Produktbiografie: Julianes Tattoos

Zu einer Biografie gehören nicht nur Schulabschlüsse und Wohnorte, sondern auch die Produkte, Frisuren und Moden. Heute Juliane und ihre Tattoos.
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1. Tattoo-Sticker: Klebe-Blümchen, die nicht klebten Weder Farbe noch Nadel noch Schmerzen, dafür hielten sie höchstens drei Tage: Meine ersten Tattoos waren bloß Haut-Sticker. Den Jugendzeitschriften meines Vertrauens lagen damals Klebetattoo-Bögen mit Kreuzen oder chinesischen Schriftzeichen als Extra bei. Motiv ausgeschnitten, Klebefolie ab, mit Wasser angefeuchtet, auf den Oberarm gepappt: Ich war tätowiert! Mein Lieblingstattoo: die bunten Aufklebe-Blüten aus einer Special-Edition der Maxi-CD „Verrückte Jungs“ von Blümchen. Ich habe die Single damals wegen der Tattoos gekauft und hob mir die Blümchen-Sticker für einen besonderen Anlass auf. Doch als dann bald eine der ersten Flaschendreh-Parties kam, klebten sie leider nicht richtig.


2. An die Kette gelegt: Das Tattoo-Halsband Die Plastik-Kette im Tribal-Look klebte ein paar Monate lang an fast jedem Mädchenhals. Also auch an meinem. Die Tattoo-Kette passte so gar nicht zu meinem ansonsten hippiesken Blumenmädchen-Look in dieser Zeit. Sie gehört für mich in eine Reihe mit dem buddhistischen Perlenarmband ein wenig später und der Troll-Kette zu Kindergartenzeiten – Schmucktrends, bei denen ich mir heute aus ästhetischer Perspektive nicht mehr erklären kann, warum ich sie mitgemacht habe. Als ich vor drei Jahren mit meiner damaligen WG eine 90er-Party feierte, hielt ich die Zeit für ein Comeback des Tattoo-Halsbandes gekommen. Ich musste aber feststellen, dass ich die Kette irgendwann wohl aus meinem Schmuckkästchen verbannt hatte.


3. Henna-Hände: Mendhis Ich habe die Theorie, dass so ziemlich jeder eine esoterische Phase in seinem Leben hat und dann wahlweise an die Macht der Kristalle, Eneagramme oder Tarotkarten glaubt. Wenn man Glück hat, ist der Eso-Trip kurz und fällt in einen Lebensabschnitt, in dem man sowieso für nicht ganz zurechnungsfähig gehalten wird. Zum Beispiel mitten in die Pubertät. Zusammen mit meiner damals besten Freundin war ich der Astrologie und Feng Shui verfallen. Wir berechneten Aszendenten, orakelten, was es mit dem Saturn im dritten Haus auf sich haben könnte und stellten unsere Möbel so um, dass das Chi besser durch unsere Zimmer fließen konnte. Passend zu unserer spirituellen Grundstimmung waren unsere rotbraun gemusterten Hände – selbst gemachte Mendhis. Ich besaß damals ein Set aus Buch und Henna-Paste, mit dem wir uns gegenseitig die Tattoos auf den Körper malten. Die Henna-Paste musste ganz schön lange trocknen. Im Buch stand deswegen ein Hinweis: „Wenn Sie sich die Fußsohlen färben wollen, denken Sie daran, vorher nochmal auf Toilette zu gehen.“


4. Ed Hardy oder das ungewollte Tattoo Lieber Freund, ich weiß, du hast es gut gemeint. Du dachtest wohl, du machst mir eine Freude. Wobei ich nicht glaube, dass du viel gedacht hast, damals, als du mir das Ed-Hardy-Shirt schenktest. Und hingeguckt hast du wohl auch nicht so genau. Oder gefällt etwa dir der Tattoo-Print? Herz und Totenkopf und der Schriftzug „Love kills slowly“ – findest du das geschmackvoll? Mal ganz davon abgesehen, dass es fast noch stigmatisierender als ein Arschgeweih ist, mit diesem Shirt gesehen zu werden. War dir das etwa nicht klar? Ich habe es deswegen bei Ebay verkauft. Sei mir bitte nicht böse. Sei mir lieber dankbar, dass ich deine Identität hier nicht preisgebe. Ich mag dich trotzdem noch. Deine Juliane


5. Es wird ernst: die echte Tätowierung Eines Tages, irgendwann. Sobald ich mich endlich traue. All die Jahre mit den Fake-Tattoos begleitet mich der Wunsch schon, mir was Bleibendes unter die Haut zu stechen. Die Motivfrage ist bloß noch immer ungeklärt. Namen sind problematisch. Sterne gibt’s mir inzwischen ein paar zu viele auf den Unterarmen, Fesseln und Nacken meines Bekanntenkreises. ASCII-Art ist auch nicht so mein Fall, egal wie nativ digital ich bin. Und natürlich schwirrt mir die Idee im Kopf herum, dass es individuell und bedeutungsschwanger sein muss, aber auf die subtile Art. Wahrscheinlich ein bisschen viel Erwartung für ein wenig Körperbemalung. Ich freue mich schon darauf, später eine coole tätowierte Omi zu sein, die ihren Enkeln die Geschichte hinter der von der Zeit und erschlafftem Gewebe mitgenommenen Tätowierung zu erzählen. Nur werden im Altersheim anno 2070 verblichene Tattoos wohl so gewöhnlich wie heute Ohrlöcher sein. PS: Bis es soweit ist, bin ich noch auf der Suche nach einem Klebe-Tattoo, Modell Arschgeweih, um mal die Toleranz meines sozialen Umfeldes zu testen. Freue mich über sachdienliche Hinweise!

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