Produktbiografie: Lisas Schreibtische

Zu einer Biografie gehören nicht nur Schulabschlüsse und Wohnorte, sondern auch die Produkte, Frisuren und Moden. Heute Lisa und ihre Schreibtische
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Der Kindertisch Er war klein, ich war klein und wir hatten viel Spaß miteinander. Wenn ich mit meinen Wachsmalstiften über Ziel und Papier hinausschoss oder Bummi-Heft-Aufkleber auf ihm verteilte, war er mir nicht böse. Er war mein Haus, mein Garten, mein Auto – und absolut standhaft, wenn es darum ging, Piratenangriffe abzuwehren. Wir waren ein Herz und eine Seele. Dennoch lagen uns, wie so vielen Beziehungen, die Umstände im Weg, denn ich sollte bald in die Schule kommen. Unsere Tage waren gezählt.


Der erste Schreibtisch Ich hatte ein bisschen Angst vor ihm, wie er da so stand – frisch und neu, die Platte war zwar nicht kipp- aber höhenverstellbar mit rot lackierten Beinen und einer Stift-Ablage-Delle. Dennoch: Er sah nach Arbeit aus. Da saß ich also, übte Schönschrift, rechnete mir einen Wolf, wuchs weiter und er wuchs unweigerlich mit. Dennoch schafften wir es in all den Jahren einfach nicht, ein inniges Verhältnis zueinander aufzubauen. Meine Brieffreundschaftsbriefe pflegte ich weiterhin auf dem Boden zu schreiben.


Der Restposten Die Grundschule lag längst hinter mir, als ich mich plötzlich an diesem neuen, aus einem Erwachsenen-Büro ausrangierten, schwarzen Monstrum wiederfand und dachte, das mit dem Erwachsenwerden könne ja gar nicht mehr so weit sein, wenn man nun schon eine Schreibtischplatte hat, die um die Ecke geht. Letztendlich sah man von dem Schwarz und der Ecke nicht mehr wirklich viel. Sowas wie Hausaufgaben oder lernen machte ich immer im Bett. Auf dem riesigen Tisch war nämlich kein Platz. Dort lag, äh, Zeug.


Der Sekretär Mit dem Alter verändert sich der Geschmack und nach der Schule dachte ich, etwas Gediegeneres müsse her. Also auf den Flomarkt und einen Sekretär gekauft. Das große, schwarze Ding flog raus – dafür kam das kleine, braune Ding. Problem: Kein Platz für Rechner, Stifte, ausgestreckte Beine, Bücher, Ordner oder Krimskrams. Die Konsequenz: Gearbeitet wurde wieder im Bett. Und das Ding stand da rum und guckte mir zu. Wenigstens sah es dabei niedlich aus.


Der Bürotisch Die Tische kommen und gehen mit den Herausforderungen. Momentan befinde ich mich in der Büro-Etappe. Die Sache mit dem Schreibtisch zuhause habe ich aufgegeben und sitze nun in einem Gemeinschaftsbüro an einem riesigen Tisch aus der Fundgrube des Möbelhauses unseres Vertrauens. Und siehe da: Ich arbeite. Zweckbeziehungen funktionieren mitunter doch, solange jeder seine Privatsphäre behalten darf. Funktioniert beim Bürotisch und mir formidabel. Solange er sich nicht beschwert, wenn ich nach Feierabend zu meinen Liebhabern Bett und Sofa fahre.

Text: lisa-rank - Illustrationen: Katharina Bitzl

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