Produkt-Biografie: Meine Fernseher

Zu einer Biografie gehören nicht nur Schulabschlüsse und Wohnorte, sondern auch die Produkte, Frisuren und Moden. Heute Philipp und seine Fernseher
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Restriktiver Konsum Ich wuchs in einem fernsehfeindlichen Haushalt auf. Mein Vater wollte das Ding am liebsten rausschmeißen und nur dem Veto meiner Mutter verdanke ich erste Erfahrungen mit der Flimmerkiste. Trotzdem unterlagen der Fernsehkonsum meines Bruders und mir strengen Restriktionen: Schauen durften wir eine halbe Stunde am Tag das ORF-Kinderprogramm (Vicky, Babapapas, Sindbad etc.) auf einer alten Kiste, die in unserem Wohnzimmer stand. Heimlich hätten wir schon gerne geschaut, nur fällt meine Kindheit in die graue Vorzeit, in der das Privatfernsehen noch nicht existierte. Es kam nichts.


Das Fenster zur Welt Ich war 13 Jahre alt, als ein neues Zeitalter begann. Zumindest empfand ich meinen ersten eigenen Fernseher als revolutionären Schritt in die Autonomie. Tag für Tag tauchte ich ein in die bunte, wirre, aber doch immer aufregende Welt des noch blutjungen Privatfernsehens. Zufällig fielen die sexuellen Entgleisungen von RTL und SAT1 mit dem Beginn meiner Pubertät zusammen: Nachts flimmerten Oswald Kolle, Emanuelle und auch Hugo Egon Balder über den kleinen grauen Kasten. Oh, Fernseher, du Fenster zur Welt.


Neue Freiheit Karl war mein Mitbewohner und Praktikant bei einem dubiosen Fernsehproduzenten. Geld hatte der keines, dafür einen Keller, den Karl und sein Kollege entrümpeln durften. Der Lohn waren zwei überdimensionale, schwarze Fernseher, deren gefühltes Gewicht bei einer halben Tonne lag. Wir stellten die Geräte in unsere 12-Quadrameter-Zimmer, wo sie sämtliche Aufmersamkeit absorbierten. Am Ende des Jahres wurden wir von einer horrenden Stromrechnung überrascht. Ich war vom Land in die Stadt gezogen und damit in die Welt des Kabelfernsehens. Die Programmanzahl wuchs in schier Unermessliche. Allerdings überlebte das schwarze Loch den nächsten Umzug nicht. Er fiel herunter.


Zurück zu den Wurzeln Ich glaube, die Zwischenprüfung war schuld. Auf jeden Fall erfasste mich mit Anfang 20 ein puristischer Wahn. Friede den Büchern, Krieg den Fernsehern! Ab jetzt wurde keine Zeit mehr sinnlos verglotzt, ab jetzt sollten Bücher gelesen werden. Kant statt Dschungelcamp und Heidegger statt MTV. Ich sagte damals oft diesen Satz, den man von typischen Fernsehverweigerern die ganze Zeit zu hören bekommt, und in dem eine beträchtliche Portion Autosuggestion mitschwingt: „Mir geht er überhaupt nicht ab.“ Das war aber nicht ganz die Wahrheit; der Fernseher fehlte mir am Tatort, zum Einschlafen, zum Harald Schmidt etc.


Digitales Maß Die GEZ und ich haben viel zusammen erlebt. Wir haben jahrelang gekämpft, uns gehasst und beschimpft, und am Ende einen kafkaesken Kompromiss zu geschlossen. Doch das ist eine andere Geschichte, über die ich hier weder schreiben kann noch möchte. Deswegen halte ich es allgemein: Immer mehr Menschen schauen jetzt fern im Internet. Da gibt es fast alles.

Text: philipp-mattheis - Illustration: Katharina Bitzl

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