Produktbiografie: Meine Jeans

Zu einer Biografie gehören nicht nur Schulabschlüsse und Wohnorte, sondern auch die Produkte, Frisuren und Moden. Heute: Christiane und ihre Jeans-Entwicklung
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[b]Die Latzhose[/b] Kaum hatte ich es fertiggebracht, mich auf meinen eigenen Beinen zu halten und mich, noch leicht wacklig, fortzubewegen, durfte ich meine erste Jeans in Empfang nehmen: eine Latzhose! Unglaublich niedlich, unglaublich unpraktisch, dank des Latzes. Dieser war mit einer Art Hosenträgern an meiner Vorderseite befestigt und gewährte so zwar einen sicheren Halt, machte aber die Befriedigung gewisser Bedürfnisse so umständlich, so dass regelmäßig die Mutter zu Hilfe eilen musste, um das Malheur zu verhindern. Fies: der Papa, der mich an den Trägern packte und daran hochzog, wenn ich unartig war. Das Trauma habe ich inzwischen überwunden, Latzhosen trag ich allerdings trotzdem nicht mehr.


[b]Die Hochwasserhose[/b] Es gibt auf der ganzen Welt keinen anderen Begriff, der eine Sache so treffend beschreibt wie die Hochwasserhose die Hochwasserhose. Ich war kantig und jung, wuchs in alle Richtungen und das mit einer Geschwindigkeit, die meine Eltern und die Modeverkäuferinnen kopfschütteln lies. Jede meiner normalen Jeans wurde automatisch zur Hochwasserhose, deren Bund uncharmant meine Knöchel umrollte und meinen bunten Strümpfen viel Raum zur Entfaltung bot. Welch grauenvoller Anblick, der nur mit jugendlichem Unwissen verziehen werden kann! Damals freilich war mir das relativ wurscht, denn Mode kümmerte mich allgemein noch herzlich wenig. Später werde ich die Verbrechen meiner Eltern sühnen und meine Kinder in Hochwasserhosen nicht aus dem Haus lassen.


[b]Die Levi’s 501[/b] Es gibt wenige Marken, für die ich mit meinen Eltern Streit angefangen habe. Levi’s darf sich als eine davon rühmen. Immer habe ich mich zwar gefragt, wofür das „501“ eigentlich stehen soll (eine Modellnummer lediglich? Die geheime Zusammensetzung der Materialien?), aber das war nebensächlich. Die Levi’s 501 war eine gute Zeitlang DIE Jeans, nach der sich all mein Sehnen richtete, in deren Besitz ich den Schlüssel zum Erfolg beim männlichen Geschlecht vermutete. Nach Bitten, Betteln und gekünstelten Erklärungsversuchen, was an dieser Jeans die 160 Mark rechtfertigt, habe ich sie bekommen. Hellblaues Denim, perfekte Passform und das ersehnte rote Schildchen am Hintern. Alles wurde besser. Natürlich. Ähnlich dramatisch wurde es nur noch bei der dunkelblauen MissSixty Jeans ein paar Jahre später, aber das ist eine andere Geschichte.


[b]Die Schlaghose[/b] Mit vierzehn war mir alles dienlich, was möglichst viel von meinem Körper versteckte und – wenn möglich – noch gleich meine Größe kaschierte. So jubilierte ich, als die Schlaghose in den Neunzigern ihr Comeback feierte, denn sie erfüllte genau jenen Zweck: kleiner und kompakter aussehen, betont gleichgültig dabei. Ich richtete meinen Schrank gleich liebevoll mit den verschiedensten Modellen ein: helles Denim, dunkles Denim, irgendwas zwischendrin Denim. Herrlich, wie diese enorme Trompete vom Knie abwärts sich öffnend weich auf halber Fußlänge landete und an der Ferse lässig im Partydreck schlurfte, bevor sie dort immer mehr auszufransen begann.


[b]Der Jeans-Mini[/b] Mädchen sein ist dann besonders schön, wenn es einem Dinge zu tragen erlaubt, die so elementar für die Weiblichkeit sind wie der Jeans Minirock. Mit „Mini“ meine ich selbstredend nicht jene gürtelgleichen Umschnaller, die mit gutem Willen betrachtet, gerade noch den Hintern bedecken. Ich meine den klassischen Mini der Frauenbewegung der 68er, denn der ist bestimmt noch mal fünf Zentimeter länger, aber dennoch kurz genug. Mit fünfzehn habe ich meine Liebe zum Jeans Mini entdeckt, als ich bemerkte, dass ich Beine habe. Ich bemerkte anschließend, dass es durchaus in Ordnung ist, diese auch mal vorzuzeigen. Von da an trug ich den Mini mit Stolz. Wann immer, wohin immer.


[b]Die Röhrenjeans[/b] Noch immer in Mode: die Röhrenjeans. Sie ziert die Waden von Mädchen und Jungs und ist gleichermaßen heißgeliebt und viel verpönt. Ich finde Röhrenjeans super, zumindest an Frauen. Man muss sich darin ja nicht automatisch untergewichtige Schauspielerinnern mit riesigen Sonnenbrillen vorstellen, deren size Zero Röhre um den knöchernen Po schlabbert. Und nein, auch wenn diese vor allem schlanken Beinen schmeichelt, ist sie noch lange nicht diskriminierender als jede andere Jeans.

Text: christiane-lutz - Grafik: Christian Fuchsberger

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