Produktbiografie: Meine Bücher

Zu einer Biografie gehören nicht nur Schulabschlüsse und Wohnorte, sondern auch die Produkte, Frisuren und Moden. Heute Philipp und seine Bücher
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Prolog: Die Geschichte beginnt in Entenhausen mit einem Lustigen Taschenbuch. Derer besaß ich am Ende 67 – darunter auch das allererste „Der Kolumbusfalter“ (allerdings nicht in Erstauflage). Meine gesamte LTB-Bibliothek verkaufte ich im Alter von zehn auf dem Flohmarkt des Grundschulsommerfests für insgesamt 84 Mark.

1. Die „Der“-Bücher In „Der-Büchern“ geht es immer um große Taten, Abenteuer, Gewalt und geheimnisvolle Frauen. Das „Der-Buch“ schlechthin ist „Der Medicus“ von Noah Gordon – ein opulentes, historisches Machwerk, dessen Geschichte um einen jungen englischen Arzt im Mittelalter kreist. Der Medicus reist von England ins Morgenland, trifft dort auf den berühmten Heiler Ibn Sina und wird angesichts der hoch entwickelten islamischen Kultur zum mittelalterlichen Multikulti-Anhänger. Nebenbei verliebt er sich auch noch ein bisschen und hat – Sex! Die Akte werden jeweils auf mehreren Seiten detailliert geschildert und übten für einen damals Zwölfjährigen eine große Faszination aus. „Der Medicus“ erschien erstmal 1987, in Deutschland verkaufte er sich bis heute sechs Millionen Mal. Es folgten Romane nach demselben Strickmuster: „Der Assyrer“, „Der Azteke“, „Der Schamane“ aber auch „Die Säulen der Erde“ und „Die Nebel von Avalon“.


2. Von Säufern bis Buddha: Bukowski und Hesse Ich war 17, als ich zum ersten Mal ein Buch von Charles Bukowski in die Finger bekam, und Alkohol umwehte in diesem Alter noch ein revolutionärer Hauch. Möglich, dass es „Faktotum“ war, aber das ist auch nicht wichtig. Denn Bukowski lässt sich ganz gut mit dem Satz „Kennst du eines, kennst du alle“ umfassen. Jedes seiner Bücher dreht sich um Trinken, Sex, Kater, Trinken, Pferdewetten und Trinken. Ein befreundeter Punk empfahl es mir, als handele es sich um eine gefährliche, illegale Droge. Und tatsächlich las ich monatelang nichts anderes als Bücher des notorischen Trinkers Hank. Bis mir irgendwann auffiel: Biertrinken ist gar nicht soo rebellisch. Darüber schreiben auch nicht. Die Bukowski-Phase ging nahtlos in die Hermann-Hesse-Phase über. Auf den ersten Blick trennen die amerikanischen Säufer polnischer Herkunft und den sensiblen, introvertierten Schwaben Welten. Doch die rauschhafte Identitätsfindung des Steppenwolfs reihte sich leicht an die Saufgelage Bukowskis an und von dort aus gelangte ich relativ schnell zu „Siddharta“. Letzteres war eines der wenigen Bücher, die ich mehrmals las und danach ernsthaft eine Karriere als Bettelmönch in Erwägung zog. Aber zunächst musste ich Zivildienst machen.


