Praktikum, Yo!

Immer öfter werben Unternehmen mit qualitativ fragwürdigen Rap-Videos um Azubis und Praktikanten. Ein Deutungsversuch des Phänomens Praktikanten-Rap.
stefan-zehentmeier

Andre ist Praktikant bei Edeka. So was sucht man sich natürlich nicht aus, kein Mensch greift nach den Sternen im Einzelhandel. Andre hätte lieber eine Ausbildung zum Tontechniker gemacht. Musik liebt er, aber der Vater hätte ihn am liebsten geohrfeigt für seinen Vorschlag, für eine Ausbildung auch noch Geld auf den Tisch zu legen. Ein handfester Job muss her, einer mit Perspektive, auch wenn die in Andres Seelenleben in ein dunkles Einheitsgrau getönt ist. Dementsprechend ist Andres Motivation, schon morgens im Bus zieht er die Kopfhörer über beide Ohren und flüchtet sich in seine musikalische Parallelwelt, in der der höchstens kleinlaute Praktikant sich als selbstbewusster, echter Mann nimmt, was er möchte –und dabei mit ausgestrecktem Mittelfinger konsequent auf alle gesellschaftlichen Regeln pfeift. Bei Arbeitsantritt – das stechende Neonlicht und den Schlaf vergangener Nacht in den Augen - fällt ihm das nicht mehr ganz so leicht, also lässt er vielleicht noch die Hose ein klein wenig zu tief hängen und besteht weiterhin auf seine heiß geliebten Sneaker.  

Für Frau Mayer, die Praktikanten- und Ausbildungsbetreuerin ist Andre deshalb ein Paradiesvogel – für ihr musikalisches Kreativprojekt jedoch erste Wahl. „Der Andre macht doch so HipHop. Dieses Zeug, wo sich alles reimt, mit dem ‚Yo Yo Yo’ und diesen komischen Handbewegungen“, dazu lässt Frau Mayer beide Arme auf unterschiedlicher Höhe nach vorne schnellen, so als ob sie Karateübungen mache, und lächelt dabei verschmitzt. Zu alt, um die Jugend zu verstehen, ist sie doch nicht. Nebenbei klopft sich Frau Mayer für ihre Bilderbuch-Imagekampagne auf die Schulter. „So cool waren wir noch nie.“ Andre darf man nicht böse sein, auch wenn der musikalische Output dank Frau Mayers Vorschlag auch noch seinen Weg auf die Videoplattform Youtube findet. Er hatte sich gefreut, dass sich seine Kollegen nun auch mal interessiert hatten für seine große Leidenschaft – verstanden hatten sie es schlussendlich aber wieder nicht, lediglich die Arme nach vorne schnellen lassen und ihn auf dem Gang nur noch mit einem spitzen „Yo Yo Yo“ begrüßt.



Und wir? Wir sitzen nun an unseren Computer und zugleich vor dem Scherbenhaufen. Wieso macht jemand so was? Zumindest der konstruierte Fall Andre ist nachvollziehbar. Wenn dann aber die breit grinsenden Sparda-Azubinen drauflosreimen, sich nebst Tippsen-Choreographie auch noch in Feenkostüme zwängen, mit dem Bauspar-Fuchs tanzen und dabei immer wieder betonen, „parallel dazu“ auch noch Psychologe für gescheiterte Finanzexistenzen zu sein, dann ist der Bogen überspannt.



Nun rappen also Bankkauffrauen in Spe Verstärkung herbei und der entspannte Student von nebenan redet sich sprechgesangsgewaltig seinen Einstieg in die Anzugträgerwelt schön. Das Gefühl drängt sich auf, dass es sich hierbei um einen Kreativitätshilfeschrei handelt, für den man verzweifelt sogar Feenkostüme und uniweite Sozialächtung in Kauf nimmt. Oder mit dem man sich seinen langweiligen Job in letzter Sekunde vielleicht doch noch schön rappt? Ein bisschen frech und rebellisch, wie sich das Frau Mayer und der Projektteamleiter von BMW das so vorgestellt hatten und zugleich so unternehmenskonform, dass sich einem die Zehennägel kräuseln. Hätte man Andre nach seiner wahren Meinung zu seinem Praktikum gefragt, wäre wohl kaum marketingträchtiges Material dabei herausgekommen. Ein wenig „Yo Yo Yo“-Plattitüde, die entsprechenden Handbewegungen und Schüttelreime à la „Hör mir mal gut zu, dann lass ich dich in Ruh“ sollten dann doch reichen, dass man sich bei Edeka, BMW und der Sparda Bank auf die Schultern klopfen kann: Unser Team, das ist schon ein verdammt kreativer Haufen.  

Fragt man sich nun, wie das denn nun zusammen passt, die Musik der Straße und die Schalterhallen der Sparda Bank, so kann man nur zu einem Schluss kommen: Gar nicht. Rap ist hier einfach Mittel zum Zweck, um viel Text in einen drei-Minuten-Song zu packen und dabei auch noch ein bisschen frech und vielleicht „cool“ zu wirken. Das war zumindest die ursprüngliche Intention, leider hatte man dabei nur aus den Augen verloren, wie weit man sich vom ursprünglich doch relativ „coolen“ Entwurf entfernt hat.  

Und auch wenn es sich bei der Flut an schon beinahe monatlich auftauchenden „Praktikumsraps“ beinahe so anfühlt – ein neues Phänomen ist dieses Spartenprodukt bei Leibe nicht: reichlich unreflektierte Fremdschamprojekte gab und gibt es im HipHop schon immer zu genüge.


Text: stefan-zehentmeier - Foto: Screenshot

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