Elektronikneuauflage von „Grow old with me“ von The Postal Service, gehen direkt an ai. Wie viele Leute das Angebot bisher wahrgenommen haben, ist noch nicht klar, da die Seite erst diesen Monat online gegangen ist. „Aber in England sind sie von der Anfrage wohl überwältigt“, sagt Glänzel. In Deutschland, wo es besonders wenige junge ai-Mitglieder gibt, soll die Aktion ab Februar mit einer deutschsprachigen Seite an Präsenz gewinnen. Natürlich soll es nicht bei tollen mp3s für den jungen Musikliebhaber bleiben. „Wir wollen vor allem politische Inhalte vermitteln“, betont Glänzel. Wer sich auf der Seite einen Track kauft, kann sich auch an Aktionen beteiligen oder gleich ai-Mitglied werden. „Mit der Zeit wollen wir das Informationsangebot auf der Seite noch ausbauen und dort verstärkt auf Missstände hinweisen“, erklärt Glänzel. Newsletter per E-Mail und SMS sollen die elektronikversessene Zielgruppe die brennenden Themen der Welt nahe bringen. Bereits jetzt wird auf der Seite für die Aktion Waffen unter Kontrolle (mehr Informationen dazu gibt es hier) geworben. Eine Million junge neue Mitglieder weltweit ist das erklärte Ziel der Organisation. Das klingt ehrgeizig und ein bisschen romantisch. Aber wenn man sich überlegt, was Pop und Politik schon alles gemeinsam erreicht haben, ist Romantik vielleicht gar nicht so fehl am Platz.

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