Produkt-Biografie: Meine Abos

Zu einer Biografie gehören nicht nur Schulabschlüsse und Wohnorte, sondern auch die Produkte, Frisuren und Moden. Heute Dominik und seine Abos
dominik-schottner

Bimbo Erste Klasse: Wir konnten kaum lesen. „A-P-F-E-L.“ – „Toll, Markus, und jetzt nochmal!“ Dankenswerterweise sah der Lehrplan neben der Erlernung basaler Lese- und Rechenfähigkeiten auch andere spannende Aufgaben vor, zum Beispiel die schnellst- und brutalstmögliche Einführung in den Konsumismus. Dieser kam in Form einer recht dicken Frau, die das nur allzu verständliche Ansinnen hatte, uns Zeitschriftenabos anzudrehen. Die Zeitschriften trugen illustre Titel wie Bimbo, Tierfreund oder Stafette. Doch die künstliche Erregung von heute ist nur die Enttäuschung über das Angeschmiertwerden von damals. Alle in der 1b bestellten erst Bimbo, dann Tierfreund und später Stafette. Ungeklärt bleibt bis heute die Frage: Durften wir mit sechs Jahren überhaupt schon Abos abschließen?


Newsweek Die Zeit nach Bimbo war eine goldene, weil zeitschriftenabofrei. Dachten wir und hatten die Rechnung ohne den Lehrer im Englisch-Leistungskurs gemacht. Einem nicht näher ausgeführten Naturgesetz folgend abonnierten wieder alle das gleiche Magazin, „ist ja auch viel günstiger, so in der Gruppe“. Diesmal am Start: Newsweek. Dass Newsweek nicht gerade die Speerspitze des Liberalismus in den USA war: egal. Dass es trotz Gruppenrabatt immer noch sauteuer war: egal. Dass es keine allzu glaubwürdige, wissenschaftliche Quelle war: egal. Ich weidete es schamlos für meine Facharbeit aus, räumte die Höchstpunktzahl ab und sagte, Experte, der ich durch die Newsweek-Lektüre geworden war, einen Sieg G.W. Bushs gegen Al Gore voraus: „Aber, wird ganz knapp!“


Tageszeitung Es soll Leute geben, die sich durch Probeabos von ohnehin schon dahinsiechenden Tageszeitungen durchschnorren. Zeitungspromiskuität nenne ich das: Einmal stehen sie mit der Welt auf, dann mit der FAZ, irgendwann noch mit dem Neuen Deutschland. Nichts für mich, kann ja nicht dauernd verfolgen, wann die Widerrufsfristen ablaufen. Also, erste Amtshandlung als Student in einer neuen Stadt: Zeitung aus der alten Stadt abonnieren. Höh, da fehlt ja der Bayern-Teil, der München-Teil und der tolle Landkreis-Teil! Das soll so sein, erklärt man mir an der Hotline, die ich zukünftig öfter anrufe, irgendwas läuft immer falsch. Mittlerweile kann ich meine Abo-Nummer auswendig.


MountainBike Vor fünf Jahren beschloss ich, etwas gegen meine Fußballerwaden zu tun und kaufte mir ein Mountainbike. Tatsächlich nahmen meine Waden zeitnah die gewünschte Form an, die man ohne Übertreibung als lancearmstrong bezeichnen kann. Was ich nicht bedacht hatte: So ein Fahrrad will auch mit Würde und Stil gefahren werden. Ich kaufte mir also die Instyle des Fahrradsektors, die MountainBike. Volontär Michael gab darin wertvolle Tipps, wie ich das Spiel im Vorbau loswerden kann, sein Kollege Martin cruiste total entspannt auf Mallorca herum, um mir dabei seine Beine zu präsentieren, die in schicken 150-Euro-Shorts steckten. All das wollte ich haben und abonnierte, Tacho gab’s für lau obendrauf, alles richtig gemacht. Vier Jahre ging das gut, dann wurde das große Spritzen bei der Tour de France publik und ich musste mir von Freunden gehässige Fragen anhören, die meine Integrität als Mountainbiker hart angingen. Unter Verweis auf Lance und Ulle und wie sie alle heißen kündigte ich das Abo. Heute spiele ich wieder Fußball.


Verbandszeitschriften Mehrmals im Monat kracht es in meiner Altpapierkiste infernalisch laut. Seltsamerweise immer an jenen Tagen, an denen in der Post die Magazine der Verbände und Vereine liegen, bei denen ich aus Lebenserhaltungs-, Informationsfreiheits- und anderen leicht nachvollziehbaren Gründen Mitglied bin: Journalistenverband, ADAC, Krankenkasse, Sportverein, sowas. Die einzigen Abos, die nicht so heißen, keinen erkennbaren Zweck erfüllen und meistens einfach auslaufen, wenn ich nicht mehr zahle.

Text: dominik-schottner - Illustration: Katharina Bitzl

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