Produktbiografie: Meine Süchte

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Süßigkeiten Sucht kommt von Suchen, ist so ein Sozialpädagogen-Spruch, in meinem Fall aber die Wahrheit. Meine Suchtkarriere nämlich begann mit Süßigkeiten. Eine Sucht ist relativ klar definiert: Nach der ICD-10 („Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“) müssen mindestens drei von sechs Kriterien erfüllt sein, um von Sucht sprechen zu können. Da mein kleiner Bruder und ich starkes, „oft unüberwindbares Verlangen“ verspürten, Unmengen von Gummibären und Schokolade in uns hineinzustopfen, erfüllten wir mindestens ein Kriterium des Abhängigkeitssyndroms. (Es trafen auch zu: Das „Benötigen immer größerer Mengen“, „ fortdauernder Gebrauch der Substanz(en) wider besseres Wissen und trotz eintretender schädlicher Folge“ sowie „ Schwierigkeiten, die Einnahme zu kontrollieren“. Da unsere Mutter natürlich um unser Wohl besorgt war, versteckte sie metallene Box irgendwo im Haus. Sobald wir uns sicher wähnten, machten wir uns auf die Suche. Meist fanden wir die glänzende Schatzkiste irgendwann und stopften dann wild den Inhalt in uns hinein.


Gameboy Angesichts von Xbox, Wii und Playstation Portable kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass ein so ein kleiner grauer Kasten mit zweifarbigen Display wie der Gameboy von Nintendo eine solche Sogwirkung entfalten konnte. Doch Sucht hat nicht zwangsläufig immer mit der Qualität der Droge zu tun. Als Zehnjähriger verbrachte ich mehrere Stunden täglich in einer der Apathie gleichenden Verhaltensstarre: Die geröteten Augen weit aufgerissen, den Rücken gekrümmt, nahezu nicht auf Reize der Außenwelt reagierend, huschte nur meine Daumen über die Plastikköpfe. Hier trafen mindestens drei Suchtkriterien zu: - Schwierigkeiten, die Einnahme zu kontrollieren - fortschreitende Vernachlässigung anderer Verpflichtungen - Starkes, oft unüberwindbares Verlangen, die Substanz einzunehmen


Kiffen „Der Alex hat am Samstag 26 Töpfe geraucht“, sagte Tom. Dann presste er seinen Mund auf die gläserne Öffnung der Bong, fuchtelte mit dem Feuerzeug über den kleinen Behälter mit Mischung herum und das mittlerweile braungelb gewordene Wasser blubberte. Bongkiffen war mit im Alter von 15 bis 17 ein weit verbreiteter Sport unter Jugendlichen. Wer die meisten Töpfe kiffen konnte, war König. Wer darin gut sein wollte, musste viel üben, so dass andere Betätigungen wie Schule, aber auch Skateboardfahren oder Fußballspielen weitgehend auf der Strecke blieben. Stattdessen fand man sich in einem Kreis sedierter Kiffer wieder, die ab und zu ein „Boaaaah, bin ich dicht“ oder „Gib mir mal die Bong“ von sich gaben, ansonsten aber schwiegen. Ich hörte damit auf, als Tom wegen einer Psychose in die Psychiatrie kam. Allerdings, muss ich eine Lanze für Cannabis brechen. Bei genauer Betrachtung treffen nur zwei der Suchtkritieren zu, und zwar: − Benötigen immer größerer Mengen, damit die gewünschte Wirkung eintritt − fortschreitende Vernachlässigung anderer Verpflichtungen, Aktivitäten, Vergnügen oder Interessen
Strategie-Spiele am PC Die nun folgende Sucht ist eine der unscheinbarsten, aber in ihrer asozialen Wirkung nicht zu unterschätzen. Sie begann schleichend und sie endete erst vor ein paar Jahren mit dem Kauf eines Macbooks. Als Student mit relativ viel Freizeit gesegnet, verbrachte ich nahezu täglich Stunden mit dem Zocken von Strategie-Spielen auf dem PC. Bloße Namen „Age of Empires“, „Civilization 2 bis 4“, „Rome: Total War“ oder „Europa Universalis 2“ bringen in meinem Gehirn Glücksneuronen zum Feuern. Ich vergaß bei diesen Spielen regelmäßig die Zeit – drei Stunden, nachdem ich den Computer angeschaltet hatte, war ich zu einem grauhäutigen, schlecht durchbluteten, Zigaretten qualmenden Nerd mit krummen Rücken mutiert, der sich nur mit Schlachten und Waffengattungen auseinandersetzte. Die einzige Möglichkeit, meinen Konsum zu begrenzen, bestand darin, einen Wecker zu stellen. Von dem Stoff kam ich erst vor ein paar Jahren los, als mein PC seinen Geist aufgab und ich mich für den Kauf eines Macbooks entschied. Auf dem laufen nämlich die meisten Spiele nicht. Auch hier trafen vier Syndrome zu: - Schwierigkeiten, die Einnahme zu kontrollieren - fortschreitende Vernachlässigung anderer Verpflichtungen, Aktivitäten, Vergnügen oder Interessen - Starkes, oft unüberwindbares Verlangen, die Substanz einzunehmen - fortdauernder Gebrauch der Substanz(en) wider besseres Wissen und trotz eintretender schädlicher Folgen.

Zigaretten Die gängigste und wahrscheinlich schlimmste aller Abhängigkeiten begleitete mich all die Jahre im Hintergrund. Ich fing mit 15 Jahren an zu rauchen und dampfte seitdem eine Packung täglich. Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem ich nicht rauchte – egal, ob nach dem Sport, total verkatert oder auf einem Berg, immer qualmte etwas zwischen meinen Fingern. Ich empfand es nie als Problem und versuchte kein einziges Mal damit aufzuhören. Aber irgendwann dann doch. Es ging! Einfach, viel einfacher, als gedacht hatte – ohne Nikotinpflaster, Hypnose und komische Bücher. Ich hörte einfach auf – von einem Tag auf den anderen. Das heißt, nicht ganz. Ich bin jetzt so eine Art Gelegenheitsraucher. Ich qualme, wenn ich Alkohol trinke und manchmal, ganz selten, auch so. Das klappt ganz gut, aber mit jeder Zigarette nähre ich meine Nikotinsucht ein Stück weiter. Irgendwann muss ganz Schluss sein damit. Beim Rauchen treffen fünf der sechs Kriterien zu: - Starkes, oft unüberwindbares Verlangen, die Substanz einzunehmen - Schwierigkeiten, die Einnahme zu kontrollieren - körperliche Entzugssymptome - Benötigen immer größerer Mengen, damit die gewünschte Wirkung eintritt - fortdauernder Gebrauch der Substanz(en) wider besseres Wissen und trotz eintretender schädlicher Folgen.



Text: philipp-mattheis - Illustration: Katharina Bitzl

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