Pizza fürs Volk

Um zu erfahren, wie seine Bürger politisch ticken, hat der norwegische Premierminister Stoltenberg einen Tag lang Taxifahrer gespielt. Wir haben uns überlegt, wo wir die deutschen Politiker hinschicken würden.
jetzt-redaktion



Fahrkartenkontrolleur  

Vorteil: Das gemischte Publikum, zumindest in S-Bahnen und Regionalzügen. Hier trifft der Kontrolleur auf Pendler und auf Säufer, auf Schulkinder, die zum Mittagessen nach Hause fahren, und auf alte Ehepaare, die eine Fahrradtour machen wollen, auf Menschen mit viel Geld und kurzen Wegen zur Arbeit und Menschen mit wenig Geld und langen Wegen, die sie sich anders nicht leisten können. Man kann, muss sogar mit ihnen allen in Kontakt treten („Die Fahrkarten bitte!“) und kann sie außerdem im Umgang miteinander beobachten. Vor den Augen des Kontrolleurs breitet sich dadurch ein großes Gesellschafts-Portfolio aus und als Politiker könnte man hier wunderbar verschiedene Zielgruppen erkennen und benennen. 

Nachteil: Dauernd wird man aufgehalten! Die Diskussion mit dem Schwarzfahrer dauert eine halbe Stunde, bis man alle Personalien beieinander hat, an der nächsten Haltestelle muss die Tür kontrolliert werden und dann versperrt ein Junggesellinnenabschied den Gang. Es bleibt also kaum Zeit, sich eingehend mit den Menschen zu beschäftigen, wenn man sie wirklich alle kontrollieren will. Ein bisschen wie in einer Diktatur.  

Das kann man dort lernen: Bei ausgefallener Klimaanlage sind alle gleich. Das lässt sich bestimmt auch irgendwie auf die Politik übertragen.





Amateurschiedsrichter  

Vorteil: Für einen Politiker auf der Suche nach dem Wesen des Deutschen ist das Vereinsgelände einer Fußball-Kreisligamannschaft das Schlaraffenland. Nirgends ist der Deutsche emotionaler als auf dem Fußballplatz. Hier kann man ihm in die Seele blicken, sein wahres Ich in Reinform erleben. Wer etwas Motivation und Ehrgeiz erfahren möchte, braucht nur die Eltern am Spielfeldrand einer C-Jugend-Begegnung zu beobachten. Schlüsse über die Anforderungen an das deutsche Gesundheits- und Rentensystem lassen sich perfekt bei einem Punktspiel der AH-Mannschaft ziehen. Mit dem Platzwart kann man trefflich über Agrarpolitik diskutieren. Und falls noch Fragen offen sind: Am Stammtisch im Vereinsheim wird ohnehin über jedes erdenkliche Thema gestritten.  

Nachteil: Als Schiedsrichter muss man im Minutentakt das tun, was jeder Politiker hasst: unpopuläre Entscheidungen treffen. Noch dazu kann man sie nicht durch komplizierte und ausweichende Satzgebilde schönreden – ein Elfmeterpfiff ist nun mal ein Elfmeterpfiff. So lehrreich der Ausflug auf den Bolzplatz also sein mag, er birgt hohe Risiken für die Popularitätswerte.

Das kann man dort lernen: Gelb-rot: unbeliebte Koalition.  





Mitarbeiter im Baumarkt

Vorteil: Nirgends finden sich mehr Klischees über Deutschland auf so engem Raum. Im Baumarkt kommen sie alle zusammen: Die Häuslebauer und Jägerzaunaufsteller, die Gartentrimmer und Menschen, die einen Hammer kaufen, weil er aus dem Stahl eines Panzers gefertigt wurde („Geboren aus Panzerstahl. Gemacht für die Ewigkeit.“ Untertitel: „Dieser Hammer garantiert Dir das Ansehen und die neidlose Anerkennung eines jeden Heimwerkers.“). Nirgends lassen sich Menschen außerdem optisch so deutsch gehen: Zwischen Bäuchen in kurzen Sporthosen und Tennissocken in Adiletten oder Crocks kann man sich für jeden Campingurlaub abhärten. Über kurz oder lang tritt aber auch die Studenten-WG auf, die kurz vor Auszug noch streichen muss und außerdem noch ein Mittel braucht, das sehr alte Bierreste aus Teppichen entfernt. 

