Produkt-Biografie: Meine Schuhe

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Meine Babyschuhe Es gibt in deutschen Haushalten noch ein Geheimnis, trotz Super Nanny: das des Babyschuhs. Babys können nicht laufen. Babys können auch keine Schleifen binden, Babys können eigentlich ziemlich lange ziemlich wenig und vor allem: Babys brauchen vieles, aber am wenigsten Schuhe. Trotzdem stehen in neun von zehn deutschen Haushalten gut sichtbar in Regalen oder Vitrinen Babyschuhe, daneben das unsichtbare Hinweisschild: „Die ersten Schuhe von Petra. 3.7.1984“. Auch bei meinen Eltern. Modell „Robust“, mit Gummisohle, sehr früher 80er-Jahre-Schick, wahrscheinlich ungetragen, aber beschwert mit Erinnerungen. Wann immer es gefühlig wird im Mutter-Sohn-Gespräch, wird mir der Schuh präsentiert. „Kannst dir noch Zeit lassen“, heißt es dann.


Meine Hausschuhe Hausschuhe waren nie da. In der Grundschule spielte ich mit meinen Jungs Fußball mit den rosa Schläppchen der Mädchen. Im Gymnasium gab es die Hausschuhpflicht dann schon nicht mehr. Und in meiner ersten WG wurde der obligatorische Ost-Hausschuhzwang nach langen Diskussionen, zu meiner Freude, aufgehoben. Neulich aber gab es bei einem Kaffeeröster diese schönen grauen, warmen Filzhüttenschuhe mit rotem Kreuz. Ich konnte einfach nicht widerstehen. Hausschuhe sind wieder da.


Meine Fußballschuhe Ich bin noch lange keine 30, aber wenn ich über Fußballschuhe spreche, und wann tut man das mal nicht?, dann beschwert sich meine Stimme automatisch mit einer Wehmut, die mir selbst unheimlich und auch ein bisschen peinlich ist. „Hast Du auch den Copa Mundial, den schlichten schwarzen mit der weißen Sohle gehabt?“, frage ich. Und mein Mitspieler antwortet, nöö, aber den World Cup, einen Stollenschuh, den habe er gern gemocht, mit angespitzten 22er-Alustollen, damit habe es sich die Gegenspieler gar wunderbar von den Kreisklassebeinen holen lassen. Ja, sage ich dann, aber weißt Du noch, in der F-Jugend, der „Laudrup“ von Patrick, das war doch wirklich, also das war ja noch ein Fußballschuh, der den Namen verdient hat: „Nicht wie heute, diese neumodischen weißen Dinger, die der Podolski trägt! Ballettschuhe!“ Wie gesagt: keine 30 Jahre alt, ich.


Meine Anzugschuhe Mei, als Katholik hat man mindestens vier Anlässe, wegen derer man sich sogenannte „feine Schuhe“ zulegen kann, alternativ auch „Anzugschuhe“ genannt: Kommunion, Firmung, Hochzeit, Beerdigung. Zur Jeans getragen sehen diese Schuhe meistens grässlich aus, nur Studienräte und ein paar Journalisten sind da anderer Meinung, wahrscheinlich ist ein jeder von ihnen Protestant. Seit Jahren werden feine Anzugschuhe zudem immer spitzer und teurer, wogegen ich mich erfolgreich mit dem Knallerspruch „Ich habe keinen Waffenschein“ und dem Hinweis auf meine Plattfüße wehre. Dazu trage ich meine 10 Jahren alten Budapester und ein neckisches Einstecktüchlein. Man kann schließlich nie früh genug mit den Vorbereitungen auf das fünfte Sakrament beginnen.


Meine Sneaker Endlich! Lebensnaher Journalismus! Verwurstung des Haus- und Hofschuhs der heutigen Jugend, des Sneakers! Tusch! Natürlich besitze auch ich den S. in sämtlichen Varianten: mit Geruch und ohne, aus Leinen, aus Plastik, Wildleder und Glattleder sowie aus, äh, anderem Stoff. Meine neueste Errungenschaft indes sieht den sog. Anzugschuhen frappierend ähnlich: ein aus schwarzem Leder hergestellter, halbhoher, länglicher Treter mit einem türkisen Punkt auf dem Rist, den mir eine nette junge Dame neulich ans Herz legte: „Die sind cool“, behauptete sie und hatte Recht. Wie so oft bei meinen Lieblingssneakern, ziehe ich die Botten seitdem nur zum Schlafen aus.

Text: dominik-schottner - Illustration: Christian Fuchsberger

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