"Pfiffige" ClipArts mit Word und Bilder von Tastaturen

Jedes Kind soll in der Grundschule Programmieren lernen. In Deutschland ist der Informatik-Unterricht an den Schulen noch weit vom Umgang mit Programmiersprachen entfernt.
kathrin-hollmer

Der „Informatik-Unterricht“ bei mir in der zehnten Klasse sah so aus: Am ersten Unterrichtstag stellte sich unser Lehrer neben einen Tageslichtprojektor (!) und zeigte uns Folien mit Fotos von Bildschirmen und Tastaturen. In einer der nächsten Stunden erklärte er, wie man in Word Texte formatiert und ClipArt-Bilder (!) einfügt. Irgendwann haben wir Tabellen mit Excel und „pfiffige“ Effekte mit Powerpoint gebastelt und später sogar gelernt beziehungsweise eher gesehen, wie man – natürlich nur theoretisch! – mit „Frontpage“ (seitdem nie wieder gehört, geschweige denn benutzt) eine Homepage bauen könnte.  

Hätten wir damals problemlos ins Internet gekonnt, hätten wir bestimmt nebenbei auf Facebook gesurft. Konnten wir aber nicht, also mussten wir da durch, auch wenn wir Schüler längst durchschaut hatten, dass der Lehrer am anderen Ende des Klassenzimmers uns nichts Neues erzählen konnte.



Der Buchautor John Naughton hatte in der Schule bestimmt noch keinen Informatik-Unterricht. Vielleicht hat ihm eines seiner Kinder, eine Nichte oder ein Neffe von deren Erfahrungen berichtet, jedenfalls stellte er in der britischen Tageszeitung „The Guardian“ eine visionäre Forderung: Jedes Kind soll in der Schule Programmieren lernen - und zwar wirklich und das schon ab der Grundschule. In der Grundschule? Das würde bedeuten, dass wir viel nachholen müssen, wenn wir in Zukunft mit den Viertklässlern dieser Welt mithalten wollen. Für John Naughton ist das gar nicht so weit hergeholt. Er begründet seine Forderung damit, dass Gaming-Unternehmen mehr Programmierer einstellen wollen, mehr High-Tech-Start-Ups gegründet werden sollen und Praktikanten gesucht werden, die eingebettete Systeme entwickeln können. Ganz nebenbei verlangen Schulleiter immer noch höhere Budgets für noch mehr Computerräume.  

Meine eigene Erfahrung hat gezeigt: Computerräume sorgen noch nicht für einen besseren Umgang mit Computern, geschweige denn für Programmierkenntnisse. Als ich vor acht Jahren in der zehnten Klasse war, habe ich mich gelangweilt. Wie mag das den Zehntklässlern von heute gehen, die im Gegensatz zu mir schon seit der Grundschule  Handys und Laptops benutzen?  

Am Lehrplan hat sich nicht viel geändert. Manche Schulen führen den Informatik-Unterricht zwar schon früher ein, zum Teil schon in der sechsten Klasse. Doch im sogenannten „Informatik-Unterricht“ wird immer noch das Microsoft Office-Paket erklärt oder der Aufbau eines PCs mit Bildchen gezeigt. Immerhin wird an manchen Schulen schon ein bisschen programmiert. „In der siebten Klasse haben wir einen virtuellen Lego-Roboter namens Karol programmiert“, so eine Schülerin von einem Straubinger Gymnasium.  

Dass das Fach Informatik an jeder Schule anders ausgelegt wird, findet Marianne Busch, Diplominformatikerin und Mitarbeiterin am Institut für Informatik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, nicht nachvollziehbar. „Als Informatik wird ja alles verkauft, was mit Computern zu tun hat. Dabei bezeichnet 'Informatik' hauptsächlich das logische Vorgehen, das hinter der Technik steht. Die einfachsten Befehle wie if-Abfragen und Schleifen sollte jeder verstanden haben, darauf basiert alles,“ sagt Marianne Busch. Als sie zur Schule ging, stand Informatik noch nicht im Lehrplan. Sie hat sich in der siebten Klasse mit einem Buch aus der Bibliothek das Programmieren selbst beigebracht und später Informatik studiert.  

Heute kommen Schüler automatisch mit Computern in Kontakt, für John Naughton ist das aber nicht genug. Er fordert, dass Kinder schon in der Grundschule die Möglichkeit haben, „einige der wichtigsten Ideen der Informatik, rechnerisches Denken und Programmieren“ zu lernen. Etwas über Computer zu lernen sei nicht wie Autofahren zu lernen, so sein Argument. Als Autofahrer müsse man nicht über Verbrennungsmotoren Bescheid wissen, für die Funktionsweise von Computern gelte diese Ausrede nicht. Marianne Busch sieht das etwas entspannter: „Die Grundschule ist vielleicht eine Spur zu früh, da sollte man schon erst Lesen und Schreiben lernen. Aber danach sollte Informatik an jeder Schule zum Stundenplan gehören. Natürlich muss nicht jeder ein Profi im Programmieren sein, aber doch die Gelegenheit dazu haben – und wissen, was ein Computer überhaupt kann und was nicht. Wer diese Grundzüge verstanden hat, wird sich in der heutigen Welt besser auskennen.“


Text: kathrin-hollmer - Foto: Fritz / photocase.com

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