Politik steht ihnen gut

Youtube, das sind Let's-play-Videos, Tutorials und virale Clips. Weit gefehlt! Einige deutsche Youtuber drehen Filme über Pegida, Fremdenhass und Diskriminierung. Sie wollen beweisen: Wir können auch Politik!
kathrin-hollmer

"Ordnung auf meinem Kopf!", ruft Toyah Diebel und sprüht sich die zweite Ladung Haarspray auf ihren Kopf. Sie streicht ihre Haare nach hinten, inzwischen sind sie schon ganz ölig. Ein strenger Zopf bedeute, dass man ordnungsliebend ist, erklärt die junge Moderatorin aus Berlin.

Das ist wichtig für ein "echtes Pegida-Girl". Wie man so eines wird, zeigt sie in ihrem Video: Haare nach hinten, viel Foundation aufs Gesicht, sodass "es langsam schwierig wird, Gefühle zu erkennen", und, das sei "das Tolle am Pegida-Look", "echte Augenbrauen braucht man nicht!"

http://www.youtube.com/watch?v=5Zv-cN9-ea4 Das sagt Toyah einfach so. Rasiert sich die Augenbrauen ab. Und tätowiert sich neue auf. Knapp 300.000 Mal wurde ihr Video in den vergangenen zwei Tagen angeklickt. Toyah reagiert damit auf den Auftritt der Pegida-Sprecherin Kathrin Oertel bei "Günther Jauch" am Sonntag.

Politik? Nur mit Humor

Auf Youtube funktioniert Politik meistens so: über Satire. Sendungen wie die "Heute Show", "Die Anstalt", "Extra3" und "Quer" stellen regelmäßig Videos online, die von Zehntausenden gesehen werden. Seit dieser Woche probieren verschiedene Youtuber andere Herangehensweisen aus: In der Kampagne

- und "Pegida"-Demonstrationen sei es schlimmer geworden, zitiert ihn die Tagesschau, wohl weil viele sich ermutigt fühlen, ihren Hass zu verbreiten. Im Gespräch mit anderen Youtubern hatte er die Idee, das in einer gemeinsamen Aktion zu thematisieren.

Bundestagsreden als abschreckendes Beispiel

Anders als auf Facebook und Twitter ist Youtube bislang fast frei von Politik. Und wenn, dann interessiert sie junge Menschen nicht: Politiker und Parteien posten Reden aus dem Bundestag. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat einen Youtube-Account, ebenso die politischen Satiresendungen.

Für das junge Publikum gab es immer wieder Versuche wie die Youtube-Kanäle

und

Politikern die immer gleich naiven Fragen stellt.

Nicht gegen Islamisierung, sondern gegen den Hass

Nun also #YouGeHa. Eine weitere Abkürzung, aber dieses Mal gegen den richtigen Gegner: den Hass. In allen Facetten und so, dass man gerne rein- und die Videos sogar zu Ende schaut. Die Kampagne ist eine Art Magazin geworden, mit Reportagen, Gesprächen, essayistischen Gedanken, nur noch vielfältiger, weil sich die einzelnen Autoren und Moderatoren nicht auf eine Linie geeinigt haben, sondern jeder in seinem Stil veröffentlicht: mal flapsig, mal ernst, mal albern, mal melancholisch und mal besser und mal schlechter. Da ist zum Beispiel der beeindruckende Beitrag "Meet a Muslim" von der Youtuberin Anna Molly, die bemerkt hatte, dass sie keine Muslime kennt, obwohl sie in Berlin Neukölln lebt. In ihrem Video streift sie durch die Stadt und spricht mit Muslimen über ihr Leben. Sie fragte sie, was sie lieben und was sie hassen, wovon sie träumen und wie wichtig ihnen Religion ist. Und auch, was sie über Pegida, den IS und Charlie Hebdo denken. http://www.youtube.com/watch?v=rfqXV8mrH5s&list=PLD3yyRpAc87toOlvHV9BJHWP9dZnakRFz&index=2 Oder das nachdenklich-philosophische Video "Psychologie der Fremdenfeindlichkeit", in dem der Youtube-User LetsDenk überlegt, wie Fremdenhass entsteht, und warum Pegida ausgerechnet in Dresden so erfolgreich ist.