Nachteil: Es ist schwer, hier mit allen Menschen ins Gespräch zu kommen: Nur wer sich wirklich regelmäßig in Baumärkten aufhält, wird die Ruhe zum Dialog haben. Der Gelegenheitsbesucher ist derart überfordert von Produktpalette und Geräuschpegel, dass er selbst die Bundeskanzlerin nicht erkennen würde: „Was kommen Sie mir denn jetzt hier mit Familienpolitik?! Ich suche so ein Nagelrolldings, mit dem man Tapeten perforiert, bevor man den Löser aufträgt!“ Außerdem dominieren freilich Männer.  

Das kann man dort lernen: Frauen in Führungspositionen: noch immer selten.




Pizzabote

Vorteil: Als Pizzabote trifft man die Menschen in entspannter Feierabendstimmung, da ist auch mal Zeit für einen Plausch über Steuerreformen und Streuselkuchen. Wenn dem enttarnten Spitzenpolitiker dann Unmut über die Regierungspolitik entgegenschlägt, kann er die Leute umgehend mit einer Gratis-Flasche Rotwein besänftigen, auch wenn es nur billiger Lambrusco ist. Nicht zu unterschätzen ist auch das europapolitische Signal, wenn ein deutsches Regierungsmitglied in Zeiten der Eurokrise mediterrane Speisen unters Volk bringt. Das ist der Respekt, den Italiener und Griechen von Deutschland so oft vermisst haben. Angela Merkel beispielsweise war ja bisher eher als Liebhaberin von Rouladen und Kartoffelsuppe bekannt. Und da der Bundestag das UN-Abkommen gegen Korruption abgelehnt hat, dürfte unser pizzabringender Politiker vielleicht sogar Trinkgeld annehmen.

Nachteil: Meistens ist es ja so: Der Mensch von der Bestellhotline verspricht, nach zwanzig Minuten sei die Bestellung da, allerhöchstens fünfundzwanzig. Wenn es dann nach einer dreiviertel Stunde an der Tür klingelt und ein Bote mit den inzwischen halb kalten Pizzakartons vor der Tür steht, möchte man nur noch eins: essen, und zwar sofort. Es kann also passieren, dass dem Lieferanten nach Begleichen der Rechnung ziemlich schnell die Türe vor der Nase zugeschlagen wird, Promibonus hin oder her. Brecht hätte es gewusst.

Das kann man dort lernen: Kein Überwachungsprogramm der NSA ist so schlimm wie eine Pizza Salami, wenn man doch Schinken bestellt hat.





Apotheker  

Vorteil: Apotheker sind die Vertrauenslehrer im deutschen Gesundheitssystem. In ihrer Kompetenz sind sie zwar den Ärzten untergeordnet, dafür kann man jederzeit bei ihnen unangekündigt vorbeikommen und über Probleme reden. Egal, ob die sich in Form von roten Quaddeln am Unterschenkel, einer Grippe oder allgemeinem Unwohlsein äußern. Der Bürger hofft hier auf Heilung und aufmunternde Worte, und vertraut sich deshalb gern der verständnisvoll nickenden Person auf der anderen Seite der Theke an. In dieser bittstellerischen Situation glaubt er nicht nur alles, was ihm erzählt wird, sondern gibt auch bereitwillig private Details preis. Neben naheliegenden Zwischenfragen über die Zufriedenheit mit der Krankenkasse und die Erfahrungen mit der Praxisgebühr lassen sich also auch problemlos alle anderen Themenbereiche anschneiden: "Sodbrennen sagen Sie? Könnte auch psychosomatisch sein. Stößt Ihnen vielleicht die geforderte Steuererhöhung der Opposition sauer auf?"  

Nachteil: Hypochonder werden bei ihrem täglichen Apothekenbesuch das Gesprächsangebot mit detaillierten Beschreibungen ihrer Beschwerden derart intensiv nutzen, dass für Unterhaltungen mit den Durchschnitts-Erkälteten und Medikamenten-Abholern kaum noch Zeit bleibt.

Das kann man dort lernen: Wenn man "Damit wird es bald besser!" sagt, schluckt der Kunde beziehungsweise Bürger selbst die bitterste Pille.


Text: jetzt-redaktion - Fotos: dpa

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