Dass das Thema Bildung Martin besonders beschäftigt, erkennt man schnell. Dann werden seine Gebärden impulsiver und seine Mimik energischer. Während seine Hände durch die Luft fliegen, formt er mit dem Mund Worte, die er selbst nicht hört. Seine Kommunikationsassistentin muss ihn mehrmals unterbrechen, weil sie mit dem Dolmetschen nicht hinterherkommt, so schnell gebärdet er. Der 26-Jährige hätte selber gern Abitur gemacht, konnte aber nicht, weil es in Deutschland kaum Schulen gibt, die Taube bilingual, also in Laut- und Gebärdensprache, unterrichten. Das will er ändern. Barrierefreie Bildung steht ganz oben auf seiner politischen Agenda.

Es ist Donnerstag, bis zur Wahl sind es noch vier Tage. Martin ist nervös. Es gibt in Deutschland weder in kommunalen, noch in Landesparlamenten taube Abgeordnete. Martin wäre der erste. Allein im österreichischen, im belgischen und im Europaparlament sitzt jeweils ein tauber Abgeordneter oder eine Abgeordnete.

Heute unterstützt er die Direktkanditin für Berlin-Mitte, Silke Gebel, beim Flyer verteilen. Wenn er den Vorbeigehenden das Wahlprogramm in die Hand drückt, merkt niemand, dass Martin nicht hören kann. Erst wenn Fragen kommen, holt er seine Dolmetscherin dazu. „Die meisten Leute sind dann erstmal überrascht. Aber abwehrend reagiert niemand“, übersetzt sie später im Gespräch für ihn. Als Kandidat für die Bezirksverordnetenversammlung wird er nicht direkt, sondern über die Liste der Partei gewählt. Er steht auf Platz 14. „Das ist schon sehr gut, mehr als ich erwartet hatte. Es könnte aber trotzdem knapp werden.“ 22 Prozent müsste die Partei im Bezirk Mitte holen, damit Martin in die Versammlung kommt. Bisher sagen die Umfragen knapp 20 Prozent voraus.

Am Wahlstand in Mitte verabschiedet sich Silke Gebel. Sie muss zum nächsten Termin. Martin hält sie auf. Wenn sie am Sonntag ins Abgeordnetenhaus gewählt wird, müssten sie sich danach unbedingt mal zusammen setzen, übersetzt ihr Martins Dolmetscherin. Er würde gern die Homepage der Fraktion umgestalten: Mehr Gebärdensprachvideos, mehr vorgelesene Texte für Blinde, und es sollte die Funktion geben, die Schrift zu vergrößern – für Sehbehinderte. Silke findet das eine gute Idee, das solle er beim nächsten Landesvorstand auf die Tagesordnung setzen. Martin nickt zufrieden, Daumen hoch: „Super“.



Martins Kopf ist voll mit Ideen. Die Einbeziehung Behinderter in die Politik steht noch ganz am Anfang, wird aber in den nächsten Jahren wachsen, meint er. Als er vor zwei Jahren zu den Grünen kam, wollte er sich eigentlich nur mal informieren, was die Partei zum Thema Bildungsbenachteiligung von Behinderten zu sagen hat. Viel, aber noch nicht genug, fand er und fuhr zum Bundeskongress der Grünen Jugend. Dort war er nicht der einzige Taube. Es entstand eine kleine Gruppe innerhalb des Parteinachwuchses, die sich nach und nach in die politische Arbeit einbrachte. Martin hat den Arbeitskreis „Sign“ gegründet, der sich an allen Themen der Partei beteiligt. Wenn er heute zu den Treffen der Grünen Jugend geht, hat er meistens einen Kommunikationsassistenten dabei. Aber selbst wenn nicht, klappt der Austausch mit  Händen und Füßen auch ganz gut, sagen seine Parteikollegen.

Auf die Idee, sich um eine Kandidatur für die Bezirksverordnetenversammlung zu bewerben, hat ihn eine hörende Parteikollegin gebracht. „Wenn man was bewegen will, dann braucht man dazu ein Amt und muss Schritt für Schritt nach vorne gehen.“ Martins erster Schritt war die Bewerbung um einen Listenplatz. Dafür musste er ein Motivationsschreiben verfassen und vor der Fraktion eine Rede halten. Es ging um den Abbau von Hindernissen in der Öffentlichkeit. Martin bemängelte die einsprachige Verwaltung und die für Gehörlose oft schwer verständlichen Webseiten des öffentlichen Dienstes. Eine Dolmetscherin hat die Rede übersetzt. Danach wurde er einstimmig für den Listenplatz gewählt. „Was für ein Erfolg“. Martin lächelt. Dass er stolz ist, erkennt man auch ohne seine Hände zu verstehen.

Martin will mit seiner Kandidatur andere Behinderte ermutigen, sich für ihre Rechte einzusetzen. Dass viele das bisher nicht machen, liegt unter anderem an der Bildung, findet er. „Den Meisten fehlt einfach das Selbstbewusstsein. Ihnen muss in der Schule vermittelt werden, dass sie auf ihre Situation aufmerksam machen müssen und sie verändern können, wenn sie das wollen.“ Darauf hat er auch seinen Wahlkampf ausgerichtet. Er hat harte Wochen hinter sich. Er hat das Wahlprogramm der Grünen in Gebärdensprache übersetzt, weil Taube Informationen viel besser aufnehmen können, wenn sie sie in Gebärden sehen, als wenn sie sie lesen. Er hat an Podiumsdiskussionen teilgenommen und in Gehörlosenzentren referiert.

Wenn er in die Bezirksverordnetenversammlung gewählt wird, bräuchte er mindestens zwei Dolmetscher und einen Assistenten. „Hörende können einer Rede folgen und gleichzeitig mitschreiben. Das geht bei mir nicht. Ich muss mich ganz auf den Dolmetscher konzentrieren. Das ist sehr anstrengend“, sagt Martin. Sein Engagement in der BVV wäre ehrenamtlich. Hauptberuflich arbeitet er als Gebärdensprachdozent und in einem Jugendzentrum für Gehörlose.

Seine politische Zukunft? Auf Bundesebene sieht sich Martin erstmal nicht. Weil Bildung im Förderalismus dezentral ist, ist sein vorläufiges Ziel die Landesebene. Da kann er für sein Thema mehr bewegen. 


Text: anne-fromm - Fotos: anne-from