Produktbiografie: Dinge, die ich nie besaß

Zu einer Biografie gehören nicht nur Schulabschlüsse und Wohnorte, sondern auch die Produkte, Frisuren und Moden. Oder eben Dinge, die man eigentlich immer wollte und doch nie hatte
xifan-yang

1. Fernseher im Kinderzimmer

Zigtausende von Waldorf-Schülern können vermutlich ein Lied davon singen. Ich war zwar auf keiner, aber auch bei mir daheim stand nie zur Diskussion, dass jemals ein Fernseher mein Zimmer betreten würde. Die heimischen vier Wände erklärte ich daraufhin zum Ort der Fremdbestimmung, den einzigen Fernseher im Haus zu einem Tor zur Freiheit – ein Guckloch im Wohnzimmer, das in eine unbekannte, weite Welten hinausführt. Die einzige Welt aber, die ich davon zu sehen bekam, war die „Wunderwelt der Tiere“ im Ersten. So blieb nur die Hoffnung, dass meine Eltern eine halbe Stunde länger beim Einkaufen brauchen würden. Und, dass meine Mutter bei der Heimkehr ihre Hände nicht auf das noch warme Gerät legen würde. Sie guckte mich dann nämlich immer mit diesem Blick an, halb mahnendend und halb enttäuscht.


2. Buffalos

Obwohl die Marke ja inzwischen einigermaßen vertretbare Modelle auf dem Schuhmarkt feilbietet, erinnern sich all jene, die Ende der 90er die Vorpubertät durchlitten, beim Namen Buffalo vor allem an ein dunkles Kapitel in der eigenen Schuhbiografie. Auf dem Pausenhof tauschte man sich fachkundig über die verschiedenen Farbausführungen des Tribalreliefs in der Plateausohle aus und es gab kaum ein cooles Mädchen, das diese Betontreter nicht trug. Buffalos waren die passenden Schuhe zu „Girl Power“. Demonstrierten Ginger Spice und Sporty Spice in Musikvideos ihre irgendwie geartete feministische Energy anhand frecher Kungfu-Kicks, durften Furcht einflößende Schuhe dazu natürlich nicht fehlen. Wahrscheinlich hat jede Zeit die Schuhe, die sie verdient. Zum Glück fehlten mir damals die 250 Mark.


3. Plattenspieler

In der Mittelstufe fing ich damit an, auf Flohmärkten alte Platten von den Pet Shop Boys und Prefab Sprout zu kaufen. Hauptsächlich, weil ich es prinzipiell sehr cool fand, wenn man in Filmen irgendwelche Wohnungen sah, die bis zur Decke mit Vinyl-Gerümpel zugestellt waren. Eine richtige Sammlung mit richtigen Schallplatten, so dachte ich, das bezeuge bestimmt ein ernsthaftes Interesse an Musik, nein, ein todernstes sogar. Gleichzeitig begann ich damit, all meine CDs auf eine Festplatte zu digitalisieren. Musik hörte ich von da an ausschließlich über blecherne Computerboxen und dabei blieb es auch. Die Schallplatten besitze ich heute noch, und immer noch keinen Plattenspieler. Die Plattencover taugen aber nach wie vor gut als Wanddekoration.


4. iPhone

„ Da, ein iPhone!“ tuschele ich seit mehr als einem Jahr jedem Begleiter ins Ohr, sobald irgendein Sitznachbar eines dieser Zauberdinger aus der Hosentasche zieht und den Zeigefinger, wichtige Zaubersachen verrichtend, über den Touchscreen fliegen lässt. Das ist nur ein Telefon, versuche ich mir dann einzureden, aber das stimmt natürlich nicht, auf welchem normalen Telefon kann man schon Flöte spielen? Als ich mir vor Jahren meinen allerersten iPod kaufte, fühlte ich mich stolz und glücklich, als wäre ich Indiana Jones mit dem heiligen Gral in der Hand. Auch jetzt erzählen einem alle, dass ein iPhone das Leben verändert. Meins nicht, solange ich an einen Knebelvertrag gefesselt bin. Gestern habe ich in der Tram erst einen ungewaschenen Wursthaar-Träger und dann einen Dreikäsehoch mit einem gesehen. Mein erster Gedanke: Mist, selbst die haben jetzt ein iPhone.


5. Führerschein

Mich haben Autos einfach nie interessiert. Während alle anderen neben der Schule auf den Führerschein sparten, verprasste ich meinen Nebenjobverdienst lieber für Konzertkarten, Pizzabringdienst oder ein paar neue Schuhe. Als die ersten sich ein eigenes Auto zulegten, sagte ich ihnen, sie würden in der Stadt sowieso nie einen Parkplatz finden. Das ging lange gut - bis irgendwann keiner mehr Lust hatte, meine Umzugskisten herumzufahren. Seit ein paar Wochen arbeite ich daran, denn ich möchte mich zu einem vollwertigen erwachsenen Menschen entwickeln. Und nicht mehr angeschaut werden wie jemand, der sich seine Schuhe nicht selbst zubinden kann. Mein Freundeskreis unterstützt mich dabei sehr. Als ich ihnen von der ersten Theoriestunde erzählte, hat mir einer sogar eine Schultüte gekauft.

Text: xifan-yang - Illustration: Dominik Pain

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