3. Gewaltmarsch durch die Weltliteratur: Dostojewski, Goethe und Flaubert Heute habe ich ernsthafte Probleme, Bücher zu lesen, die eine Seitenzahl von 180 überschreiten. Das war damals mit 19 noch anders: Mittlerweile glaube ich, dass man sich nie wieder so schlau fühlt wie kurz nach dem Abitur. Jugendliche Selbstüberschätzung trifft auf 1848-Revolution, Mitrochondien und y-Assymptote. Um mein G’scheidhaferl-Dasein weiterauszubauen, schreckte ich nicht vor Gewaltleseräuschen zurück: Ich las von Dostojewski „Die Dämonen“, „Verbrechen und Strafe“ und „Die Brüder Karamasow“, von Leo Tolstoi „Krieg und Frieden“, von Flaubert „Madame Bovary“, Goethes „Faust I“ und „II“ und sogar von von Grimmelshausen „Der abenteuerliche Simplicissimus“. Das geschah weniger aus echtem Interesse als aus einer Art Bildungspflichtgefühl heraus. Ach ja – und ich hatte sehr viel Zeit während des Zivildiensts. Im Nachhinein stellt sich ein gewisses Stolzgefühl ein, wenn man bei dem Wort „Großinquisitor“ wissend nickend kann. Allerdings hoffe ich dann insgeheim, dass keine weiteren Nachfragen zu Dostojewski folgen. Denn mittlerweile ist diese einst blühende Bildungslandschaft zu einer Wüste der Vergesslichkeit geworden


4. Nicht so wichtig: Kracht, Pop und Fernreisen Auf den Zivildienst folgte das Studium und mit ihm ausgedehnte Reisen in den Semesterferien. Die Bücher wurden dünner. Ich habe das Konzept der Popliteratur nie wirklich verstanden. Was mich aber faszinierte, als ich an einem ostasiatischen Strand lag, war, dass es anscheinend Menschen gab, die ihr Leben zwischen Kairo, Kathmandu und Bogotá verbrachten und sehr amüsant darüber schreiben konnten. Außerdem interessierte mich das rothaarige Mädchen, das Germanistik studierte und mich zu einer Kracht-Lesung in die LMU mitschleppte. Es begann mit „Ferien für immer“ von Eckhart Nickel und Christian Kracht. Gleich im Anschluss folgte „Der gelbe Bleistift“ von Kracht, und etwas später dann auch „Tiger fressen keine Yogis“ von Helge Timmerberg. Ich konnte mir lange Zeit kein besseres Dasein vorstellen als dasjenige dieser Autoren. Die Pop-Literatur verschwand irgendwann in den ersten Nuller-Jahren von der Bildfläche. Ich trauerte ihr nicht nach, denn sobald diese Art der Literatur ohne die Exotik und Skurrilität ferner Länder auskommen musste, wurde sie fad.


5. Neues Zeug: Truman Capote/Tom Wolfe Journalisten haben ja kaum Zeit, um Bücher zu lesen. Die Woche beginnt mit dem Spiegel. Liest man einigermaßen zügig, hat man den bis Mittwoch durch und kann dann Donnerstag/Freitag die ZEIT durchackern, sich am Wochenende die Magazine vornehmen und am Sonntag kurz noch in die FAS reinschauen. Dazu kommt jeden Morgen die Süddeutsche und gefühlte 7548 Klicks auf SpiegelOnline in der Woche. Selbst wenn man noch die Zeit für ein Buch findet, hat man eigentlich keine Lust mehr zu lesen. Amerikanische New-Journalism-Schriftsteller wie Truman Capote und Tom Wolfe schlagen da eine Brücke: Weil sie so anschaulich und plastisch schreiben wie Magazinjournalisten ihre Reportagen und weil sie gleichzeitig Stoffe bearbeiten, die das Zeug zur großen Tragödie taugen. „Kaltblütig“ von Truman Capote ist so ein Buch und eigentlich alles andere von ihm auch. „Fegefeuer der Eitelkeiten“ war der erste 1000-Seiten-Backstein, den ich nach meinem Zivildienst wieder las.


Epilog Es gibt einige Bücher, die ich unbedingt noch lesen möchte, die aber in enger Verwandtschaft zu solchen stehen, bei denen ich nach ca. 150 Seiten kapituliert habe. Ich werde sie lesen, wenn ich mindestens 60 bin, viel Zeit, einen Ohrensessel und einen offenen Kamin besitze. Dazu gehören: „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil, „Ulysses“ von James Joyce, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust und Sachbücher über Ameisen.

Text: philipp-mattheis - Illustration: Katharina Bitzl

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