http://www.youtube.com/watch?v=l0uhgIR0C78  Oder der Beitrag "Der Neue im Dorf", in dem der User dailyknoedel ein Selbstgespräch mit einem Zugezogenen aus Hamburg führt und Fremdenhass entlarvend überspitzt. http://www.youtube.com/watch?v=bYoJDBhgj-4&list=PLD3yyRpAc87toOlvHV9BJHWP9dZnakRFz&index=1 Oder aWish, eine Youtuberin mit russischen Wurzeln, die über den Rassismus spricht, der ihr im Alltag begegnet. http://www.youtube.com/watch?v=6pSHAI-5208&index=2&list=PLD3yyRpAc87toOlvHV9BJHWP9dZnakRFz Vieles ist nicht perfekt. In seinem sonst gut gemachten Faktencheck versucht Mirko Drotschmann als MrWissen2go zu erklären, warum Ausländer nicht, wie von Pegida propagiert, "den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen", weil gesetzlich festlegt ist, dass für eine offene Stelle erst ein geeigneter Deutscher, dann ein EU-Ausländer und dann erst ein Nicht-EU-Ausländer gesucht werden muss. Und sagt dann sehr unglücklich formuliert: "Ein Deutscher muss sich schon ganz schön blöd anstellen, wenn er einen Job nicht bekommt, der ausgeschrieben ist, sondern ein Ausländer ihm den Job wegnimmt." http://youtu.be/sw_ZRJK4PnY?list=PLD3yyRpAc87toOlvHV9BJHWP9dZnakRFz Den Ausrutscher verzeiht man allerdings in der Summe der Beiträge, die allesamt zum Nachdenken und Vorurteile-Hinterfragen anregen. Denn die kurzen Filme schaffen es allesamt, große aktuelle Themen auf Einzelpersonen herunterzubrechen, und das so unterhaltsam wie informativ. Das zeigt, dass Videos und speziell Youtube das ideale Medium für politische Themen wären und dass Politik sehr wohl seinen Platz hat zwischen Schmink-Tutorials und Let’s-play-Videos und nicht nur als Satire junge Menschen anspricht. #YouGeHa zeigt auch, dass es sich lohnt, wenn sich Youtuber zusammentun. So ein Zusammenschluss ist bislang relativ einzigartig. 2013 gab es die Kampagne ", für die 30 Beauty-Youtuberinnen in einem gemeinsamen Video gegen Oberflächlichkeit und Hasskommentare in sozialen Netzwerken ausgesprochen haben. Die Youtuber hinter #YouGeHa erreichen zusammen um die 3,5 Millionen Abonnenten. Das hat ein enormes Potenzial.

Das Konzept von #YouGeHa geht auf

Die politische Diskussion, die #YouGeHa anstoßen will, scheint zu zünden. Unter den Videos sind bislang immerhin meistens um die 150, teilweise mehr als 400 Kommentare, während auf Twitter die Diskussion bislang kaum über das Posten von Videos hinausgeht. Vielleicht liegt der Erfolg der Youtube-Kampagne in der Haltung und Ansprache der Youtuber. Anders als Moderatoren und Politiker begegnen Youtuber ihren Zuschauern auf Augenhöhe. "Die Ansprache bei Youtube ist mehr auf der Ebene eines Kumpels", sagte auch Mirko Drotschmann im Interview mit . Mehr noch, oft sind die Youtuber Vorbilder für die durchschnittlich sehr jungen Nutzer der Video-Plattform. "Im Fernsehen steht der Moderator meistens als Dozent da", so Drotschmann. Schade, dass erst Pegida so ein großes Politik-Projekt auf Youtube angestoßen hat. Die Kampagne ist erst mal nur auf eine Woche befristet. Neue Projekte sind aber schon angedacht. Themen, die mehr hergeben als übernaive Fragen, gibt es genug.

Text: kathrin-hollmer - Cover-Foto: YouTube

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